Interview

«Der Abschied fällt mir nicht leicht»: Reina Gehrig folgt Pro Helvetias Ruf

Nutzt «eine Chance, die sich nur alle zehn Jahre bietet»: Reina Gehrig.

Nutzt «eine Chance, die sich nur alle zehn Jahre bietet»: Reina Gehrig.

Die abtretende Direktorin der Solothurner Literaturtage nimmt im Interview Stellung zum Jobwechsel und zum täglich nötigen Spagat zwischen Familienleben und Berufstätigkeit.

Reina Gehrig (37) verlässt nach der 42. Auflage per Ende Juli dieses Jahres die Solothurner Literaturtage. Sie wechselt zur Kulturstiftung Pro Helvetia. Dort übernimmt sie die Leitung der Abteilung Literatur in einem 80-Prozentpensum. Wir sprachen mit ihr über den Spagat zwischen erfolgreicher Berufstätigkeit und dem Familienleben mit zwei kleinen Kindern.

Reina Gehrig, herzliche Gratulation zur neuen beruflichen Herausforderung. Können Sie uns sagen, warum Sie nach sieben Jahren die Solothurner Literaturtage verlassen?

Reina Gehrig: Die Leitung der Abteilung Literatur bei der Pro Helvetia ist eine neue berufliche Herausforderung, die mich interessiert und die nur alle zehn Jahre neu zu besetzen ist. Es war daher für mich wichtig, mich jetzt zu bewerben. Ich arbeite seit sieben Jahren als Leiterin bei den Solothurner Literaturtagen und ich hatte mir beim Start schon gesagt, dass ich dieses Amt höchstens zehn Jahre ausüben will.

Sie verlassen Solothurn mit einem weinenden und einem lachenden Auge, haben Sie gesagt.

Ja, das stimmt. Der Abschied fällt mir nicht leicht. Die Literaturtage sind aber zum Glück gut aufgestellt und das Team funktioniert bestens. Ich hatte im vergangenen Jahr Mutterschaftsurlaub und die Organisation verlief dennoch reibungslos. Ein wichtiger Punkt, der mir auch bewies: Jeder ist ersetzbar.

Wie schaffen Sie es als junge Mutter, einen so zeitintensiven Job zu bewältigen? Eine Frage, die junge berufstätige Frauen sehr beschäftigt.

In meinem Bekanntenkreis gehen alle Mütter einer beruflichen Tätigkeit nach und es ist tatsächlich nicht immer einfach, Beruf und Familienleben unter einen Hut zu bringen. Insbesondere auch im Festivalgeschäft, in dem ich jetzt seit vielen Jahren tätig bin. Da gibt es Peak-Zeiten, die eine grosse Präsenz bedingen. Im neuen Amt habe ich dann eine gleichbleibende Arbeitsbelastung. Darauf freue ich mich. Das Familienleben wird besser planbar sein.

War das auch ein Grund zum Wechsel?

Es spielte sicher eine Rolle. Obwohl ich in Bern wohne, und dann nach Zürich pendeln werde. Pendeln werde ich also weiterhin, allerdings werde ich dann sicher einiges an Arbeit auch im Zug erledigen können.

Wie bringen Sie und Ihr Partner Berufs- und Familienleben unter einen Hut?

Wichtig war uns immer, dass Vater und Mutter je einen Tag pro Woche mit den Kindern verbringen. Das heisst, mein Mann, der nicht Vollzeit arbeitet, hat seinen Familientag, und ich habe meinen Tag mit den Kindern. An zwei Tagen besuchen die Kinder die Kita und die Grosseltern übernehmen je einen Tag.

Und das funktioniert so?

Ja, zum Glück läuft es gut. Ich bin eine grosse Verfechterin von Kitas. Die Kinder lernen dort so viel, haben andere Spielmöglichkeiten als zu Hause, lernen Sozialverhalten. Dazu ist es auch ein Geschenk, wenn die Grosseltern-Generation den Kindern Halt geben kann. Natürlich muss man bei all dem flexibel bleiben. Auch der Arbeitgeber. Er muss wissen, dass es passieren kann, dass ein Elternteil später zur Arbeit kommt, weil man vielleicht mit dem Kind noch zum Arzt gehen musste. Ich finde aber, heute soll es auch dank den vielen elektronischen Hilfsmitteln möglich sein, ein solches Arbeits- und Familienmodell zu leben.

Dabei sind wir in der Schweiz, verglichen mit anderen europäischen Staaten, noch nicht sehr weit. Stichwort Mutterschaftsurlaub, Vaterzeit oder gar Elternzeit.

Vor allem im ersten Jahr nach der Geburt eines Kindes kommt man als berufstätige Eltern oft an seine Grenzen, denn die Kinder schlafen ja noch nicht durch. Letzte Nacht war ich zum Beispiel viermal wach. Und dann will man am Tag eine volle berufliche Leistung bringen. Das alles kann einen schon an die Grenzen bringen. Ich habe gelesen, dass eine Mutter im ersten Jahr durchschnittlich 700 Stunden Schlaf zu wenig bekommt.

In der Schweiz sollte es doch möglich sein, attraktivere Arbeitsbedingungen für berufstätige Frauen zu schaffen.

Das finde ich auch. Als unsere Tochter vor drei Jahren geboren wurde, fand nach dem Mutterschaftsurlaub gerade die Frankfurter Buchmesse statt. Mein Mann begleitete mich mit dem Kind dorthin, ich war noch voll am Stillen und musste die Arbeit immer mal wieder unterbrechen. Die deutschen Kolleginnen schüttelten nur den Kopf, dass ich mit einem so kleinen Kind schon wieder am Arbeiten war.

Warum sind wir aus Ihrer Sicht noch nicht so weit?

Es fehlt bis jetzt der starke politische Wille. Und ich finde, mit dem Frauenstreik letzten Sommer ist vielen wieder stärker bewusst geworden, dass man sich engagieren muss, um etwas zu erreichen. Ich bin zuversichtlich, dass in diesem Bereich Bewegung in der Gesellschaft ist. Die Frauen sind gut ausgebildet und wollen arbeiten. Die Wirtschaft will auch nicht auf sie verzichten. Nur stammen unsere Arbeitsstrukturen noch aus den Siebzigerjahren.

Es gibt Frauen, die reiben sich stark zwischen Familie, Beruf und Partnerschaft auf und zerbrechen fast an der Mehrfachbelastung. Wie schaffen Sie das?

Ich kann ziemlich gut organisieren – das ist ja ein wesentlicher Teil meines Berufs. (lacht) Es ist wichtig, sich auf diejenige Tätigkeit zu konzentrieren, an der man gerade steht. Bin ich an der Arbeit, denke ich nicht ans Zuhause und bin ich zu Hause, ist die Arbeit weit weg. Und dann hat man ja auch noch die Möglichkeit, ein Handy oder einen PC auszuschalten. Das muss man sich herausnehmen.

Stichwort Grosseltern. Auch Sie nutzen diesen Hütedienst. Ohne ginge es wohl auch nicht?

Ich habe das Glück, dass unsere Eltern sehr gerne mit ihren Enkeln zusammen sind. Wenn ich mich in meinem Wohnquartier umsehe, begegnen mir ständig kinderhütende Grosseltern. Da wird enorm viel freiwillige Arbeit geleistet. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass für manche Eltern die Kitas einfach zu teuer sind. Das muss unbedingt geändert werden. Vor allem weil diese Grosseltern-Generation oft einer Doppelbelastung ausgesetzt ist und auch noch ihre alten Eltern betreut und pflegt.

Und wie steht es mit den Vätern?

Viele Väter sehen es heute als selbstverständlich an, dass sie in die Kinderbetreuung eingebunden sind – und dies auch ganz bewusst wollen. Die Zeiten, als ein Mann, der Teilzeit arbeiten wollte, belächelt wurde, sind nun wirklich vorbei.

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