Solothurn
Das Nach-, Quer- und Vorausdenken zulassen

Der Wochenkommentar von SZ-Chefredaktor Theodor Eckert zu Gondeli-Themen, die aktuell für Schlagzeilen gesorgt haben

Theodor Eckert
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Hansjörg Sahli

Offizielle Präsentation der ersten neuen Weissenstein-Gondel samt Signet auf der Treppe von St. Ursen. Das Kirchenhaus bloss als dekorative Kulisse? Oder gar als Referenz himmelwärts? Als Dank für bisher Erreichtes wider alle Schwierigkeiten? Als vorauseilender Kniefall im Hinblick auf mögliche Stolpersteine in der Zukunft? Die Götter werden es wissen. Nicht weniger Symbolik geht von der Wetterkulisse aus: Einladend im Vorfeld, dann ausgerechnet erste Tropfen beim Eintreffen der Protagonisten. Da und dort öffnet sich ein Regenschirm und schliesslich lächelt beim Enthüllen der Gondel doch die Sonne auf die Gästeschar und ihr Schmuckstück herab. Ein Wechselbad, das die Initianten in den vergangenen Jahren zur Genüge durchschwommen haben. Mal stand ihnen das Nass bis zum Hals, mal hatten sie scheinbar Oberwasser. Dann wieder eine eiskalte Strömung, aber letztlich schafften sie es ans rettende Ufer.

Was nicht weiter verwunderlich ist: Der ermüdende Kampf um die neue Gondelbahn hat Spuren hinterlassen. Wohl ist die Freude und Zuversicht bei den Direktbeteiligten zurzeit riesig, doch vereinzelt ist ganz offensichtlich auch eine Dünnhäutigkeit zurückgeblieben. Allein der Umstand, dass diese Woche medial nicht bloss die Kabinentaufe hochgejubelt wird, sondern gleichzeitig auch Fragen zu den auffälligen Mehrkosten thematisiert werden, ist beim Kernteam der Seilbahn Weissenstein AG schlecht angekommen. Anders sind die teilweise ruppigen Reaktionen auf simple Fragestellungen nicht zu deuten.

Die neue Gondelbahn ist mittlerweile Allgemeingut geworden

Fakt ist, und das unbestritten: Die neue Gondelbahn ist ein tolles Projekt und bis auf wenige Hardcore-Nostalgiker freut sich die gesamte Bevölkerung in einem grossen Umkreis auf die Betriebsaufnahme am kommenden 20. Dezember. Doch jetzt kommt das Aber: Das öffentliche Interesse an dieser Bahn wurde geweckt, permanent wachgehalten und auch zum guten Gelingen genutzt. Obwohl mehrheitlich in Privatbesitz, ist diese Bahn ganz einfach zum Allgemeingut geworden. Und gerade deshalb dürfen auch schon mal kritische Fragen nicht tabu sein, zumal Gemeinden und Kanton – also wir alle – finanziell nicht völlig aussen vor sind. Die zig tausend treuen Verfechter der Gondelbahn haben ein Anrecht darauf, zu erfahren, wie die Bahn gebettet ist. Es ist ihnen ein Anliegen, dass diese Geschichte zu einer Erfolgsstory wird. Deshalb muss man drüber reden können, wenn Ungereimtheiten auftauchen. Diese müssen längst nicht allein auf den Bahnbetrieb fokussiert sein. Die im Entstehen begriffene Gondelbahn – unsere Bahn – muss im Gesamtkontext gesehen werden. Diese Tatsache kann nicht wegdiskutiert werden. Flankierend kann es dabei um Parkplatzthemen gehen, weiter lässt sich das Kurhaus nicht ausklammern und die Attraktivierung des Ausflugsgebietes Weissenstein ebenso wenig. Allein mit Abgeschiedenheit suchenden Rotsocken wird die Investition in den Sesseli-Ersatz auf Dauer nicht zu stemmen sein. Die Debatte über solche Aspekte muss öffentlich geführt werden können, ohne dass jedem Ansatz gleich mit Misstrauen oder der Unterstellung böser Absichten begegnet wird.

Der Graben zwischen den beiden Lagern ist immer noch tief

Zwischen den Sesseli-Freunden und Gondeli-Anhängern ist noch heute eine tiefe Schlucht auszumachen. Die Wunden des mehrjährigen, erbitterten Grabenkampfes sind nicht verheilt. Ein Lied davon singen kann der Präsident von Pro Sesseli, der während eines TV-Interviews bei der Talstation von einem Mitarbeiter der künftigen Bahn aufs Massivste verbal angegangen wurde. Auch hier: Souverän ist anders. Man kann vom Opfer der Beschimpfung halten, was man will, aber es steht einem weiterhin existierenden Verein vor, der einige hundert Mitglieder vertritt und sich in einem freiheitlich-demokratischen Staat legal für ein Anliegen einsetzt.

Noch einmal: Es ist lobenswert, dass es dank privaten Investoren gelungen ist, eine neue Gondelbahn zu realisieren. Das ist nicht selbstverständlich. Dass mit gewonnener Schlacht niemand mehr kritische Fragen stellen soll, ist allerdings nicht realistisch. Das gehört bei einem derartigen Projekt nun einmal dazu. Die Vorfreude und später die Freude auf die Fahrt hinauf zum Solothurner Hausberg muss sich deswegen doch niemand nehmen lassen.