Der Stolz braucht ein Symbol. In Welschenrohr hängt es weit oben, ein Gemeindewappen auf der Glatti Flue, der steilen Felswand über dem Dorf. Bloss 120 Meter hoch ist die Wand, für den Jura ist das aber eine ordentliche Grösse. Und die Glatti Flue ist echt glatt – ohne Haken und Hammer kommt niemand hoch. Früher kamen Kletterer hierher, um für den Eiger zu trainieren. Noch heute blicken die Welschenrohrer freudig zu ihrem Wappen.

Dort, wo das Thal zwischen der ersten und zweiten Jurakette immer enger wird, ist man gern stolz. Stolz auf das, was man hat. Die Zeche zahle man in einer Randregion ja schon oft genug.

1100 Einwohner zählt das Dorf, es gibt 32 Vereine, zwei Beizen – und fünf Ortsparteien. Während anderswo die Lokalsektionen in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, blüht hier die Parteienlandschaft. Welschenrohr scheint dem Trend zu trotzen.

Ist dieser Ort vielleicht ein Hort der Debatte? Oder läuft es in Wahrheit gar nicht besser als anderswo? Die Antwort muss sich irgendwo dazwischen verstecken. Also am besten diejenigen fragen, die an der Front stehen: die Präsidenten der örtlichen Parteien.

Es ist nichts, was er an die grosse Glocke hängen möchte. Er mag es aber auch nicht leugnen. «Wir sind schon so etwas wie ein Sonderfall», sagt Thomas Mägli, ein bärtiger Mittsechziger. Der FDP-Mann war Gemeindeschreiber und Kantonsrat, jetzt ist er Gemeinderat und Präsident der Liberalen. Diese sind hier seit je die wählerstärkste Partei. Mägli sagt, der Sonderfall sei geografisch bedingt. Welschenrohr liegt weg vom Schuss. Die nächste Autobahnzufahrt ist 20 Kilometer entfernt, keiner der Nachbarorte liegt in Sichtweite.

Parteien als Schmiermittel

Welschenrohr tickt anders, heisst es oft. Lange dominiert die Uhrenindustrie das Leben und die Strukturen im Ort. Mitte des 20. Jahrhunderts arbeitet fast ausnahmslos die ganze Bevölkerung in einer der Manufakturen. Wer zusammen schuftet, verbringt auch seine Freizeit zusammen. Der Dorfkönig und «Technos»-Patron Josef Gunzinger sagt seinen Arbeitern, wie sie zu stimmen haben – nämlich gelb. Also freisinnig. Schwarze und Rote haben da einen schweren Stand. Noch in den 1970er-Jahren holt sich die FDP die absolute Mehrheit im Arbeiterdorf. Heute ist der Abstand zu den anderen Parteien kleiner. Und die Uhrenindustrie ein Fall fürs Museum. Sei es drum, findet FDP-Ortschef Mägli: «Welschenrohr tickt noch immer anders, weil wir hier zu uns selbst schauen müssen.» Jeder kenne jeden. Man hilft, vertraut und misstraut sich. Die soziale Kontrolle greift mit allen Vorzügen und Widrigkeiten.

Verhärten die Parteien da nicht die Fronten? Mägli winkt ab. Stures Politisieren auf Parteilinie sei vorbei, die Sache müsse im Zentrum stehen. Allerdings gibt es für ihn einen wichtigen Grund, warum es trotzdem nicht ohne Parteien geht: «Diese halten das System am Laufen, rekrutieren den Nachwuchs und entlasten so die Verwaltung.» Ganz ähnlich klingt es bei allen Parteichefs.

Junge haben wenig Bock

Politische Gräben sind zugeschüttet. Es gibt genug Probleme, die gemeinsame Lösungen erfordern: steigende Sozialkosten, der öffentliche Verkehr, die Überalterung. «Farbe bekennen ist wichtig», sagt Beat Allemann. «Noch wichtiger ist, dass die Bevölkerung an einem Strick zieht.» Der Präsident der CVP, gross gewachsen, kräftige Hände, schmale Brille, grübelt immer mal wieder über die Zukunft des Dorfes. Seit 30 Jahren ist er in der Politik. Auch er war Kantonsrat und sitzt seit langem im Gemeinderat. Fragt man ihn, ob er härtere Fights vermisse, zögert er keine Sekunde mit seinem Nein. «Vieles funktioniert besser dank der engeren Zusammenarbeit», findet Allemann. Vor den vergangenen Gemeinderatswahlen haben CVP, FDP und SVP ihre Einheit demonstriert. Ist ein Kompromiss gefragt, wird einer gefunden. Parteiprogramme taugen da nur bedingt als Richtschnur. Misstöne? Die Fetzen fliegen anderswo. Jeder hat über seine Kollegen nur Gutes zu berichten. Besser noch, man spricht sich Mut zu. Denn alle wissen genau: Letztlich sind es ein paar wenige Köpfe, die «das System» am Laufen halten.

Dass es nicht einfach ist, jemanden für ein Amt im Gemeinderat oder einer Kommission zu motivieren, weiss CVP-Präsident Allemann schon lange. Jetzt aber befürchtet er eine Zäsur. Etliche Leute hat er in vergangener Zeit angesprochen – und Absage auf Absage gekriegt. Das Ganze ist ein strukturelles Problem. Wer jung ist, muss mobil sein. In der Lokalpolitik aber ist Sesshaftigkeit gefragt. Allemann analysiert: «Die Jungen wollen oder können sich nicht mehr binden.» Hinzu kommt: Nur schon die Sitzungen nehmen mehr Zeit in Anspruch als früher, und die Aufgaben sind komplexer geworden. «Für Neulinge gleicht das einem Sprung ins kalte Wasser», sagt Allemann. Es brauche so etwas wie einen Schnupperkurs für Junge, so könnten diese in ein Amt hineinwachsen. «Aber dafür fehlt dann wieder die Zeit.» Ein Teufelskreis, bestätigen die anderen Parteipräsidenten.

Hauptsache, jemand machts?

Politischer Nachwuchs ist Mangelware. Laut dem Gemeinde-Monitoring der Universität Bern kämpft die Hälfte der Schweizer Gemeinden mit Rekrutierungsproblemen. In Welschenrohr ist es die FDP, die im Sommer 2014 einen Gemeinderat ersetzen muss. Ausgerechnet der jüngste im Rat legt sein Amt nieder. Er wolle sich beruflich und privat neu orientieren; auch das ist symptomatisch. Ein Dutzend Gespräche führt Parteichef Thomas Mägli darauf hin, unzählige Anrufe und Appelle. Der Druck, die Nachfolge zu regeln, wird immer grösser. Nach vier Monaten kann er einen neuen Gemeinderat präsentieren. Stephan Walser ist nun das jüngste Ratsmitglied, mit 35 Jahren. Er wohnt erst seit Kurzem in Welschenrohr. Doch auch das ist kein Problem, kein Problem mehr. Jeder Zugezogene sei eine Chance, sagt Mägli. Hauptsache, jemand machts? Viele atmen eben auf, wenn der Kelch an ihnen vorübergeht. Kommissionsämter werden längst nicht mehr streng nach Proporz vergeben.

Selbst bei der SVP, während ihres rasanten Aufstiegs auch in Welschenrohr zur festen Grösse geworden, werden die Erwartungen gedämpft. Jürg Uebelhart, der Parteichef, setzt den Begriff Nachwuchs zwischen Gänsefüsschen. «Die Jüngsten sind bei uns ja auch schon 30, 40 Jahre alt.» Im Übrigen, und das erwähnt Uebelhart nicht ohne Stolz, sei die SVP im Dorf ganz dem Konsens verpflichtet. «Wir stellen uns gern hinter die Ideen anderer Parteien.» Man will sich als staatstragende Kraft verstanden wissen. Eine politische Lähmung will niemand.

Das Erwachen der Linken

Vielleicht lässt sich der moderate Kurs der hiesigen SVP auch damit erklären: Der Gemeinderat ist stramm bürgerlich, es braucht gar kein rechtes Poltern. Die SP hatte schon früher einen eher schweren Stand in Welschenrohr, dem Arbeiterdorf mit freisinniger Mehrheit. Und dann kommt es noch dicker: 2009 finden die Sozialdemokraten keine Kandidaten für die Gemeinderatswahlen. Bei den Wahlen 2013 scheint die Partei bereits klinisch tot. Weg aus der Öffentlichkeit, gestrichen aus dem Gedächtnis der Politik. Dann, im Frühling 2014, lässt die SP plötzlich wieder von sich hören. Seine Partei wolle fortan «vermehrt in Erscheinung treten», bestätigt Präsident Bruno Schindelholz. Die Rede ist von mitmischen, nicht von aufmischen. Das Ziel: eine eigene Liste bei den Wahlen 2017.

Einer stellt sich in den Weg

Bei aller bürgerlicher Harmonie: Ein Kratzer findet sich doch noch. Es ist das frische Blut, wenn man so will, das in der Welschenrohrer Politik für Aufruhr sorgt. 2013 scheinen stille Wahlen schon geritzt. Doch einer stellt sich in den Weg: Der Busfahrer René Enz kandidiert mit einer eigenen Liste – und wirft mit seinen «Freien Wählern» prompt einen SVP-Mann aus dem Rat. Manche sehen darin einen Affront. Für sie ist klar: Ein früherer FDP-Politiker steckt hinter «dieser Aktion». Alles Quatsch, entgegnet Enz. Seine Absicht sei nur gewesen, stille Wahlen zu verhindern. «Es hat sich einiges bewegt, die Zusammenarbeit klappt gut.»

Ob Vertreter der etablierten Parteien das nun auch so sehen? Die einen schweigen lieber. Andere betonen, man finde sich «auf konstruktiver Ebene». Und doch, ein Gemeinderat sieht die «Freien Wähler» durchaus als Chance. Er sagt es hinter vorgehaltener Hand, aber immerhin: «Die Kandidatur hat ein paar Unzufriedene an die Urne gelockt. Manche interessieren sich jetzt wieder mehr für unsere Dorfpolitik.» Vielleicht ertönt da gerade wirklich ein Weckruf: Bürger, beteiligt euch!