Fehlen eindeutige Beweise und Zeugenaussagen, ist die Aufgabe für den Richter besonders schwierig. Es steht Aussage gegen Aussage, wie dies gestern Montag vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt der Fall war.

Auf der einen Seite ein 56-jähriger Mann, der alles bestritt und auf unschuldig plädierte. Auf der anderen: die 7-jährige Chantal und ihr zwei Jahre älterer Bruder Tom (Namen und identifizierende Merkmale geändert). Sie beschuldigen den Mann, den sie als Peter kennen, mehrmals vor ihnen sein «Schnäbi» ausgepackt und mit ihm herumgespielt zu haben. Solche Fälle mit Kindern seien immer schwierig, sagte die Staatsanwältin. Egal wie das Urteil ausfalle, «Zweifel werden zurückbleiben. Ich war nicht dabei, der Richter war nicht da und auch die Verteidigung nicht.»

Unbestritten ist: Die beiden Kinder trafen den 56-Jährigen jeweils nur kurz, um «Hallo» zu sagen. Peter ist der Partner der Cousine ihrer Mutter. Gemeinsam mit ihr wohnt er in der Wohnung oberhalb der Grosseltern von Chantal und Tom. Die Besuche dauerten so kurz, dass die Grosseltern jeweils unten auf der Treppe auf die Kinder warteten.

Unterschiedlich sind aber die Versionen, was sich während diesen zwei bis fünf Minuten abspielte. Der 56-Jährige spricht von Gesprächen über die Schule und weitere Belanglosigkeiten. Chantal und Tom von seinem ausgepackten «Schnäbi», mit dem er vor ihnen auf dem Sofa spielte.

«Ufe und abe»

Denn kaum hätten sie die Wohnung betreten und ihm die Hand zur Begrüssung gereicht, hätte Peter seine Trainerhosen nach unten gezogen, wie die Staatsanwältin die Aussagen der beiden Kinder vor Gericht wieder gab. Als «ufe und abe» beschreibt die Siebenjährige die Bewegungen. Der Neunjährige zeigte sie bei der Einvernahme mit der Hand vor. Nach kurzer Zeit hätte Peter jeweils seine Trainerhosen wieder hochgezogen und ihnen die Hand zur Verabschiedung gereicht.

Vor allem Tom erlebte dies als etwas «Gruusiges». Er streckte Peter jeweils nur sein Handgelenk entgegen, doch der Mann ergriff seine ganze Hand. Wieder unten bei den Grosseltern wusch sich der Junge sofort die Hände. Drei- bis viermal sei dies passiert, so Tom. Chantal spricht von 13 bis 14 Fällen. Meistens alleine, einige Male mit ihrem Bruder.

Für die Staatsanwaltschaft sind die Aussagen der beiden Kinder glaubwürdig. Erstens blieben sie von der ersten zur zweiten Einvernahme praktisch unverändert, zweitens versuchten die Kinder, die Geschehnisse nie zu übertreiben. So verneinten sie die Frage der Beamten, ob eine Flüssigkeit aus dem «Schnäbi» gekommen sei. Auch beschrieb Tom den Penis als klein und formte ihn mit Knetmasse so nach, dass er nicht wie ein erigiertes Glied aussieht. Wären sie zu einer Falschaussage beeinflusst worden, hätte er den Penis des Mannes anders beschrieben, ist sich die Staatsanwältin sicher.

Zu 90 Prozent impotent

Für den 56-Jährigen, der sich vor dem Gericht eher wortkarg und emotionslos zeigte, ist es unverständlich, wie die beiden Kinder auf diese Geschichte kommen. Zudem empfinde er seit einer Operation nur noch selten sexuelle Lust und sei zu 90 Prozent impotent. Nur mit sehr viel Aufwand habe er überhaupt noch eine Erektion. Aus seiner Sicht ein Beweis für seine Unschuld – nicht für die Staatsanwaltschaft. Im Gegenteil: Für sie passt dies zu den Beschreibungen der Kinder. Zudem erkenne sie kein Motiv, warum die Kinder dies erfinden sollten.

Anders sieht dies die Verteidigerin. Ihr kommen gleich unzählige Motive in den Sinn. Wie zum Beispiel, dass die Kinder hässig sind, weil sie von ihm keine Süssigkeiten mehr kriegen, oder dass die Mutter der Kinder ihrer Cousine eins auswischen wollte. Auch sei es möglich, dass Chantal und ihr Bruder eine Situation falsch interpretiert hätten und sich daraus die ganze Geschichte zusammengesponnen hätten.

Glaubwürdige Aussagen

Gerichtspräsident Ueli Kölliker hingegen geht davon aus, dass die Kinder die Wahrheit sagen. Denn darauf deuten die Analysen der Aussagen der beiden. «Darum steht fest, dass es zu einem Schuldspruch kommen muss.» Der Beschuldigte wird wegen mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kinder zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 13 Monaten verurteilt.

Die Probezeit beträgt drei Jahre. Zudem darf er während zehn Jahren keine Tätigkeit ausüben, bei der er regelmässig Kontakt mit Kindern hat und er muss sich einer Therapie unterziehen. Weiter ist er verpflichtet, Chantal 1500 Franken Entschädigung zu zahlen, Peter 600 Franken. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung.