Auf einen Kaffee mit ...

Das Taxi ist ihr Refugium auf vier Rädern

Rosi Gadient (67) hat zahllose Geschichten auf Lager.

Rosi Gadient (67) hat zahllose Geschichten auf Lager.

Rosi Gadient ist Taxifahrerin, Feldweibel und eigentlich schon längst pensioniert. Doch zur Ruhe setzten will sie sich noch nicht. Solange Bauch, Kopf und Herz noch bei der Sache sind, will sie weiter Taxi fahren.

Rosi Gadient ist eine Taxifahrerin der alten Schule. Sie steigt aus, zupft ihre Bluse zurecht und öffnet dem Fahrgast die Türe wie für eine Hoheit. Die Scheiben ihres alten Mercedes sind frisch geputzt, Geruch von Leder gibt dem Wagen etwas Nobles. Gangschaltung gibt es keine, auch wenn Gadient eine Kupplung unter dem Fuss «noch immer über alles schätzt».

Doch keine Zeit für Nostalgie. Blick nach vorn, Sitz nach hinten, die bequemen Schnürschuhe auf die Pedale. «Los gehts», sagt Gadient. Die weissen Zähne blitzen, auf dem Gesicht liegt ein Lachen. Da sitzt eine Frau hinter dem Steuer, die mit sich und der Welt zufrieden scheint.

«Eine Ehre, Sie fahren zu dürfen», beteuert sie. Ziemlich schwierig, da eine angemessene Replik aus dem Ärmel zu schütteln – zumal Gadient heute eigentlich frei hat. Sie fährt ausschliesslich in der Nacht. Und überhaupt, eigentlich wäre die Taxifahrerin ja längst pensioniert.

Sie ist 67 Jahre alt. Doch Frau fährt noch immer. «Zwei Wochen war ich weg vom Geschäft», berichtet sie, «ich fiel in ein riesiges Loch.» Gadient und der Ruhestand bekamen sich nicht lieb. Bruno Friedli, der Chef von «Taxi Hammer», schuf für die Grande Dame ein Teilzeitpensum. Seit drei Jahren chauffiert sie die Solothurner durch die Wochenendnächte.

Der Taxistand am Hauptbahnhof ist Gadients Lieblingsplatz. Wenn über die Zentrale niemand ein Taxi bestellt, wartet sie hier auf Fahrgäste. Wir fahren vom Hauptbahnhof über die Rötibrücke, biegen rechts in die St. Niklausstrasse und passieren bald Schloss Waldegg. Es ist ein heisser Sommermittag in Solothurn. Gadients Fahrstil ist gemächlich. Keine Versuche, die Kreuzung bei Rot zu überqueren.

Das leidige, bei vielen Taxifahrern obligatorische Klagelied über die Branche mag sie nicht anstimmen. Trotz Klimaanlage kurbelt sie lieber die Scheibe runter – das war schon 1972 so. Kurz, nachdem die Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt hatte, machte Gadient in Solothurn die Taxiprüfung. Ein Schwager dachte: «Taxifahren, das wäre doch was für Rosi.» Stimmt, fand die gelernte Verkäuferin. Was Neues ausprobieren, die Grenzen der Unabhängigkeit ausloten.

In Gadients Anfangsjahren war für Frauen um 23 Uhr Dienstschluss. Manche Fahrgäste, erzählt sie, wollten damals nicht bei einer Frau einsteigen. Heute würden viele lieber mit einer Frau fahren – sie fühlten sich sicherer. «Ich bin gefragt, und das macht mich stolz.» Es gab auch andere Zeiten. Es waren die Zeiten, als Gadient mit ihrer Arbeit haderte.

Einmal machte sie die Wirteprüfung und führte ein Restaurant. Einmal liess sie sich zur Pflegerin ausbilden und arbeitete im Spital. Zweimal kehrte sie ins Taxi zurück. «Hier fühle ich mich am wohlsten», sagt die Chauffeurin.

Inzwischen sind wir in Riedholz angekommen. An der Waldlichtung beim Fussballplatz stoppt Gadient ihren Wagen. Kurzes Innehalten. Frau Gadient, was hat Sie zweimal ins Taxi zurückgetrieben? «Die Freiheit», antwortet sie. Die Freiheit: Um zu verstehen, was dieses grosse Wort für Gadient bedeutet, reicht ein Blick in ihre Biografie. Rosa-Maria, wie sie eigentlich heisst, wird in Solothurn als Zwölftes von 17 Kindern geboren.

«Wir waren arm, aber reich an Anstand», erinnert sich Gadient. Später meldet sie sich freiwillig für die Armee, bekleidet dort den Rang eines Feldweibels. Rosi ist zeitlebens die Exotin, die Frau in Männerwelten. Man müsse das nicht überbewerten, findet Gadient: «Ich habe das gemacht, was mir gefallen hat.» Radikale Emanzipation? Lieber mit Gefühl. Die Freiheit will erkämpft sein.

Abstriche nimmt Gadient in Kauf. Familie und Beruf unter einen Hut bringen? Unmöglich – allein wegen der Arbeitszeiten und schon gar nicht in den 70er-Jahren. Gadient ist ledig und kinderlos. «Die Fahrer und die Fahrgäste sind meine Familie», meint sie. Ein Kollege vom Taxistand sagt: «Rosi ist die Mutter, die Platzwartin.»

Zeit für die Rückfahrt. Rosi Gadient ist eine anregende Gesprächspartnerin – «aber nur, wenn mein Gast das wünscht», betont sie. Und ob: Statt hinten im Fond einzusteigen, setzten sich die meisten vorne neben Gadient. Dabei ist sie keine verbitterte Lehrerin, die den Jüngeren das konforme Leben diktiert. Gadient ist eine scharfe Beobachterin, sie misst der Gesellschaft gerne die Temperatur.

«Der Alkohol», sagt sie, «ist für viel Elend verantwortlich.» Taxifahrer kennen Geschichten in allen Facetten. Gadients Protagonisten sind Partygänger oder Nachtschwärmer. Manche schütten der Taxifahrerin ihr Herz aus. Nicht selten ist die Flasche im Spiel.

Gadient hat vieles gesehen, manches beelendet sie: «Hie und da muss ich die Augen schliessen.» Oft, räumt sie später ein, ist das schier unmöglich. Einmal in 30 Taxi-Jahren musste Gadient den Raubversuch eines Passagiers überstehen. Darüber mag sie nicht sprechen. «Vernachlässigbar» – wie die Geschichten, in denen sie um ihr Geld geprellt wurde. «Das gehört dazu.»

Wir sind zurück in der Stadt. Sanft rollt die Karosse über die Baselstrasse. Eine Frage wäre da noch, Frau Gadient: Was kommt eigentlich nach dem Taxi? Sie lacht herzhaft. «Ich muss nicht nach Höherem streben.» Nicht mehr. Auch mit dem Ruhestand könnte sie sich nun abfinden, glaubt Gadient. Im Haus eines befreundeten Ehepaars in Zuchwil hat sie ihren Rückzugsort gefunden. Sie kocht, kümmert sich um den Garten. Doch solange Bauch, Kopf und Herz bei der Sache sind, solange bleibt das Taxi ihr Refugium auf vier Rädern.

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