Theater Biel-Solothurn
Das Team von «Barbaren» überzeugt über weite Strecken

Mit dem Schauspiel «Barbaren» von Maxim Gorki gelingt dem Ensembletheater Biel Solothurn eine Schweizer Erstaufführung. Am Freitag war Premiere. Das Schauspiel-Ensemble überzeugt und begeistert über weite Strecken.

Angelica Schorre
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Impressionen von «Barbaren»
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Produktion «Barbaren» vom Theater Biel Solothurn
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Impressionen von «Barbaren»

Edouard Rieben

Anschluss einer Kleinstadt ans Eisenbahnnetz. Bringen die fremden Ingenieure Bewegung, Zivilisation, Kultur in den bürgerlichen Mief, in dieses Intrigenspiel aus Gemeinheit, Geilheit und verschrobenen Träumen? Nein: «Barbaren» hüben wie drüben. Und das bleiben sie.

Mit dem Schauspiel «Barbaren» von Maxim Gorki gelingt dem Ensembletheater Biel Solothurn eine Schweizer Erstaufführung. Gorki schrieb das Stück 1905, im Jahr der ersten russischen Revolution. Doch ihm ging es in «Barbaren» nur latent um die aktuellen politischen Umwälzungen: Er schrieb gegen die «bleiern lastenden Scheusslichkeiten des rohen russischen Lebens» an. Und dies in der Überzeugung, dass es sich lohnt – «denn diese zählebige, gemeine Wirklichkeit ist bis auf den heutigen Tag nicht verreckt» (aus «Meine Kindheit», im Programmheft zitiert). Die Kleinstadt, in der die Fremden eindringen, lässt sich in der ausgezeichneten Inszenierung von Katharina Rupp überall auf der Welt finden. Sie existiert dort, wo es egal ist, ob man stolz aufs Geld oder auf wissenschaftliche Errungenschaften ist, dort, wo vermeintliche Wahrheitsliebe alles zerstört, dort, wo die «Liebe überall gleich und erbärmlich» ist: Kernhandlung ist das Gegockel und Gerangel um die Kleinstadtschönheit.

Der Handlungsfäden sind viele, das Team aus 15 Schauspielern/innen und Schauspielschülern ist gross. Alle zu würdigen, würde den Platz hier sprengen. Kurz: Die Gesamtleistung des Teams überzeugt und begeistert über weite Strecken. Auf der Seite der Fremden ist der Ingenieur Tscherkun Experte in ungehobelter Wahrheitsliebe: Jan-Philip Walter Heinzel spielt den Grobian, dem man seine naive Selbstgerechtigkeit kein bisschen verzeihen will, souverän und konsequent. Tscherkun liebt seine verhuschte Frau Anna nicht mehr: «Nur Dreckskerle bleiben bei den Frauen, die sie nicht mehr lieben.» Für Anna, differenziert und einfühlsam von der Schauspielschülerin Lina Hoppe dargestellt, sind die Menschen seltsam und bedrohlich. Ihre Liebe zu Tscherkun bedeutet Erniedrigung und Selbstaufgabe. Der zweite Ingenieur Sergej – ein mitreissender Günter Baumann – lebt seiner eigenen Wahrheit meistens im Suff nach – «Diebstahl gibt es, solange es etwas zu stehlen gibt» oder: Solange es Frauen gibt, kann man ihnen nachsteigen. Auch der leicht idealistische Student (Dimitri Stapfer) gehört zu den Fremden: Er droht den Kleinstädtern die Zerstörung ihres alten Lebens an und hält Verliebtheit für unnütz.

Zum Kleinstadtsumpf gehören der alles beherrschende Bürgermeister (Hanspeter Bader), der demontiert wird; das schleimende Holzhändlerehepaar (Gerrit Frers, Silke Geretz), das durch Geld aneinander gebunden ist. Der Steuerinspektor (Max Merker), der seine Frau, die Kleinstadtschönheit Nadeschda, verwettet, aber ihr in Liebe verfallen ist wie der Doktor (Matthias Schoch), der der kränkste von allen ist. Schoch spielt den sich windenden, leidenden, zynischen Arzt, der als Einziger die «Gabe hat, in der Leichenhalle zu lachen», brillant. Nadeschda (Judith Cuénod) nun macht ihre Wahrheit in Romanen fest und ist von weltfremder Kaltherzigkeit – Selbstmorde ihrer Verehrer sind nur richtig. Aber diese Wahrheit holt sie ein: Aus der Zurückweisung ihres (Roman-)Helden Tscherkun folgert sie falsch, dass man sie generell nicht lieben kann, und erschiesst sich.

Barbara Grimm gibt eine souveräne und scharfzüngige adelige Hausbesitzerin, deren Leben, deren Patiencen am Ende doch nicht mehr aufgehen. Die Nichte Lidija (Miriam Strübel) der Adligen schaut dem ganzen Kleinstadtleben distanziert zu, kann sich aber vor der Liebe nicht bewahren. Sie beschwört durch ihre resignierte Suche nach dem wirklichen Helden, dem «kreativen und integren Mann», ein Männerbild herauf, das sich an den vorhandenen Protagonisten nur brechen kann.

Eine besondere Rolle nimmt die Tochter des Bürgermeisters, Katja, ein. Sie schreit die Wahrheit heraus und Männer und Vater selbstbewusst an. Sie ist die Einzige, die Mitgefühl mit Anna zeigt und sich ein Leben fern der Kleinstadt vorstellen kann. Doch sie wird bei ihrem Vater bleiben. Eine auffallend gute und erfrischende Leistung der Schauspielschülerin Natalina Muggli.

Weitere Aufführungen in Solothurn:
Fr, 22.3., 19.30 Uhr; Do, 4.4., 19.30 Uhr; Sa, 13.4., 19.00 Uhr; Di, 30.4., 19.30 Uhr.