Gastautor

«Denn wir wissen nicht, was wir tun …»

«Es gibt vieles, was heute als gesichert ökologisch gilt, beispielsweise Solarzellen auf dem Dach. Bei der Elektromobilität scheiden sich dagegen schon die Geister», so Josef Maushart.

Während der Kampf für die Energiestrategie 2050 noch sehr anstrengend war, gehört es mittlerweile zum guten Ton, sich klimafreundlich zu geben. Bei den politischen Parteien stellen die Roten fest, dass sie schon grün waren, bevor es die Farbe Grün politisch überhaupt gab. Und weil die Blauen irgendwie keine grüne oder auch nur türkise Tradition hatten, haben sie die Parteibasis befragt. Wir, also die Orangen, haben es da einfacher. Immerhin hat unsere Bundesrätin Doris Leuthard die Energiestrategie 2050 erfunden, und damit sind wir sozusagen «urgrün».

Schwieriger wird es hingegen bei den konkreten Massnahmen. Es gibt vieles, was heute als gesichert ökologisch gilt, beispielsweise Solarzellen auf dem Dach. Bei der Elektromobilität scheiden sich dagegen schon die Geister. In den fünf Jahren, in denen ich nun elektrisch Auto fahre, bin ich gefühlt 100 Mal mit dem Zweifel konfrontiert worden, dass die graue Energie bei der Batterie so hoch sei, dass das schlechter sei als ein guter Diesel. Nun gut, zuletzt war das mit dem Diesel nicht mehr so oft zu hören. Wie ist es aber nun? Das Schlimme ist, dass wir es vielfach nicht genau genug und nicht umfassend genug wissen.

In meiner Firma bauen wir beispielsweise die Fahrzeugflotte auf Elektromobilität um, weil wir wissen, dass wir damit CO2 und Geld sparen. Wir wissen aber nicht genau, ob wir damit anderswo mehr CO2 verursachen, und wir wissen auch nicht, ob unsere Batterien mit Öko- oder Kohlestrom hergestellt werden. Wir bereiten die Werkzeuge unserer Kunden so auf, dass sie mehrfach wie neue Werkzeuge eingesetzt werden können. Das ist für uns und unsere Kunden wirtschaftlich sehr attraktiv. Und wir gehen davon aus, dass es auch ökologisch sinnvoll ist, zumal das Grundmaterial dieser Werkzeuge sehr wertvoll ist. Weil das aber für ganz Europa zentral in einem Werk gemacht werden muss, braucht man dafür auch eine gewaltige Logistik, und die verursacht zweifellos CO2. Während wir ökonomisch schnell wissen, was richtig und was falsch ist, können wir diese Frage ökologisch meist nicht sicher beantworten.

Als Ingenieur sage ich: «Was ich nicht messen kann, das kann ich auch nicht verbessern!» Bei der Ökologie kommt nun sogar eine zweite Dimension hinzu. Wir müssen nicht nur die direkte Wirkung, sondern auch die indirekte, die am anderen Ende der Welt ausgelöst wird, bedenken. Um unsere Firmen zu wirklich nachhaltigen Unternehmen weiterentwickeln zu können, müssen wir umfassende Antworten auf Fragen wie die oben beschriebenen bekommen. Und das ist heute möglich! Wir Unternehmer müssen daran gehen, sowohl für unsere Firmen als auch für unsere Produkte auf ihrem Lebensweg über viele Länder und Grenzen Ökobilanzen zu erstellen. Die Ökobilanzen werden uns aufzeigen, in welchem Ausmass welches Verhalten die Umwelt belastet. Und sie werden uns zu Innovationen inspirieren, die ökonomisch und ökologisch wertvoll sind!

Bei den grossen Fehlern in der Geschichte steht immer wieder die gleiche Frage im Raum: Haben die Menschen damals gewusst, was vor sich geht? Und die Antwort heisst meist: Sie hätten es wissen können. Diesmal geht es aber nicht um ein Land und ein Volk, diesmal geht es um die Schöpfung! Und wir wissen diesmal genau, was wir tun, jedenfalls können wir es wissen, wenn wir es wissen wollen! Die Frage ist nur, ob wir uns aufraffen und etwas verändern! Wir, die Babyboomer und die Generation X, die jetzt an den Hebeln der Macht und des Geldes sitzen und die Welt in Richtung Nachhaltigkeit entwickeln können, sind jetzt gefordert! Die Ausrede, dass der Einzelne oder auch die kleine Schweiz nichts ausrichten kann, gilt weder vor dem letzten Richter noch vor der nächsten Generation!

Meistgesehen

Artboard 1