Wisente im Thal
Das Ur-Vieh als Touristenattraktion? Kantonsräte sind sich uneinig über die Auswilderung der Wisente im Thal

Manche Kantonsräte sind begeistert von der Idee, eine Herde Wisente auszuwildern, andere schütteln nur den Kopf.

Urs Moser
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Der Wisent: Er hat auch mit fast einer Tonne Lebendgewicht einen schweren Stand bei den Politikern.

Der Wisent: Er hat auch mit fast einer Tonne Lebendgewicht einen schweren Stand bei den Politikern.

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Ob der Wisent je im Thal heimisch wird, bleibt abzuwarten. Im Kantonsratssaal ist das hierzulande schon seit Jahrhunderten nicht mehr in freier Wildbahn anzutreffende Ur-Rind jedenfalls schon einmal angekommen. Das Parlament hat das Ansiedlungsprojekt gestern ausführlich und breit diskutiert, wobei die Meinungen von heller Begeisterung bis schroffer Ablehnung reichten.

Ausgelöst wurde die Debatte durch einen Vorstoss von SVP-Kantonsrat Beat Künzli (Laupersdorf), einem kompromisslosen Wisent-Gegner. Ob es denn zuerst Verletzte oder sogar Tote geben müsse, bis man zur Räson kommt, fragte er gestern in Anlehnung an immer wieder tragisch verlaufende Begegnungen von Wanderern mit Mutterkühen in die Runde. Er kenne Landwirtschaftsbetriebe, wo man angesichts der Wildschweinschäden am Rand der Verzweiflung sei, da sei es nun wirklich nicht nötig, sich noch weitere Probleme aufzuhalsen. Für den Fall, dass es tatsächlich gelingen sollte, eine Wisent-Herde im Thal auszuwildern, sähe er die Bedrohungslage weiter durch die Übertragung von Seuchen auf Nutztiere verschärft. Einigermassen beruhigt zeigte sich Künzli nur dadurch, dass auch der Regierungsrat grosse Zurückhaltung gegenüber den Ansiedlungsplänen übe und sich «nicht zu falscher Euphorie hinreissen lässt».

Tatsächlich hatte die Regierung in der Beantwortung von Künzlis Interpellation hauptsächlich Punkte aufgeführt, die eher gegen das Wisent-Projekt sprechen – und wenn auch keine klare Ablehnung geäussert, so doch eine eindeutige Präferenz zum Ausdruck gebracht: Im Vordergrund stehe eine natürliche Förderung der Biodiversität. Man sei daher der Meinung, dass bei einst ausgestorbenen Wildtieren anstelle einer Wiederansiedlung eine natürliche Einwanderung im Fokus stehen sollte. Und zu einer solchen wird es bei den Wisenten kaum kommen: Die nächsten ausgewilderten Tiere leben 600 Kilometer nördlich im Rothaargebirge.

In weiten Kreisen des Kantonsrats wurde die Idee, zunächst einmal eine Wisentherde in einem 20 Hektaren grossen, abgesperrten Gehege im Thal grasen zu lassen, wenn nicht mit heller Begeisterung, so doch aber mit mehr Wohlwollen aufgenommen. «Der Wisent ist nicht ausgestorben, er wurde ausgerottet», meinte Franziska Roth (SP, Solothurn) grundsätzlich zur Frage, ob das Ur-Vieh eine Chance verdient. Ob ein Wiederansiedlungsprojekt erstens sinnvoll ist und zweitens gelingen kann, darüber gingen die Meinungen zwar auch in der SP-Fraktion auseinander. Sie persönlich stehe der Idee aber «grundsätzlich wohlwollend» gegenüber, weshalb sie bemängelte, dass die Regierung in ihrer Stellungnahme vorwiegend auf mögliche Probleme und kaum auf die Chancen eingegangen sei. Ähnlich sah das auch Daniel Urech (Dornach) namens der Grünen: Die Idee von frei lebenden Wisenten im Thal sei «im Grundsatz faszinierend», da hätte man sich zumindest auch eine offenere Haltung der Regierung gewünscht. Fundamentalopposition schon bevor überhaupt ein Bewilligungsgesuch für das Projekt eingereicht wurde, sei jedenfalls nicht angebracht. Die Idee herauszufinden, ob und wie eine Ansiedlung gelingen könnte, sollte man unterstützen, so Urech.

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Geradezu euphorisierend wirkt die Idee auf FDP-Sprecher Mark Winkler, wobei er allerdings zugeben musste, dass die Meinungen auch in seiner Fraktion völlig auseinandergehen. Er persönlich aber zeigte sich «als Touristiker» regelrecht begeistert. Winkler sprach von einem «Leuchtturmprojekt für den Naturpark Thal». Ob jemals Wisente als freie Wildtiere im Thal leben, stehe heute gar nicht zur Debatte. Ein Schaugehege mit den imposanten Tieren wäre aber für ihn definitiv ein touristischer Magnet, von dem das Gastgewerbe und weitere Gewerbebetriebe im Thal profitieren würde. Dem «Touristiker» schweben bereits Plüsch-Wisente in den Auslagen vor, und zur Steigerung der Fahrgastzahlen auf der Bahnstrecke durch den sanierten Weissensteintunnel werde das Projekt ebenfalls beitragen. Winklers Fazit zur zurückhaltenden Stellungnahme der Regierung: «Korrekt, aber ohne Sinn für visionäre Ideen».

Lieber auf dem Boden der Thaler Realitäten bewegt man sich auch in der Mitte-Fraktion. Die Einschätzungen bezüglich des touristischen Nutzens seien «sehr optimistisch», meinte Edgar Kupper (CVP, Laupersdorf). Für das Projekt fehle zudem nicht nur die Akzeptanz in den direkt betroffenen Kreisen der Land- und Forstwirtschaft, auch bei der übrigen Bevölkerung würden die kritischen Stimmen dominieren. Und überhaupt: In seiner Fraktion gehe man ohnehin nicht davon aus, dass die Voraussetzungen für die nötigen Bewilligungen von Bund und Kanton für das Projekt (öffentliches Interesse, keine Nachteile für Land- und Forstwirtschaft) gegeben sind.

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