Solothurn

Demenz trifft die ganze Familie im Innersten: Wird die Kesb erst aktiv, ging bereits einiges schief

Susanna Frigerio, Marianne Wolfensberger und Stefan Armenti (v.l.) referierten im Bürgerspital.

Susanna Frigerio, Marianne Wolfensberger und Stefan Armenti (v.l.) referierten im Bürgerspital.

Alzheimer Solothurn holt ein «Thema mit Sprengstoff» aus der Tabuzone und zu den Leuten. Die Betroffenheit war gross, wie der Andrang am Informationsanlass zeigte.

Beinahe bis auf den letzten Platz besetzt ist die Aula des Bürgerspitals in Solothurn an diesem Abend. Vielleicht wünschen sich viele der Anwesenden im Insgeheimen, dass sie nicht hier sein müssten, denn das Thema des Abends ist ein bedrückendes: «Demenz und deren rechtliche Folgen».

Das Ziel der Veranstaltung, organisiert vom Verein Alzheimer Solothurn, ist es, über Demenz und das Eingreifen der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) zu informieren. «Alzheimer und andere Demenzkrankheiten müssen uns als Gesellschaft beschäftigen. Das sind wir den Kranken und den Angehörigen schuldig», sagt Ernst Zingg, Präsident von Alzheimer Solothurn, in seiner Begrüssung. Tatsächlich ist es ein Thema, das auf indirekte Weise die gesamte Gesellschaft betrifft: Etwa 155'000 Menschen in der Schweiz leben mit Demenz. Deren Versorgung, Behandlung und Pflege koste jährlich 11,8 Milliarden Franken, informiert Zingg.

Es trifft die Familie im innersten Kern

Laut Schweizerischem Zivilgesetzbuch schaltet sich im Fall von Demenzerkrankungen früher oder später die Kesb ein (vgl. Text unten: Wann Behörde eingreift). Diese entscheidet über gesetzliche Vertretungsbefugnisse, Beistandschaften und andere behördliche Massnahmen, wenn eine Person urteilsunfähig wird, was auf die meisten Demenzerkrankten zutrifft.
«Das Thema ‹Demenz und die Rolle der Kesb› hat Sprengstoff, denn es betrifft die Familien im innersten Kern», gibt Stefan Armenti, Präsident der Kesb Region Solothurn, zu. «Die Kesb als offizielle Behörde hat eine gewisse Distanz zu den Leuten», fährt er fort. Dies sei einerseits gut, da dies Objektivität schaffe bei den Entscheidungen. Andererseits jedoch auch negativ, da es auf einige Menschen abschreckend wirke. «Die Kesb will aber den Menschen nicht schaden, sondern helfen. Man braucht keine Angst vor der Kesb zu haben», beruhigt er das Publikum. Die Kesb arbeite zusammen mit den Betroffenen, Angehörigen, medizinischem Personal und Sozialarbeitenden, um in jedem einzelnen Fall eine individuelle Entscheidung zu treffen, mit der die betroffene Person und ihr Umfeld bestmöglich administrative und rechtliche Aspekte des Lebens bewältigen können.

Das Unausweichliche verdrängen ist ein Fehler

Ebenfalls sehr individuell und daher auch zeitaufwendig würde die Diagnose einer Demenz verlaufen, informiert Susanna Frigerio, stellvertretende Chefärztin Neurologie SoH und Co-Leiterin der Memory Clinic Olten. Es sind die Ärzte, die bestimmen, ob eine Person urteilsfähig ist oder nicht und daher eine zentrale Rolle spielen im Entscheidungsprozess über die rechtliche Vertretung des Patienten.

Im juristischen Gebrauch besteht die Urteilsfähigkeit aus zwei Komponenten, die erfüllt sein müssen, damit eine Person als urteilsfähig gilt. Erstens muss man der Situation entsprechend vernunftgemässe Entscheidungen treffen können, zweitens diesen Entscheidungen gemäss handeln, ohne sich etwa von anderen Personen beeinflussen zu lassen.

Die Urteilsfähigkeit wird immer konkret auf eine bestimmte Situation hin bestimmt; es kann also sein, dass man im Hinblick auf einige Handlungen urteilsfähig ist, in anderen Fällen aber nicht.

«Man muss sehr sorgfältig und feinfühlig herausfinden, ob die Urteilsfähigkeit beim Patienten vorhanden ist oder nicht. Es ist stets ein Konsensentscheid zwischen Ärzten, Diagnostik, Psychiatern, Angehörigen und Betroffenen», sagt Susanna Frigerio. Auch werde immer ein Diagnosegespräch, oft auch zwei, mit den Patienten und deren Angehörigen durchgeführt, wo auch das Rechtliche thematisiert werde. «Teilweise wollen die Angehörigen nur wegschauen und die Diagnose nicht richtig wahrnehmen», erzählt Frigerio von ihren Beobachtungen.

Laut Armenti ist dies ein Fehler: «Wir machen bei der Kesb häufig die Erfahrung, dass Menschen sich zu spät auf den Fall vorbereiten, dass sie urteilsunfähig werden. Das ist schade, denn die Kesb möchte nicht unbedingt das Leben der Menschen kontrollieren, sondern das lieber in den Familien lassen.»

Darum sei es wichtig, dass man schon im Vorfeld, unabhängig vom Alter, seine Vorsorge und rechtliche Vertretung regle.

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