Pro Senectute/Graue Panther
«Das Leben muss weitergehen»: Wie die Isolation von Senioren digital oder physisch verhindert werden kann

In Zeiten von Corona die Isolation von Senioren verhindern: Pro Senectute und Graue Panther ziehen am selben Strick.

Daniela Deck
Drucken
Teilen
Moderne Kommunikationsmittel können gegen die Vereinsamung helfen, ersetzen aber die persönlichen Kontakte nicht.

Moderne Kommunikationsmittel können gegen die Vereinsamung helfen, ersetzen aber die persönlichen Kontakte nicht.

Symbolbild: Colin Frei

Die Seniorenorganisationen im Kanton haben die Zeichen der Zeit früh erkannt. So haben die Grauen Panther Solothurn und Umgebung ihre Veranstaltungen schon abgesagt, ehe der Bund die Schraube wieder anzog. Jetzt setzen sie auf die Gemeinschaft im kleinen Kreis bis vier Personen. Spielen, Spazieren und zusammen essen, heisst die Lösung. Das wichtigste, da sind sich Pro Senectute und Graue Panther einig: Man muss den Leuten Mut geben, damit sie sich nicht in der Angst verlieren. Denn eine eingesperrte oder selbstisolierte Bevölkerungsgruppe, wie im Frühling, soll es nicht mehr geben.

Derzeit droht jedoch vor allem eine andere Gefahr: ein Technologiegraben quer durch die Rentnergeneration. Deshalb wünscht sich Irène Privé, Präsidentin der Grauen Panther Solothurn, dass die digital vernetzten Senioren die übrigen nicht abhängen.

Unterschiede innerhalb der Grauen Panther

«Bei zwei Dritteln unserer Adressliste findet die Kommunikation immer noch auf dem Postweg statt», sagt Privé. «Mir ist es ein Anliegen, dass die ‹Digitalen› nicht bevorzugt werden und die übrigen zu kurz kommen.» Das bescherte ihr vor zwei Wochen einiges an Mehrarbeit: Über 100 Briefe mit dem neuen Veranstaltungsprogramm, versandbereit zugeklebt, mussten nochmals geöffnet und mit dem Mitteilungsblatt zur Pandemiesituation versehen werden.

Während die Panther-Familie in Solothurn auf eine Mischung aus Geselligkeit mit Wandern und Jassen einerseits und Vorträgen andererseits setzt, alternierend alle 14 Tage, sind die Grauen Panther in Olten konsequent auf Kultur und anspruchsvolle geistige Kost ausgerichtet. «Unsere Mitglieder sind selbstständig, vif und vernetzt», sagt Präsident Ruedi Fasnacht. Vereinsamung durch mangelnde Erreichbarkeit per E-Mail sei deshalb bei den 130 Panthern in Olten kein Thema.

Angebote wie «Skype» und «Jitsi Meet» können den persönlichen Kontakt nur ergänzen, nicht ersetzen. Auch Fasnacht ermutigt Rentnerinnen und Rentner «so viel als möglich an die frische Luft zu gehen, auch in Begleitung. Das Leben muss weiter gehen, in einer gesunden Vielfalt».

Pro Senectute setzt auf digitale Fitness

Ida Boos, Geschäftsleiterin Pro Senectute Interview mit Ida Boos, Geschäftsleiterin Pro Senectute Kanton Solothurn

Ida Boos, Geschäftsleiterin Pro Senectute Interview mit Ida Boos, Geschäftsleiterin Pro Senectute Kanton Solothurn

Hanspeter Bärtschi

Die Pro Senectute sieht sich mit der Aufgabe konfrontiert, betagte Mitmenschen auf dem Weg ins Internet zu begleiten. Ida Boos, Geschäftsführerin von Pro Senectute Kanton Solothurn, nimmt kein Blatt vor den Mund: «Durch die Umstände werden die Senioren auf den digitalen Weg gezwungen. Unsere Aufgabe besteht darin, sie gezielt zu unterstützen.» Das beginne vielfach nicht am Computer, sondern mit dem Antrag auf eine Kreditkarte. Diese bildet die Voraussetzung für Internetkäufe.

Boos erklärt: «Unsere Digital Coaches, selbst Senioren, gehen bei Bedarf zu einer Person nach Hause, um Geräte einzurichten und Anleitungen zu geben.» Bei Personen, die schon auf dem Netz sind, gehe es oft nur darum, Hilfestellung für Programme wie «Zoom» zu geben. Es sei ein grosses Glück, dass sich gerade jetzt immer wieder neue Coaches rekrutieren lassen. Via Hotline, die seit dem Frühling auf Hochtouren läuft, wird die Bedarfsabklärung gemacht. Auch Angehörige melden sich mit verschiedenen Anliegen ihrer Senioren, von Vereinsamung bis zu finanziellen Schwierigkeiten.

Die Geschäftsführerin betrachtet die gesellschaftlichen Einschränkungen auch als Chance. «Durch den Technologieschub können wir die 65-Jährigen in allen 109 Einwohnergemeinden im Kanton erreichen, sofern sie digital erschlossen sind.» Das treffe für zwei Drittel der Senioren zu, wie die Studie «Digital Seniors» der Universität Zürich jüngst aufgezeigt habe. «Diese Gunst der Stunde gilt es zu nutzen.»

Freiräume gezielt ausnutzen, auch in der Schule

Keine Selbstbeschränkung. Dieser Maxime lebt die Pro Senectute nach, indem jeder Kurs, der durchgeführt werden darf, auch wirklich durchgeführt wird. Wenn immer möglich geschieht das vor Ort mit entsprechenden Schutzmassnahmen. Sonst kommt «Zoom» zum Einsatz, etwa für die Sprachkurse. Das Café Balance findet so halt ohne Kaffee und Kuchen statt. Eine zentrale Bedeutung geniessen die Bewegungspatenschaften, bei denen man zu zweit spazieren oder einkaufen geht.

Auch aus dem Klassenzimmer will die Pro Senectute die Senioren nicht zurückpfeifen. Bevormundung und sei sie noch so wohlmeinend, ist für die Pro Senectute-Geschäftsführerin ein Unding. Hingegen müsse man die Entscheidungen von Schulen respektieren, temporär auf die Dienstleistung im Schulzimmer zu verzichten. Sie ist überzeugt: «Seniorinnen und Senioren dürfen an ihre eigenen Fähigkeiten glauben. Denn davon haben sie eine Menge.»

Einen praktischen Tipp hat sie für das dritte Lebensalter parat: «Sorgen Sie für einen kleinen Vorrat haltbarer Nahrungsmittel im Haus. So sind Sie für alles gewappnet, auch für winterliche Wetterkapriolen.» Welche Nahrungsmittel im Vorrat Sinn machen, darin seien gerade die Senioren wahre Profis. Denn, so erklärt Boos: «Das gehört zu dem Wissen, das früher von Generation zu Generation weitergegeben wurde.» So komme die Kompetenz der Senioren jüngeren Leuten zugute; der Kreislauf der gegenseitigen Unterstützung schliesst sich.