Schloss Neu-Bechburg
Das Schloss Neu-Bechburg in Oensingen verschlingt jährlich 100'000 Franken

Ein Rundgang durchs Oensinger Schloss Neu-Bechburg, dessen Unterhalt jährlich 100000 Franken kostet. Doch bezahlt überhaupt noch jemand für die Burg oder verlottert sie bis in 50 Jahren?

Christoph Neuenschwander (Text und Bilder)
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Das Wahrzeichen von Oensingen: Jährlich werden 100000 Franken in die Neu-Bechburg investiert. wak

Das Wahrzeichen von Oensingen: Jährlich werden 100000 Franken in die Neu-Bechburg investiert. wak

Es regnet in Strömen, der Wind pfeift gespenstisch durch die Schächte, Flure und Ritzen der Neu-Bechburg. Ob es Schlossgeist Kuoni zuzuschreiben ist, dass der Warenlift, der die Aussenmauer hoch zum Küchenfenster führt, gleich zweimal mit Mordsgetöse hinab auf den Parkplatz krachte? Nüchtern betrachtet war es die Achse der Seilwinde, die brach und den Liftsturz verursachte – gleich zweimal in zwei Jahren. Grund genug, die gesamte Vorrichtung zu ersetzen. «Es ist einfach zu gefährlich», sagt Kurt Zimmerli. Der Präsident der Stiftung Neu-Bechburg hat seinen Regenschirm aufgespannt und deutet auf den Lift. Der ist zwar am unteren Ende von einem hohen Zaun umgeben, aber trotzdem: «Wenn da mal jemand drunter steht ...»

35-jähriger Lift

Im Vergleich zum Rest des Gebäudes ist der Lift quasi nagelneu: Seit 35 Jahren steht er da. Die Garantie ist dennoch abgelaufen – und wenn er 2014/2015 wie geplant durch einen zuverlässigeren Nachfolger ersetzt wird, dann werde das etwa 200 000 Franken kosten, schätzt Zimmerli. Eine beträchtliche Ausgabe mehr für die Stiftung, die zwar über ein ganzes Schloss verfügt, nicht aber über einen Fonds, um den Unterhalt zu finanzieren. Die Bechburg ist auf Spendengelder sowie Beiträge der öffentlichen Hand angewiesen.

Der Warenlift ist bei Weitem nicht die einzige Investition, die auf die Stiftung zukommt. Rund 100 000 Franken jährlich – ohne den Lift – sieht der aktuelle Fünfjahresplan für Unterhalt und Sanierungsarbeiten vor. Dazu gehören Restaurationen von Böden, Decken und Wänden, aber auch grössere Projekte wie der Ersatz der Schlossküche für 120 000 Franken.

Ein weiteres Renovationsprojekt des gemäss Urkunden im Jahr 1250 erbauten Schlosses ist das Westturm-Zimmer, das vor einigen Jahren einen Wasserschaden erlitten hat. Es soll für 75 000 Franken nach Vorbild des 19. Jahrhunderts restauriert und neu möbliert werden, damit es das Wohnmuseum der Neu-Bechburg ergänzen kann. Der Unterhalt von Dächern und Aussenmauern sowie die Felssicherung sind zudem Daueraufgaben der Stiftung. Wenn man alles einmal überprüft und die Schäden behoben habe, könne man wieder von vorne beginnen, sagt Zimmerli. 100 000 Franken jährlich – diese Summe werde auch auf allen künftigen Investitionsplänen stehen.

Überraschende Schäden

Welche Schäden man wo und wann antrifft, lässt sich kaum prognostizieren. Schlosswart Patrick Jakob ist in der Bechburg zu 100 Prozent angestellt. Der gelernte Schreiner, der sich seit 12 Jahren um das riesige Gebäude kümmert, repariert so viel wie möglich alleine. Er kennt die Burg wie wohl kein anderer. Zu jedem Raum weiss er eine Geschichte zu erzählen – sei sie nun 300 Jahre oder erst 3 Monate alt.

Im Schloss könne jederzeit völlig unerwartet ein neues Sanierungsprojekt anfallen, sagt er, während er sich mit einer Tasse Kaffee an einen langen Holztisch setzt. Erst kürzlich musste für 50 000 Franken die gesamte Fassade oberhalb der Küche ausgebessert werden. Und das wegen eines dünnen Risses in der Küchendecke, durch den wohl in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Dampf in das Gemäuer drang. «Es gibt noch viele versteckte Sachen, von denen wir gar nichts wissen.» Da ist sich Jakob ziemlich sicher.

Zeit für einen Rundgang. Patrick Jakob, der einen Teil der insgesamt rund 120 Führungen pro Jahr macht, geht voran, gibt Anekdoten zum Besten über die Ausstellungsräume, erzählt geschichtliche und architektonische Einzelheiten. Er schliesst Türen zu Zimmern auf, in denen sich die Tapete von den Wänden löst und sich Möbel und Gemälde türmen. Es gäbe noch viel zu erledigen, etliche Zimmer herzurichten, aber der Schlosswart kann nicht überall gleichzeitig sein.

Selektion und Fokus lauten die Zauberworte

«Als ich hier anfing, musste ich lernen, zu fokussieren», erzählt er. «Man nimmt sich eine Ecke vor und sagt sich: Diese Ecke mache ich und sonst nichts.» Sonst werde einem schwindlig. In der Burg hat er eine Werkstatt eingerichtet, wo er das Nötigste reparieren kann. Zu Hause habe er eine grössere Werkstatt für gröbere Arbeiten.

Auf dem alten Wehrgang weit oberhalb der Küche, weg von Kaffee und Heizung, kriegt man das Wetter deutlich zu spüren. Es zieht, und der Wind dröhnt heftig. Fast klingt es so, als seufzte das ganze Gebäude, frustriert über den eisigen Regen, der seit Stunden wie aus Kübeln giesst. Er glaube nicht an Gespenster, sagt Patrick Jakob. Aber sollte ihm Schlossgeist Kuoni doch einmal über den Weg laufen, würde er sicher nicht davonrennen, sondern ihn zur Rede stellen. «Der könnte mir bestimmt viel über die Burg erzählen.»

Dann geht es hinein in den Wehrturm, wo sich ein Riss von unten nach oben durch die Mauer zieht. Der stamme vermutlich vom grossen Erdbeben von Basel im Jahr 1356, sagt der Schlosswart. «Früher musste der Turm mehrmals wieder befestigt werden, damit er nicht wegrutschte. Heute ist er stabil.»

Schwierige Geologie

Die Geologie macht der Neu-Bechburg aber weiterhin zu schaffen. Felsen verschieben sich, in den Mauern entstehen Spannungen. Dazu kommt der Umstand, dass es sich bei der Burg um ein richtiges «Patchwork-Gebäude» handle, wie Jakob sagt. Da wurde in verschiedenen Epochen überall um- und angebaut, mit diversen Materialien, die bei Wind, Wetter und Kälte unterschiedlich reagieren. Dadurch können sich Risse bilden und andere Schäden entstehen.

Früher hätten die Handwerker noch mehr Bezug zum Baumaterial gehabt, schwärmt der Schlosswart. Technisch waren die Möglichkeiten zwar begrenzt, aber dafür habe man das Holz, das man verarbeitete, noch besser lesen können und die Steine sorgfältiger ausgewählt. Diese Kunst sei im Verlauf der Jahrhunderte verloren gegangen. Beim Wehrturm gibt es übrigens einen weiteren Warenlift. Einen der alten Schule, wobei die Bezeichnung «Lift» nicht ganz angemessen scheint. Es ist eher ein Kran: ein schwenkbarer Holzarm, ein eiserner Haken und ein Tor in der Mauer, auf dessen anderen Seite es 20 Meter in die Tiefe geht. «Den hab ich auch schon verwendet, um Material hochzutransportieren. Aber das ist eine etwas gefährliche Angelegenheit», sagt Jakob.

Ob sich in 50 Jahren noch jemand für die Burg interessiere, oder ob sie einfach verlottere, weil niemand das Geld für den Unterhalt habe, das wisse man halt nicht, sagt der Schlosswart nachdenklich. «Aber solange es möglich ist, macht man immer wieder ein bisschen etwas, um die Neu-Bechburg zu erhalten.»

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