Niederönz
Das Material vergibt ihm nichts

Zu Besuch im Atelier von Simon Berger (44) in Niederönz.

Vanesse Simili
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«Kaputtmachen» wird bei ihm zu Kunst: Simon Berger.

«Kaputtmachen» wird bei ihm zu Kunst: Simon Berger.

Michel Lüthi

Die Tür zu seinem Atelier steht offen, Simon Berger schneidet gerade eine Glasplatte entzwei. Er ist am Experimentieren, wie er sagt. An den Wänden stehen Holz- und Glasplatten, auf einer Seite hängen Karosserieteile. «Mercedes», erklärt Berger. Ob Mercedes oder Opel, Blech ist Blech, könnte man denken. Für ihn aber als Autoliebhaber gibt es Unterschiede. Klar, Rolls-Royce wäre noch eine Steigerung, fügt er an.

Simon Berger steht mit seinen Arbeiten anscheinend auf Erfolgskurs. Es sind seine übergrossen Porträts aus Holz, Blech oder in Glas, die auf Anklang stossen. Mit Ausstellungen und fix installierten Skulpturen wie etwa «Daniel Craig» in Biberist und «Albert Einstein» in Langenthal hat er inzwischen regional, aber auch darüber hinaus, eine Öffentlichkeit erreicht.

Mit der Schaufensterbox jüngst im Loeb in Bern konnte er seine Glasporträts – Sprünge in einer Glasscheibe, die aus der Ferne betrachtet ein Porträt ergeben – an einer äusserst frequenten Lage zeigen. Dass das Schaufenster von Loeb auch Inbegriff von Konsum und Kommerz ist, macht Berger nichts aus. Er verbindet mit dem Fenster vielmehr gute Erinnerungen, die mit den Kaninchen an Ostern beispielsweise bis in seine Kindheit reichen.

Berger braucht Zeit zum Experimentieren

Berührungsängste hat der 44-jährige Niederönzer keine. Im Gegenteil, er mag es, «volksnahe Kunst» zu machen, wie er es nennt. Müsste er seine Arbeit zuordnen, wäre es im Bereich von Pop-Art oder Street-Art. Es ist ihm wichtig, dass die Leute mit seinen Arbeiten etwas anfangen können, ohne dass sie vorher zwei Seiten Theoretisches gelesen haben müssen. «Ich gehe mit den Augen durch die Welt», sagt er. Für ihn muss eine Arbeit oder ein Raum stimmig sein. Zurzeit stellt er zusammen mit Thomas Dittli, einem Künstlerfreund, in Andermatt aus, weitere Ausstellungen bis Ende Jahr sind geplant.

Berger räumt sich auch immer wieder Zeiten zum Experimentieren ein, um sich neu auszurichten und neue Ideen zu verfolgen. Zudem ist er mit einem 60-Prozent-Pensum angestellt. Die Zeit für seine eigene Arbeit ist neben all dem Organisatorischen knapp. Zwei Manager helfen ihm seit kurzem dabei, das ganze Vertragliche und Administrative zu bewältigen. «Sie haben sich bei mir gemeldet, via Social Media», sagt er. Und er habe lieber zwei als nur einen. Wegen des Klumpenrisikos. Er spricht von der Wichtigkeit eines Netzwerks, von Posts und Likes, die zur Resonanz seiner Werke beitragen. Es sind Gesichter, Porträts, die es ihm angetan haben. «Ich mag Gesichter», sagt er, «sie erzählen so viel.»

Glas hingegen sei eine Hassliebe von ihm. Die Frage, die ihn am Anfang seiner Glasporträts beschäftigte, war denn auch: «Kann ich durch Kaputtmachen etwas bildlich darstellen?» Sein Motor? «Aufmerksamkeit erhaschen.» Das dürfe ruhig geschrieben werden. Offenbar habe er ein Manko aus der Kindheit. «Wenn man zufrieden ist, hat man doch nicht den Drang, von morgens früh bis abends spät Kunst zu machen.»

Obwohl die Porträts marketingtechnisch gut seien, führen ihn seine momentanen Experimente tendenziell eher weg davon. Er hat in seiner Wohnung oberhalb des Ateliers gerade etwas Neues stehen: ein Quader aus hintereinander gereihten Glasscheiben, in der Mitte eine Kugel, die sich aus den präzise platzierten Bruchstellen geformt hat. «Das Material vergibt einem nichts», weiss der gelernte Schreiner. Nicht den kleinsten Fehler.

Es passt insofern ganz gut zu seinem Ehrgeiz. Was er tut, muss handwerklich ausserordentlich gut gemacht sein. Und einzigartig. Bloss, weil er mit den Glasporträts gerade Erfolg hat, will er nicht dort stehen bleiben. Im Gegenteil, Berger will weiter gehen, Neuland betreten. Wohin es ihn führt, weiss er nicht. Die nächsten Ausstellungen in der Region sind für die zweite Jahreshälfte in Attiswil und in Unterramsern geplant.