Kanton Solothurn
Das Schulsystem benachteiligt Hochbegabte – mit teils happigen Folgen

Hochbegabte Kinder können alles: Das ist ein Klischee. Tatsache ist: Werden sie nicht gefördert, können einige gar zu schlechten Schülern werden. Im Kanton will man dies nicht überall wahrhaben. Ein Interview mit der Begabtenförderin Verena Hofer.

Lucien Fluri
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Rund um hochbegabte Kinder gibt es viele falsche Vorstellungen: Eine davon ist, dass sie in der Schule so oder so alles können und keine Förderung brauchen. Dabei können sie, sind sie unterfordert und gelangweilt, in der Schule leiden.

Rund um hochbegabte Kinder gibt es viele falsche Vorstellungen: Eine davon ist, dass sie in der Schule so oder so alles können und keine Förderung brauchen. Dabei können sie, sind sie unterfordert und gelangweilt, in der Schule leiden.

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Verena Hofer warnt gleich: Das Gespräch könnte länger dauern. Denn die Hochbegabtenförderung ist das Spezialgebiet der ausgebildeten Primarlehrerin und studierten Pädagogin. Sie hat sich nicht nur wissenschaftlich mit dem Thema befasst. Sie arbeitet auch als Begabtenförderin und ist Kontaktperson der Regionalgruppe von Eltern Hochbegabter Kinder (EHK). Auch von dort weiss Hofer, dass das Potenzial hochbegabter Kinder in den Schulen nicht immer erkannt wird. Mit teils gravierenden Folgen: von seelischen Leiden bis hin zu sich verschlechternden Schulleistungen. «Ideal wäre es, wenn jedes Kind das Seine und nicht alle das Gleiche bekämen», zitiert sie Pestalozzi.

Verena Hofer, eine provokative Frage: Hochbegabten fällt eh schon alles leicht. Weshalb sollte man sie noch zusätzlich fördern?

Verena Hofer: Sind sie unterfordert, können hochbegabte Kinder in der Schule ebenso leiden wie überforderte Kinder. Das geht so weit, dass Knaben in der Regel verhaltensauffällig werden oder Mädchen depressiv. Sie möchten dann nicht mehr in die Schule gehen, haben Bauchweh am Sonntagabend.

Verena Hofer, Begabtenförderin: «Sind sie unterfordert, können Hochbegabte Kinder leiden. Das geht so weit, dass sie nicht mehr in die Schule gehen möchten.»

Verena Hofer, Begabtenförderin: «Sind sie unterfordert, können Hochbegabte Kinder leiden. Das geht so weit, dass sie nicht mehr in die Schule gehen möchten.»

Lucien Fluri

Die meisten Leute denken bei Hochbegabten an den Vierjährigen, der am Klavier sitzt. Aber was bedeutet hochbegabt eigentlich?

Hochbegabt wird so definiert, dass diese Kinder den Gleichaltrigen in einem oder mehreren Gebieten sehr weit voraus sind. In der Schule hat man den IQ als Kriterium genommen. Ab IQ 130 gilt ein Kind als hochbegabt. Das sind 2 Prozent der Schülerinnen und Schüler.

Sind Hochbegabte in allen Fächern gut?

Nein, nicht unbedingt. Die Begabungen können unterschiedlich ausgeprägt sein. Deshalb ist die Definition über den IQ problematisch. Wenn ein Kind eine mathematische Hochbegabung hat, vielleicht 140, aber sprachlich ist es bei 89, dann zieht es seinen IQ runter und die Schule kann sagen, dass das Kind keinen Anspruch auf ein Förderangebot hat. Das kann dann zu grösseren schulischen Problemen führen für diese einseitig Hochbegabten. Denn wenn sie etwas nicht interessiert, dann machen sie dort null bis gar nichts. Das ist ein grosser Unterschied zu normal begabten Kindern. Diese kann man motivieren.

Hochbegabte sind schwieriger zu motivieren?

Eindeutig, wenn ihnen etwas nicht zusagt. Dort, wo sie interessiert sind, beissen sie von selbst an, zeigen Beharrungsvermögen und eine grosse Aufnahmefähigkeit. Was sie weniger interessiert, können sie dank ihrer Intelligenz lange trotzdem problemlos bewältigen. Wenn sie dann aber zu lernen beginnen müssen, stehen sie an.

Warum?

Sie haben Schwierigkeiten, weil sie keine Lernstrategie entwickelt haben. Weshalb soll ein hochbegabter Schüler sich hinsetzen und Englisch lernen, wenn es reicht, dass er die Wörter im Zug von Bettlach nach Solothurn anschaut und damit im Test bei den Besten ist? Warum soll er freiwillig mehr machen?

Eltern beklagen, dass die Förderung von Hochbegabten heute stiefmütterlich behandelt wird. Warum ist dies so?

Für die Lernstarken ist weniger Verständnis da als für die Lernschwächeren. Das liegt in uns: Jemand, der schwächer ist, dem versucht man zu helfen. Hinzu kommt die immer noch weit verbreitete Meinung, dass Hochbegabte keine zusätzliche Förderung brauchen. Nicht zuletzt ist das Wort Eliteförderung in der Schweizer Mentalität ein heikles. Man will hier die Schwächeren «lüpfen», aber die Besseren will man nicht davon ziehen lassen, auch wenn man später stolz auf gute Forscher ist.

Es ist ein Konkurrenzkampf zwischen Schwächeren und Hochbegabten um die Förderstunden?

In der speziellen Förderung gibt es einen gemeinsamen Lektionenpool für Kinder mit einer Lernbeeinträchtigung oder einem Lernrückstand, für Verhaltensauffällige und für Kinder mit einer besonderen Begabung. Die Realität ist so, dass diese Lektionen für die lernschwachen und für die verhaltensauffälligen Kinder benötigt werden. Nicht aber für die Hochbegabten. Die Heilpädagogen schauen, dass genügend Stunden für die lernschwachen Kinder zur Verfügung stehen. Es heisst: Sonst «rotieren» die Lernschwachen noch mehr Wir haben eh zu wenig Lektionen. Ich selbst war in der Funktion einer Heilpädagogin tätig. Und ohne ihnen das Geld wegnehmen zu wollen – Tatsache ist: Das Geld fliesst vor allem zu Kindern mit einem Lernrückstand.

Und die Lehrer?

Es steht und fällt mit den Lehrpersonen. Eine Lehrerin oder ein Lehrer kann auch ohne Förderstunden einem Kind das Richtige bieten. Es kommt aber auch vor, dass Lehrer oder Behörden das notwendige Wissen nicht haben, und das ist leider häufig der Fall. Man muss ein Wissen haben zur Hochbegabung, um es wahrzunehmen. Da sollten wir viel weiter sein. Und dann gibt es noch Lehrer, die wollen einfach nicht.

Warum?

Sie sagen: Nicht das auch noch. Sie haben schon viel um die Ohren. Bei lernschwachen Kindern wissen sie zudem, was zu tun ist. Bei hochbegabten Kindern ist es schwieriger, Fördermassnahmen zu finden. Die Kinder können sich in der dritten Klasse vielleicht schon mit Billionen befassen oder können perspektivisch zeichnen, während andere noch Figürchen malen. Das ist auch für Lehrpersonen ungewöhnlich, für einige gar erschreckend oder beängstigend. Der Fächer der Möglichkeiten und Bedürfnisse der Kinder ist viel grösser. Es kann sein, dass eine Lehrperson ein gut gemeintes Zusatzangebot macht, aber das Kind zeigt Desinteresse.

Beim Sport oder bei der Musik hat man die Akzeptanz für Fördermassnahmen und Spezialklassen eher. Warum?

Beim Sport sieht man die Leistung. Bei der Musik hört man sie. Wenn Kinder aber anders denken oder wahrnehmen, dann sieht man dies nicht.

Wenn man mit Eltern von Hochbegabten spricht, sagen sie: Bitte keine Namen nennen. Eigentlich könnten die Eltern ja stolz sein, ein begabtes Kind zu haben. Es scheint aber eher ein Stigma zu sein.

Ein Vater sagte mal, er erfahre vom Umfeld auch Neid. Hinzu kommt: Zwei Prozent der Kinder sind hochbegabt. Das entspricht nicht mehr der Norm. Eltern haben – definitionsgemäss – ein «nicht normgerechtes» Kind. Deshalb halten sie sich in der Öffentlichkeit zurück.

Sind Eltern auch zurückhaltend, weil Erwartungen geweckt werden, die die Kinder nicht erfüllen können oder wollen?

Ja, das auch. Die Erwartung zum Beispiel, dass ein hochbegabtes Kind wunderschön schreibt oder überall top ist. Das ist völlig falsch. Ein Einstein schlurfte in Schlarpen rum. Genies haben zum Teil keine Alltagskompetenz, bzw. sind für sie gewisse Dinge einfach unwichtig. Und es gibt auch hochbegabte Kinder, die ihr Potenzial nicht entfalten können. Ich kenne ein hochbegabtes Kind, das zum IV-Fall wurde. Es hat den Weg nicht gefunden.

Wie sähe die ideale Förderung aus?

Das setzt beim Wissen der Lehrperson an, sowie bei deren Verständnis und Akzeptanz, sodass diejenigen Kinder, die eine Teilhochbegabung haben, auch erkannt werden. Dann gibt es bereits heute Massnahmen, die greifen. Zum einen ist dies das Überspringen einer Klasse. Das andere ist die «Bereicherung» des Unterrichtsstoffes. Diese Kinder brauchen nicht einfach Zusatzaufgaben, sondern Kraftfutter für ihr Hirn. So kann eine Tüftelaufgabe das Kind herausfordern. Ich habe eine Förderkiste gemacht. Das geht mit minimalem, einmaligem Aufwand. Gezielt eingesetzt, hat man ein gutes Gefäss. In der Kiste sind Aufgaben zum Tüfteln, Knobeln und Ausprobieren. Wer den Wochenplan erfüllt hat, darf zur Kiste gehen. Davon können alle Kinder profitieren.

Was sind die Folgen, wenn es keine Fördermassnahmen gibt?

Im besten Fall hat dies keine Folgen. Im schlechtesten Fall werden die Kinder verhaltensauffällig, leisten weniger und werden zu sogenannten Minderleistern. Das kommt vor. Erst wenn dann das vermeintlich verhaltensauffällige Kind von Psychologen abgeklärt wird, stellt sich heraus, dass es eine Hochbegabung hat. Wenn es dann bekommt, was es braucht, sind auch die Verhaltensauffälligkeiten weg.

Im Kanton kann jede Gemeinde selbst bestimmen, ob und welche Fördermassnahmen sie anbietet.

Der Kanton macht es sich etwas einfach, wenn er keine Gelder spricht und sagt: Das ist Sache der Gemeinden. Es gibt eine Studie, die zeigt, dass ein Zusammenhang besteht zwischen den Angeboten und der Art, wie die Gelder gesprochen werden. Dort, wo kantonale Gelder fliessen, gibt es für Hochbegabte im Schnitt klar mehr Angebote. Dort, wo die Kantone nicht bezahlen, gibt es weniger Angebote. Das hat Auswirkungen. Ich kannte ein hochbegabtes Kind, das in der Schule unterfordert war und apathisch wurde. Heute geht das Kind in die Steinerschule. Ihm geht es besser. Aber die Familie muss die Schule selber bezahlen. Das ist ungerecht.

Vor welchen Herausforderungen stehen Eltern hochbegabter Kinder?

Sie sind zum Teil am Anschlag, etwa wenn das Kind ständig Fragen stellt. Es gibt hochbegabte Kinder mit einem unglaublich hohen Wissensdrang, der die Eltern verunsichert. Und gerade für Eltern, die ein Einzelkind haben und nicht vergleichen können, ist es zuerst schwierig, ihre Wahrnehmung einordnen zu können. Deshalb ist es wichtig, sich zu informieren.

Woran leiden die Kinder selbst?

Das müsste man die Kinder fragen. Daran, dass sie sich z.B. als «anders als die Anderen» wahrnehmen. Sie leiden, wenn es ihnen über längere Zeit in der Schule langweilig ist, etwa bei repetitiven Aufgaben. Und auch diese Kinder benötigen positive Rückmeldungen. Es wird aber zu oft als selbstverständlich angesehen, dass sie alles können. Warum soll man dann sagen: Du bist gut? Was auch schwierig ist: Hochbegabte haben oft einen Perfektionsanspruch und können an ihren eigenen Ansprüchen scheitern.

Einige Eltern fördern die Kinder schon vor der Schule. Die Kleinen kennen schon die Buchstaben, wenn sie in die erste Klasse kommen. Wie fallen da die hochbegabten Kinder auf?

Es gibt ehrgeizige Eltern, die gerne ein begabtes Kind hätten. Aber ein Kind wird nicht wegen seiner ehrgeizigen Eltern hochbegabt. Ein Kind hat ein grösseres Begabungspotenzial oder ein kleineres. Hochbegabte Kinder eignen sich das Wissen selbst an. Sie lernen das Lesen selbst oder stellen ganz ungewohnte Fragen. Wenn ein Kind ungewohnte Fragen stellt oder interessante Antworten gibt, kann dies ein Hinweis sein.

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