Interview

«Das Misstrauen ist angestiegen»: Psychologie-Praxen im Kanton werden mit Anfragen überrannt

Seit dem Ausbruch des Coronavirus leiden Menschen häufiger an depressiven Symptomen. (Symbolbild)

Seit dem Ausbruch des Coronavirus leiden Menschen häufiger an depressiven Symptomen. (Symbolbild)

Eine Befürchtung hat sich bewahrheitet: Da sich viele Menschen durch das Coronavirus verunsichert fühlen, werden die Praxen für Psychotherapie im Kanton Solothurn mit Anfragen überschwemmt.

Der Lockdown ist schon seit Wochen passé, in viele Bereichen hat das Leben, wenn auch mit gewissen Einschränkungen, seinen gewohnten Gang genommen. Und trotzdem fühlen sich viele Menschen schlechter als in der Zeit vor Corona. Das zeigt eine Studie, welche die Universität Basel in diesem Monat veröffentlicht hat. Fast die Hälfte der rund 10'000 Studienteilnehmer gab an, in den vergangenen Wochen häufiger an depressiven Symptomen gelitten zu haben als vor dem Lockdown. Über zehn Prozent leiden noch immer unter mindestens mittelschweren depressiven Symptomen. Auch im Kanton ist dies spürbar: Laut Yvik Adler, Psychotherapeutin für Erwachsene mit einer Praxis in Solothurn und Co-Präsidentin der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen, werden die Praxen im Kanton mit Anfragen überschwemmt.

Yvik Adler führt eine eigene Praxis in Solothurn.

Yvik Adler führt eine eigene Praxis in Solothurn.

Yvik Adler, im April rechneten Sie mit einem Ansturm auf die Praxen im Kanton. Hat sich ihre Befürchtung bewahrheitet?

Yvik Adler: Definitiv. Normalerweise herrscht in den Sommerferien Flaute. In diesem Jahr werden wir aber mit Anfragen überrannt. Es ist extrem. Das Schlimme ist, dass wir in der Schweiz bei psychischen Erkrankungen ohnehin eine Unterversorgung haben, vor allem in ländlichen Gebieten wie im Kanton Solothurn und besonders bei Kindern und Jugendlichen. Wenn ich nach einer Anfrage absagen muss, dann tut mir das extrem weh. Denn ich weiss, dass die Leute auch anderswo kaum Platz finden werden.

Dann bleiben diese Menschen mit ihren Problemen allein?

Sie werden auf jeden Fall sehr lange suchen müssen und sich auf lange Wartefristen einstellen müssen. In der Schweiz sind das im Erwachsenenbereich durchschnittlich sechs Wochen, bei Kindern und Jugendlichen sieben Wochen. Manche geben die Suche dann auf.

Warum ist es schlimm, wenn jemand nicht sofort behandelt werden kann?

Natürlich gibt es Menschen, die sich auch ohne Behandlung wieder fangen. Aber gerade Angsterkrankungen heilen nicht einfach aus. Im Gegenteil: Sie können chronisch werden und sich mit der Zeit verschlimmern. Das wirkt sich auf verschiedene Bereiche aus. Auf die Arbeitsfähigkeit, es kann zu teuren Folgebehandlungen wie stationären Aufenthalten und Invalidisierungen kommen. Immerhin macht bei den Neuberentungen der Anteil von psychischen Erkrankungen mehr als 40 Prozent aus. Auch psychische Erkrankungen können schwer und tödlich verlaufen. Dabei meine ich nicht nur das Suizidrisiko, sondern zum Beispiel Folgen von schädlichem Substanzgebrauch wie Alkoholismus.

Was beschäftigt die Betroffenen, die psychologische Hilfe in Anspruch nehmen wollen?

Familienprobleme beschäftigen viele Menschen. Aus Anwaltskreisen hört man, dass in der Branche mit einer deutlich höheren Scheidungsrate gerechnet wird. Homeoffice, Kurzarbeit und die Zeit im Fernunterricht führten zu einem Dichtestress daheim, die fehlende Tagesstruktur belastet zusätzlich. Konflikte wurden verstärkt, was unter Umständen zu einer Trennung führen kann. Diese Trennung ist dann ein weiterer Belastungsfaktor.

Und wenn die Familie oder die Beziehung nicht das Problem ist?

Ein mit der Coronakrise im Zusammenhang stehendes grosses Thema sind auch neue Angsterkrankungen. Die Betroffenen entwickeln eine Angst vor Viren und vor einer Ansteckung. Seit der Einführung der Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr gibt es auch Menschen, die sich vor dem Maskentragen fürchten oder es als bedrohlich empfinden, wenn im öffentlichen Raum Masken getragen werden. Ein häufiges Thema sind natürlich Existenzängste im Falle von Geschäftsschliessungen, Auftragseinbussen und Kündigungen. Besonders schlimm ist es, wenn sich Probleme kumulieren: Etwa, wenn die Paarbeziehung sowieso schon schwierig ist und dann noch Geldsorgen dazukommen.

Sind bestimmte Personengruppen besonders betroffen?

Nein. Aber es kann gesagt werden, dass sich bei vielen Menschen, die bereits vor Corona psychische Probleme hatten, die Symptome verschlimmert haben. Dazu kommt, dass uns Unsicherheit generell nicht guttut. Manchmal hat man den Eindruck, dass in den Medienberichten Ängste noch geschürt werden, wenn zum Beispiel permanent vor einer zweiten Welle gewarnt wird, selbst wenn die Infektionslage sich als recht stabil darstellt. Das ist sicher nicht gut für unsere psychische Gesundheit, bei der eine sichere Lebenssituation eine sehr grosse Rolle spielt.

Was macht diese Unsicherheit mit uns als Gesellschaft?

Ich stelle fest, dass das Misstrauen in der Gesellschaft angestiegen ist. Das Misstrauen untereinander, aber auch gegenüber dem Staat. Ein Teil meiner Klienten empfindet eine Willkür des Staates und einen Verlust der eigenen Autonomie. Die Menschen sind wütender, angespannter, gereizter als früher. Wir tendieren auch mehr dazu, uns gegenseitig zu überwachen und zu kontrollieren. Wer trägt eine Maske oder hält sich an andere Vorgaben?

Dazu kommt, dass wir stets auf Distanz zueinander achten müssen.

Das macht etwas mit uns. Wir begrüssen uns nicht mehr wie früher, wir vermeiden körperliche Nähe. Wir sind also insgesamt «vereinzelter» unterwegs. Dazu kommt, dass mit dem Coronavirus auch neue Konfliktherde entstanden sind. Bezüglich der Einschätzung, welche Schutzmassnahmen angemessen sind, kann man sehr unterschiedlicher Meinung sein. Diese Diskussionen können sehr separierend wirken.

Was würde der Gesellschaft aus psychologischer Sicht in den nächsten Wochen guttun?

Ich denke, es würde uns als Gesellschaft guttun, wenn wir langsam und in Erwägung von Risiken und anderen Aspekten der Covid-19-Erkrankung in eine Art Normalität zurückfinden würden. Wir sollten lernen zu akzeptieren, dass ein Leben ganz ohne Risiken unmöglich ist. Zudem scheint mir ein Leben, in dem man aus Angst auf alles verzichtet, kein erfüllendes Leben mehr zu sein. Jeder sollte – natürlich unter Berücksichtigung des situativen Ansteckungsrisikos für andere entscheiden dürfen, wie viel Risiko er oder sie in Kauf nehmen will. Menschen haben unterschiedliche Grundbedürfnisse. Wir sollten nicht nur den Schutz vor dem Virus priorisieren, sondern sozialen und psychologischen Aspekten mehr Bedeutung zumessen.

Autor

Rebekka Balzarini

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