Gastkolumne

Den Druck aufrechthalten

Ein Bild vom Frauenstreik 2019 Solothurn.

Ein Bild vom Frauenstreik 2019 Solothurn.

Gastkolumne zu den Frauen, die auf die Strasse gingen.

Mehr als 500'000 Frauen und solidarische Männer sind am vergangenen 14. Juni auf die Strasse gegangen und haben am schweizweiten Frauen*streik auf ihre Forderungen aufmerksam gemacht. Alleine im Kanton Solothurn waren es über 2500 Personen. Dabei spielt es wohl keine Rolle, ob die Frauen tatsächlich die Arbeit niederlegten, um zu streiken, oder ob sie Gleitzeit oder Ferien bezogen. Fakt ist, dass sie ihre Unzufriedenheit auf die Strasse trugen. Es war eindrücklich, mitzuerleben, wie die Solothurner Innenstadt von Demonstrierenden geflutet wurde, ent-schlossen, farbig und laut!

Es ist denn auch kaum abzustreiten, dass die Forderungen der Frauen berechtigt sind. Seit 38 Jahren ist der Gleichstellungsartikel in der Bundesverfassung verankert. Trotzdem bestehen nach wie vor Lohnunterschiede von rund 20 Prozent zwischen Männern und Frauen. Zudem leisten die Frauen die Mehrheit der unbezahlten Arbeit, hauptsächlich im Haushalt und in der Betreuung. Der Wert dieser Arbeit liegt bei rund 245 Milliarden Franken. Trotzdem sind sie im Rentenalter, aufgrund ihrer Rolle und der Lohnunterschiede, mit tiefen Renten bestraft.

Bereits auf die Mutterschaftsversicherung mussten die Frauen 60 Jahre lang oder, anders ausgedrückt, zwei Generationen warten. Dafür ist sie im europäischen Vergleich eher knausrig ausgefallen. Ganz zu schweigen vom Angebot der Kindertagesstätten, bei welchem die Schweiz ebenfalls im internationalen Vergleich schlecht dasteht. Während eine Familie im EU-Durchschnitt rund 11,2 Prozent des Nettoeinkommens für die Kita ausgibt, zahlt man in der Schweiz doppelt so viel. Dies führt nicht selten dazu, dass sich Frauen gut überlegen müssen, ob sie sich eine solche Betreuung leisten können und ob sich eine teilzeitige Arbeitsaufnahme überhaupt rechnet.

Weiter stellte eine neuliche Studie von Amnesty International Schweiz fest, dass in der Schweiz jede fünfte Frau ab dem 16. Altersjahr bereits einmal einen sexuellen Übergriff erleben musste. 40 Prozent der befragten 4495 Frauen geben zudem an, sich Sorgen zu machen, im Alltag sexuell belästigt zu werden. 59 Prozent haben eine solche bereits erfahren müssen.

Dennoch bleiben die meisten sexuellen Übergriffe in der Schweiz unbestraft. Die Gründe dafür liegen, laut Aussagen von Experten, im veralteten Sexualstrafrecht der Schweiz sowie in Vergewaltigungsmythen, die in der Gesellschaft und im Justizsystem verbreitet sind. Sie führen zu einer Abwertung und Mitverantwortung der Opfer, weshalb viele Opfer die Tat verschweigen und keine Anzeige erstatten.

Es ist also höchste Zeit, zu handeln und die Missstände zu beseitigen – und zwar subito! Und all denjenigen, die die Frauenbewegung abwegig finden oder gar ins Lächerliche ziehen, wie dies in den letzten Tagen in den sozialen Medien zu beobachten war, rate ich, sich die Fakten vor Augen zu führen und das Gehirn einzuschalten. Es gibt keinen Grund, die berechtigten Forderungen der Frauen infrage zu stellen.

Im Gegenteil! Es ist an uns allen, als Gesellschaft, Ungerechtigkeiten gegenüber den Frauen aus dem Weg zu räumen und damit die Gleichberechtigung umzusetzen. Freiwilligkeit ist keine Option, das hat uns die Vergangenheit gelehrt. Diskriminierungen sowie jegliche Übergriffe auf Frauen sind zu ahnden und zu sanktionieren. Dafür müssen die Gesetze revidiert, verschärft und Mythen über Bord geworfen werden. Es wäre deshalb wünschenswert, dass die Frauen den öffentlichen Druck aufrechthalten und, falls es weiterhin nicht vorwärtsgeht, nicht wieder 28 Jahre zu warten bis zum nächsten Frauen*streik.

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