Es gibt Bühnenproduktionen, die zwar gefallen, aber nicht lange in der Erinnerung haften. Bei «Geischterfahrer» des deutschen Erfolgsautorenpaars Lutz Hübner und Sarah Nemitz ist das völlig anders.

Man beginnt sich als Zuschauender intensiv mit der Thematik zu befassen und leidet mit. Das Stück wirft nämlich einen schonungslosen Blick auf ein gesellschaftliches Verhalten – aber ohne in die Schwermut eines Problemstücks auszuarten. Ganz im Gegenteil: Das gesamte Bühnengeschehen ist sprachlich eingepackt in humorvolle Leichtigkeit, die aber in den zwölf Szenen nie die zunehmende Hellsichtigkeit und Erkenntnis im Publikum durch Humor verzerrt.

Denn faszinierend und fesselnd gelingen die Dialoge, die Charles Benoit, früher bekannt von seinen mit Auszeichnungen bedachten Regiearbeiten bei SRF und Berner Kellertheatern, mit sprachlicher Treffsicherheit in die hiesige Mundart übertragen hat. In seiner inzwischen neunten Inszenierung mit dem Utzenstorfer Dorftheater steht ihm bei dieser Aufführung ein sechsköpfiges Laienschauspiel-Ensemble zur Verfügung, das seine Regiearbeit mit pulsierendem Leben erfüllt. «Man sollte diese Gruppe klonen können», bewertet Benoit deren für ein Liebhabertheater ausserordentliche Bühnenpräsenz.

Eine Nuance Realsatire

Die Rollen in «Geischterfahrer», die den Darstellenden nach 10-monatiger Vorbereitungszeit wie auf den Leib geschneidert scheinen, sind in ihren Charakteren authentisch mit Widersprüchlichkeiten und einer feinen Nuance Realsatire gezeichnet. Da ist der rechthaberische Chefarzt Harry (Andreas Eberhard), der in seiner Karriere alles erreicht, beruflich indes kaum noch Antrieb hat, sich aber in Leben und Ehe in lärmiger Unzufriedenheit langweilt. Seine Ehefrau Silvia (Rosemarie Steiner) tritt als Musterbeispiel einer Hausfrau und Mutter auf, die immer perfekt und nur gelegentlich auftrumpfend und selbstbewusst agiert. Das zweite Paar besteht aus Gaby (Susanne Höchenberger), der klarsichtig argumentierenden Psychologin, und ihrem Ehemann Piet (Peter Lüdi), der seine inspirierten Zeiten als Musiker nun als blasser Musiklehrer hinter sich gelassen hat.

Im «gehobenen» Spiessermilieu

Als Eigentümerquartett heissen die Vier die betörend auftretende Miriam (Patricia Jäggi) und ihren die Situation reflektierenden Ehemann Hannes (David Lo Nigro) als Heimkehrer nach einem langjährigen Aufenthalt in Brasilien in ihrem Haus willkommen. Man lädt sich gegenseitig ein, um sich kennen zu lernen – und im «Beschnuppern» doch mögliche Schwächen und Angriffspunkte des jeweiligen Gegenübers zu erspüren. Die diskussionsfreudigen, zuerst harmlos-fröhlichen Tischrunden nehmen bei allem nett-verbalen Geplänkel mit kleinen Lebensweisheiten irgendwann einen scharfen Ton an, der insbesondere Miriam aufhorchen lässt. Sie spürt, «dass dieses Haus voller schlechter Energie steckt», die mit dem erst viel zu spät eingestandenen tragischen Tod des früheren Mitbewohners Jens zusammenhängt.

Schuldzuweisungen, unterschwelliger Missmut, offene Beleidigung und schonungsloses aufeinander Herumhacken, gemischt mit kleinen Peinlichkeiten wie der «Annäherung» von Piet gegenüber Miriam und gefühlvoll geheucheltem Verständnis kennzeichnen das Klima in diesem laut Spielaussage «gehobenen Spiessermilieu».

Das Stück, das wie aus einem Guss wirkt, kann man als aufrüttelnde Gesellschaftsstudie verstehen, die unter die Haut geht und niemanden unbeteiligt lässt. Sie behält aber immer ihren Reiz, weil sie der Mitwelt einen amüsanten und nicht etwa moralin-sauren Spiegel vorhält. Und immer lässt sich ahnen, wie das funktionierende Zusammenleben sein müsste. Mit herzlichem Applaus bedachte das «Feinschmecker»-Publikum im Kammertheater im Utzenstorfer Reformierten Gemeindehaus die Premiere, die mit der Live-Musik von Peter und Stefan Siegenthaler und der Bühnenmitarbeit von Claudine Traber, Roland Studer und Team sowie Werner Feldmann gelang.

Vorstellungen Mi/Fr/Sa bis 25. Mai. Tickets via tipo.ch oder in jedem Reisezentrum BLS