Nachgefragt

«Den meisten Leuten ist nicht bewusst, dass wir ein Grenzkanton sind»

Der 64-Jährige ist seit sechs Jahren Solothurner Kantonsrat der Freisinnigen. Der pensionierte Direktor der Stromversorgerin Elektra Birseck wohnt in Dornach.

Der 64-Jährige ist seit sechs Jahren Solothurner Kantonsrat der Freisinnigen. Der pensionierte Direktor der Stromversorgerin Elektra Birseck wohnt in Dornach.

Der Solothurner Kantonsrat Hans Büttiker arbeitet über die Grenze hinweg. Er setzt sich für die gemeinsame Arbeit mit Grenzgängern ein. Im Interview spricht er über Industrie, Wirtschaft und Grenzen der Schweiz und ihrer Nachbarländer.

Als Fast-Nachbar Frankreichs, wie haben Sie es mit dem Französisch?

Hans Büttiker: Punkto Sprachen bin ich kein Hirsch. Dennoch habe ich im Schwarzbubenland 24 Jahre lang ein Unternehmen geleitet. Und die Elektra Birseck Münchenstein beschäftigt seit Jahrzehnten auch rund 30 Mitarbeitende im Elsass. Ich arbeitete also stets über die Grenzen hinweg. Dennoch war unsere Firmensprache Deutsch. Das konnten die elsässischen Delegierten auch verstehen.

Sie vertreten Solothurn seit gut einem Jahr im Oberrheinrat. Was sind dort Ihre Anliegen?

Mir ist wichtig, dass wir wirtschaftlich gleich lange Spiesse haben. In den letzten Jahren war das nämlich alles andere als klar: Das Gestürm um den Euro-Airport, welches die Streichung der Privilegien der Schweizer Betriebe zum Ziel hatte, oder der Ruf nach der Besteuerung der Grenzgänger in der Schweiz – ständig drohen Verschlechterungen.

Ob der Aktualität ist Ihre Oberrheinrats-Kommission Wirtschaft–Arbeitsmarkt derzeit wohl besonders gefordert?

Tatsächlich wären wir besonders gefordert, die Aufhebung des Mindestzinses durch die Nationalbank wurde bisher aber nicht gross zum Thema gemacht. Wir müssen den Entscheid schlicht akzeptieren.

Fragt sich: Sind die Interessen Frankreichs, Deutschlands und der Schweiz nicht zu unterschiedlich?

Ja und nein. Es ist nun mal so, dass wir in der Nordwestschweiz mit 50 000 Grenzgängern zusammenleben, die Schweizer Industrie in Frankreich aber als enorme Konkurrenz gesehen wird. Ob man es nun wahrhaben will oder nicht, die Grenzgänger tragen zur Prosperität in unserer Region bei.

Im Oberrheinrat sind wir Schweizer also nur Zuschauer?

Das ist zwar überspitzt formuliert, doch stellen Elsass und Baden-Württemberg schlicht mehr Delegierte. Nicht gerade förderlich sind dabei auch politische Entscheide der Schweiz in jüngerer Zeit. So lang offen ist, wie es mit dem Verhältnis zur EU weitergeht, spüren wir auch im Oberrheinrat eine gewisse Zurückhaltung.

Der Oberrheinrat fordert schon länger, sein Gebiet müsse zweisprachig bleiben. Er gelangte damit auch an die Nordwestschweizer Regierungskonferenz. Hat Solothurn Handlungsbedarf?

Nein. Wir arbeiten ja schon viel dualer. Und es gibt immer wieder ausländische Berufsschüler, die bei uns auf Deutsch eine Schweizer Lehre machen. Das klappt bestens.

Finden Ihre Themen aus dem Oberrheinrat in Solothurn überhaupt Gehör?

(Überlegt.) Solothurn ist etwas weit weg von der ganzen Thematik. Zwar sind wir ein Grenzkanton, den meisten Leuten ist das aber nicht bewusst. Im Kantonsrat wurde ja auch schon verlangt, das Engagement im Oberrheinrat sei zu beenden. Doch das wäre schade.

Stört es Sie, dass Ihre Arbeit im Oberrheinrat daheim kaum Thema ist?

Ja, klar. Aber das ist unsere Realität im Schwarzbubenland.

Heiss diskutiert über die Grenze wird in Solothurn jeweils einzig, wenn Diebesbanden Thema sind.

Klar gibt es Schurken. Aber das sind nicht zwingend Franzosen, sondern die haben einfach ihre Stützpunkte im Elsass. Auch wenn ich es ebenfalls nicht gutheisse, gibt es den Einkaufstourismus oder die deutschen und französischen Handwerker, die massiv billiger Küchen montieren. Die Grenze ist bei uns schlicht viel alltäglicher, weniger exotisch. Früher hatte ich zum Beispiel zu Hause stets drei Portemonnaies mit Franken, Francs und Mark. Heute habe ich nur noch eines, aber ebenfalls immer Euros dabei (zieht Franken- und Euro-Scheine hervor, d. Red.).

Wie könnte das Interesse im Kanton für andere Regionen geweckt werden?

Dazu gibt es nicht «die» Lösung. Ansätze, wie sie das Gymnasium Laufen verfolgt, mit einer bilingualen Matura zusammen mit dem Gymnasium Pruntrut, gehen in
die richtige Richtung. Damit kann man Jugendliche dazu bringen, über die eigene raison-d’être hinaus zu denken.

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