Mümliswil
Das Simmentaler Rind: Früher belächelt, heute ein weltweiter Exportschlager

Der Schweizer Milchmarkt verschlechtert sich, der Fleischmarkt boomt. In dieser Wirtschaftslage gewinnt die Simmentaler-Reinzucht-Rasse dank ihrer Stärke als Zweinutzungskuh zusehends an Beliebtheit.

Benildis Bentolila
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Mathias, Roman und Stefan Gygax (v.l.) mit der dreieinhalbjährigen Simmentaler Reinzucht Kuh Sara.

Mathias, Roman und Stefan Gygax (v.l.) mit der dreieinhalbjährigen Simmentaler Reinzucht Kuh Sara.

Benildis Bentolila

Drei Männer am Küchentisch im Bauernhaus auf dem Bio-Hof «Zentner», der auf der zweiten Kette des Jura, auf rund 1200 Meter über Meer, auf dem Gemeindegebiet von Mümliswil liegt. Die drei Männer können nicht genug schwärmen von der Simmentaler-Reinzucht-Rasse.

Sie, das sind die Züchter Stefan und Mathias Gygax, die seit 1997 den Milchwirtschaftsbetrieb zusammen mit ihren Frauen Regula und Isabelle in Betriebsgemeinschaft (BG) führen. Der dritte am Küchentisch ist Werner Walter, Präsident des solothurnischen Fleckviehzuchtverbands, dem die Simmentaler Züchter angeschlossen sind.

Er sagt: «Die Simmentalerkuh ist heute begehrt. Im Gegensatz zu früher, wo Züchter dieser Rasse eher belächelt wurden, weil ihre Tiere weniger Milch geben.»
Seit sich der Milchmarkt immer mehr verschlechtere, hingegen der Fleischmarkt sich verbessere, zeige die Simmentaler Kuh ihre Stärke als Zweinutzungskuh. Insbesondere auch deshalb, weil deren Fleischqualität geschätzt werde.

Werner Walter schmunzelt: «Die Simmentalerin ist nicht nur ein Star auf den Sonderbriefmarken, die Mitte November letzten Jahres herausgegeben und rasch vergriffen waren.»

Eine der bedeutendsten Rinderrassen weltweit

Bei der Simmentaler Reinzucht handelt es sich um «echte» Schweizerinnen; sie wurden nie mit anderen Rassen gekreuzt. Die Rasse stammt – wie es ihr Name sagt – aus dem Berner Oberland und ist in den Berggebieten aller heimischen Regionen zu finden.

Zudem ist sie ein Exportschlager und auf allen Kontinenten anzutreffen. Mit rund 50 Millionen Tieren ist sie eine der weltweit bedeutendsten Rinderrassen. Die robuste, anspruchsarme Simmentalerin besitzt von jeher die Fähigkeit, unter erschwerten Bedingungen aus Grundfutter Milch und Fleisch zu produzieren.

«Deshalb passt sie in unsere Gegend», halten die Brüder Gygax fest. Sie komme ausserdem dem Wunsch der Konsumenten entgegen, die heute die Hochleistungszüchtung zunehmend kritisch betrachten.

Der Hof Zentner war ursprünglich im Besitz der «Alpgenossenschaft Zentner Hasle-Rüegsau» und wird seit dem Jahr 2000 von Stefan Gygax bewirtschaftet; 2003 kaufte er den Betrieb. 2007 wich der Anbindestall einem Freilaufstall und die Züchter kamen zum Schluss, dass sie ihre Kälber fortan enthornen mussten.

«Uns gefallen Kühe mit Hörnern besser», sagt Regula Gygax überzeugt und ihr Sohn Roman (11) nickt kräftig. Jedoch gab es im Winter, wenn die Tiere im Stall waren und Rangkämpfe austrugen, oft Verletzungen. Manche so schlimm, dass Kühe geschlachtet werden mussten.

Während des Sommers, wenn die Simmentaler sich bis zu zwei Kilometer von den Gebäuden entfernen können, sei es kein Problem. Einige Tiere sind genetisch hornlos und es sollen immer mehr davon werden.

Den nebenan liegenden Hof «Güggel» mit der Bergwirtschaft bewirtschaftet Familie Gygax seit 1938. 1976 kaufte sie ihn; 2007 übernahmen Mathias und Isabelle mit ihren Söhnen David (13), Lukas (11) und Tobias (8) den Betrieb. Jeden Herbst machen sich die Familien Gygax mit Verwandten und Bekannten und ihrem geschmückten Vieh auf den rund vier Kilometer langen Fussmarsch zum Schauplatz Bunkerwald unterhalb des Grossbrunnersberg.

Die Betriebe umfassen rund 120 Hektaren, inklusive Wald und Sömmerungsfläche, und liegen in der Bergzone 3. Der Tierbestand umfasst 45 Kühe, 25 Rinder, 12 Kälber, 3 Zuchtstiere, 4 Zuchtstuten, 6 Jungpferde, 4 Mastschweine, 8 Ziegen und verschiedene Kleintiere. Viel Arbeit für die beiden Familien, in welche die Kinder einbezogen werden. «Zudem gibt es hier einen richtigen Ueli der Knecht», lacht der pensionierte Grossvater schelmisch. Die Nachkommen sind dankbar für seine Unterstützung.

Neun Solothurner Züchter halten 354 Simmentaler

Angesichts der heutigen Marktlage stellt sich für viele Milchwirtschaftsbetriebe die Gretchen-Frage, ob die Bauernfamilien weiterhin auf die Milchproduktion setzen und melken werden. «Es gibt in der Schweiz heute noch rund 550'000 Milchkühe», erklärt Stefan Gygax, «und wir wollen weiter machen.» Er frage sich nämlich, was passiere, wenn die Zahl weiter sinke. Ob wir dann noch genug einheimische Milch hätten...

Der solothurnische Fleckviehzuchtverband, gegründet 1908, hält am 28. Februar seine Delegiertenversammlung in Lostorf ab. Der Verband zählt 287 Mitglieder mit rund 8471 Tieren, wovon 9 Simmentalerzüchter mit 354 Tieren.