Blick zurück
«Das Untergymnasium ermöglichte eine besondere Art der Begabtenförderung»

Das Untergymnasium ist seit diesem Sommer Geschichte. Die ehemaligen Pro- und Konrektoren Dominik Vögeli und Peter Berger von der Kanti Solothurn blicken zurück.

Elisabeth Seifert
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Sie leiteten in den letzten Jahren das Untergymnasium an der Kanti Solothurn (v.l.): Dominik Vögeli (Konrektor seit 2007, jetzt Konrektor der Sek P) und Peter Berger (Prorektor von 2002 bis 2007).

Sie leiteten in den letzten Jahren das Untergymnasium an der Kanti Solothurn (v.l.): Dominik Vögeli (Konrektor seit 2007, jetzt Konrektor der Sek P) und Peter Berger (Prorektor von 2002 bis 2007).

Hansjörg Sahli

Ohne grosse Worte vonseiten der Kantonsschulen hat Anfang Juli der letzte Schülerjahrgang die beiden Untergymnasien in Solothurn und Olten abgeschlossen. Die Kantonsschulen zählten dabei seinerzeit zu den härtesten Gegnern der Oberstufenreform. Immerhin muss das dreijährige, direkt an die fünfte Primarklasse anschliessende Untergymnasium der zweijährigen Sek P weichen.

Peter Berger, von 2002 bis 2007 Prorektor des Solothurner Untergymnasiums, stellt denn auch etwas wehmütig fest: «Das Untergymnasium ermöglichte uns eine besondere Art der Begabtenförderung.» Die ersten Erfahrungen mit der Sek P, die unter anderem auch an den Kantonsschulen geführt wird, sind aber durchaus positiv: «Die Schüler machen Freude», meint Dominik Vögeli, seit 2007 Konrektor am Solothurner UG und jetzt der Sek P. «Die Begabungsstreuung ist natürlich aufgrund des breiteren Schülerspektrums grösser.»

Zwölf Stunden Latein pro Woche

Mit dem Ende des Untergymnasiums gehört das Langzeitgymnasium im Kanton Solothurn endgültig der Vergangenheit an. Vor allem an der Kantonsschule in Solothurn geht damit eine Ära zu Ende. «Seit 1833 in Solothurn die staatlich geführte Mittelschule gegründet wurde, war das Untergymnasium ein integraler Bestandteil der gymnasialen Bildung», sagt Peter Berger. Bis Ende der 90er-Jahre gab es das Untergymnasium als eigenständige Einheit gar nicht. Gymnasium und Langzeitgymnasium waren ein und dasselbe. Das Gymnasium schloss an die fünfte Primarklasse an und dauerte sieben, zeitweise siebeneinhalb Jahre bis zur Matur.

Im humanistisch geprägten Langzeitgymnasium nahm das Studium der alten Sprachen, Latein und Griechisch, eine zentrale Rolle ein. Während Jahrzehnten büffelten die Gymnasiasten vom ersten Jahr an während zwölf Lektionen pro Woche Latein, was etwa der Hälfte der Unterrichtszeit entsprach. «Noch bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein waren es sieben Stunden», weiss Peter Berger. Dann sank der Anteil etwas, lag aber zuletzt – im Untergymnasium – immer noch bei fünf Lektionen pro Woche. «Das Langzeitgymnasium mit seiner sprachlich-historischen Ausrichtung war einer vertieften Allgemeinbildung verpflichtet», betont Berger. Man stellte sich weniger die Frage, welchen konkret verwertbaren Nutzen ein Fach hatte. Den Absolventen standen dennoch sämtliche Studienrichtungen offen.

Konkret auf die Berufswelt ausgerichtet war indes die mathematisch-naturwissenschaftlich geprägte (Ober-)Realschule, die an der Kanti Solothurn bereits 1839 eingerichtet wurde. Sie schloss damals ebenfalls direkt an die Primarschule an und qualifizierte für das Studium an technischen Lehranstalten, vor allem am eidgenössischen Polytechnikum.

Der «gebrochene» Weg bis zur Matur

Gut 100 Jahre lang war die Stadt Solothurn der einzige Standort eines Gymnasiums. 1937 wurde in Olten ein «Progymnasium» eröffnet, das fünf Jahre dauerte. Die letzten beiden Jahre bis zur Matura besuchten die Schüler an der Kanti Solothurn. 1973 dann erhielt Olten eine Kantonsschule im vollwertigen Sinn.

Eine weitere wichtige Zäsur in der Geschichte der gymnasialen Bildung war das Jahr 1968. Von nun an gibt es im Kanton Solothurn – neben dem Langzeitgymnasium – den «gebrochenen» Weg bis zur Matura. Das heisst: Bezirksschüler haben die Möglichkeit, nach der zweiten Klasse an die Kantonsschule zu wechseln. Offen stand ihnen dabei zunächst einzig die mathematisch-naturwissenschaftliche Oberrealschule (=Maturtyp C). Noch im gleichen Jahr fiel auf eidgenössischer Ebene der Entscheid, dass dieser Maturtyp für sämtliche Studienrichtungen qualifiziert.

Als Konsequenz wurden die ersten beiden Jahre der ursprünglich sechsjährigen – direkt an die sechste Primarklasse anschliessenden – Realschule abgetrennt. Neben Bezirksschülern konnten auch Schüler des altsprachlich dominierten Langzeitgymnasiums nach den ersten drei Jahren am Gymnasium in diesen vier Jahre dauernden Maturitätslehrgang eintreten. Von einem «Untergymnasium» war damals aber noch nicht die Rede. Zugang zu den Maturtypen B (Latein) und A (Latein und Griechisch) hatte zudem weiterhin nur, wer die unteren Klassen des (Langzeit-)Gymnasiums besucht hat. Ab 1972 konnten Bezirksschüler und Schüler des Gymnasiums in den neuen Maturtyp E (Wirtschaft und Recht) eintreten.

1998: Geburtsstunde des UG

Bis zur Umsetzung der neuen Maturitätsanerkennungsverordnung im Schuljahr 1998/99 aber blieb das traditionelle Langzeitgymnasium der Königsweg bis zur Matur. «Ein grosser Teil der Schüler der Gymnasien in Solothurn und Olten wählte den Maturtyp B», sagt Dominik Vögeli. «Das hatte aber wohl weniger mit einer Vorliebe für Latein zu tun, sondern eher mit dem Zusammenhalt in der Klasse.» Zudem galt der Typ C bei vielen Schülern als zu schwer und der Typ E hatte sich noch zu wenig etabliert.

Die letzte Stunde des Langzeitgymnasiums – und damit auch der starken Stellung der alten Sprachen – schlug Ende der 90er-Jahre. Seither können die Schüler bei Eintritt in die Maturitätslehrgänge unter einer Vielzahl von Grundlagen- und Schwerpunktfächern wählen. Damit aber wurden die Klassen nach den drei ersten Jahren am Gymnasium völlig neu zusammengestellt. Das war die Geburtsstunde des Untergymnasiums. Und: Die alten Sprachen werden seither immer mehr an den Rand gedrängt. Einzig das Untergymnasium mit seinen fünf Lektionen Latein pro Woche war noch, so Vögeli, «eine Art Überbleibsel» des humanistischen Langzeitgymnasiums.

An der neuen Sek P bedauern die beiden Kantonsschullehrer die kurze Dauer von zwei Jahren. Dominik Vögeli: «Es bleibt dadurch kaum Zeit, länger an einem Thema dranzubleiben.» Hinzu kommt eine höhere Lektionenzahl. Das führt zu einer hohen Gesamtbelastung der Schüler.

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