Kinderschutz
Das Wohl des Kindes ist entscheidend

Wird ein Kind Opfer von Gewalt, ist eine Strafanzeige nicht immer das Beste. Diese kann auch kontraproduktiv sein und dem Opfer schaden. Beim Kinderschutz gilt: Das Wohl des Kindes entscheidet.

Stefan Frech
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Ein Junge beim Arzt – die Striemen stammen von Schlägen mit einem Elektrokabel.az

Ein Junge beim Arzt – die Striemen stammen von Schlägen mit einem Elektrokabel.az

«Wenn Kinder Opfer einer Straftat werden: Ist eine Strafanzeige ein Muss für alle?» Eine Frage, die viele in Gewalttaten involvierte Privat- und Fachpersonen beschäftigt, auf die es aber keine klare Antwort gibt. Das zeigte eine von rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern besuchte Veranstaltung der Fachstelle Kinderschutz Kanton Solothurn im «Alten Spital» Solothurn. Dass eine Strafanzeige kontraproduktiv sein und dem Opfer schaden kann, machten mehrere Beispiele deutlich, die Opferanwältin Melania Lupi Thomann und Daniel Barth, Chefarzt Kinder- und Jugendpsychiatrie der Solothurner Spitäler AG, schilderten.

Barth berichtete etwa von einem Mädchen, das vom Vater sexuell missbraucht wurde, aber unter keinen Umständen wollte, dass er angezeigt wird. Eine Lehrerin erfuhr jedoch vom Fall und informierte die Vormundschaftsbehörde, die eine Anzeige machte. Die Polizei holte das Mädchen unvorbereitet bei ihrer Lehrstelle ab, der Vater kam in U-Haft. «Das Mädchen war masslos enttäuscht und widerrief die Anzeige», erzählte der Psychiater. «Die Familie zog dann weg, sodass der Kontakt zum Mädchen vollständig abbrach.»

Anzeige muss gut überlegt sein

Melania Lupi Thomann, die seit 12 Jahren als Opferanwältin arbeitet, empfahl deshalb den Zuhörern: «Machen Sie nicht eine Anzeige, ohne sich zuvor mit einer Fachstelle oder einem Anwalt abzusprechen.» Wenn einmal ein Strafverfahren in Gang kommt, kann es bei einem Offizialdelikt nicht mehr gestoppt werden. «Das sind sich viele Opfer nicht bewusst.» Oft sei auch unklar, was genau geschehen ist, und es müsse genau geprüft werden, ob einem Kind Aussagen bei der Polizei, der Staatsanwaltschaft und allenfalls später vor einem Gericht zugemutet werden kann. «Manchmal muss ich den Eltern auch sagen, dass es nicht sicher ist, dass der Täter verurteilt werden kann.» Deshalb Lupis Empfehlung: Sich Zeit nehmen und gut überlegen, ob eine Strafanzeige eingereicht werden soll.

Eine etwas andere Optik vertrat Kathrin Wandeler-Widmer von der Kantonspolizei Solothurn: «Ich möchte Sie ermutigen: Erstatten Sie nach einem Vorfall so schnell als möglich Anzeige», sagte die Leiterin der Polizei-Fachstelle Opferhilfe und Häusliche Gewalt. Oft müsse sehr rasch reagiert werden: Spuren sichern, Beschuldigte einvernehmen, Schutzmassnahmen für das Kind ergreifen. «Nur die Polizei und die Staatsanwaltschaft können derart breit ermitteln.» Wandeler-Widmer versicherte, dass im Kanton Solothurn speziell ausgebildete Polizistinnen die betroffenen Kinder befragen – und zwar in einem wie ein Kinderzimmer eingerichteten Raum. Im Jahr 2010 kam es im Kanton Solothurn zu 74 angezeigten Tätlichkeiten gegen Kinder, 12 einfache Körperverletzungen und 44 sexuelle Handlungen mit
Minderjährigen.

Kinder bei Anzeige gut begleiten

Psychiater Daniel Barth riet nach einem Vorfall zu Besonnenheit. Jeder Fall müsse genau geprüft werden. Oft werde allzu schnell Anzeige eingereicht. «Wenn man aber zu lange wartet, kann man die Spurensicherung vereiteln.» Barth zeigte sich in drei Fällen kritisch gegenüber einer Strafanzeige: wenn das Opfer nicht aussagen will; wenn nicht gesichert ist, dass das Kind vor weiteren Übergriffen geschützt ist; wenn nicht genügend Verdachtsmomente bestehen. Ist die Tat klar erwiesen und stammt der Täter nicht aus dem Familienkreis, rät Barth eher zu einer Strafanzeige.

«Wir möchten möglichst verhindern, dass eine Anzeige ergeht, obwohl es das Kind nicht will», erläuterte Korina Stoltenberg, stv. Leiterin der Beratungsstelle Opferhilfe Aargau-Solothurn, das Ziel ihrer Arbeit mit Kindern. Und auch sie empfahl: «Langsames Vorgehen ist oft besser als schnelles.» Wenn man sich dann zu einer Anzeige entschliesst, müsse man das Vorgehen sorgfältig planen. Etwa: Wer begleitet das Kind zur Befragung bei der Polizei? «Ganz wichtig ist, dass dem Kind in jeder Phase eines Strafverfahrens gut erklärt wird, was jetzt passiert.»

Erfolgt keine Strafanzeige, dann gibt es zum Schutz des Kindes mehrere zivilrechtliche Möglichkeiten: «Am häufigsten ordnen die Vormundschaftsbehörden einen Beistand an», erklärt Franz Ziegler, Co-Leiter der Fachstelle Kinderschutz Kanton Solothurn. «Ist das Kind zu Hause akut bedroht, ist eine Fremdplatzierung das Sicherste.»

Anlaufstellen Fachstelle Kinderschutz Kanton Solothurn (062 396 45 45; info@kinderschutz-so.ch); Opferhilfe Aargau Solothurn (062 835 47 90, opferhilfe@ag.ch)