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Das Klima, ein wurmstichiger Apfel und eine gute Nachricht

Die Klima-Aktivistin Greta Thunberg im Gespräch mit dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau. (Archiv)

Die Klima-Aktivistin Greta Thunberg im Gespräch mit dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau. (Archiv)

Hält man es für möglich? Von Verlustängsten gebeutelte weisse Männer ziehen mit aufbäumender Verzweiflung von Altmachos über eine Sechzehnjährige her. Fiktion wird Wirklichkeit. Wie Katniss Everdeen, die Heldin der jüngeren Jugendliteratur aus «Die Tribute von Panem», oder J.K. Rowlings moderner Zauberlehrling Harry Potter sorgt Greta Thunberg für Schnappatmung und rote Köpfe bei den Mächtigen oder solchen, die sich dafür halten. Gemeinsam mit ihren jugendlichen Gefolgsleuten schafft sie ein neues politisches Bewusstsein, mit dem sie die etablierte Politik vor sich hertreibt. Sie bestimmt sogar die Agenda von nationalen Wahlkämpfen. Das geht so weit, dass eine hier nicht genannte Partei ihren ideologischen Kompass verliert und sich wie eine Fahne im Wechselwind dreht. Eine andere sieht in dem schwedischen Schulmädchen eine geisteskranke Marionette linker und netter Volksfeinde, welche die Gesellschaft angeblich aushöhlen wie die mittlerweile berühmten bunten Würmer den Apfel.

Man muss keineswegs mit jeder Aktion der Klimajugend einverstanden sein. Mit Fingerzeigen allein ist es nicht getan. Strassenblockaden und die Ausrufung des Klimanotstandes retten die Welt nicht. Konsequenter Verzicht auf Import-Döner oder eine Exkursion mit der Bahn anstatt Bus oder Flieger sind schon hilfreicher. Vielleicht tun es auch ein Paar neue Jeans aus einheimischer Fertigung, anstelle der für Drittwelt-Hungerlöhne gefertigten Teile beim CO2-spuckenden Versandhändler des Vertrauens. Man kann sich auch fragen, ob Party und Musikfestival mit richtigem Geschirr und ohne Plastik und Wegwerfzelt eine Option sind.

Unsere Demokratie ist eine Errungenschaft, die es zu bewahren gilt. Dennoch: Ist es nicht naiv und vermessen, von der Politik Lösungen zu erwarten, für die wir als Kollektiv und als Individuen selbst verantwortlich sind? Wie sollen Politiker oder nationale und supranationale Institutionen in der Lage sein, globale Ansätze für die Klimarettung zu finden, wenn sie, wie jüngste Ereignisse eindrücklich zeigen, nicht einmal vergleichsweise simple geopolitische Konflikte beilegen können – oder wollen?

Der breit propagierte Umweltabgaben-Ablasshandel vermag möglicherweise unser ökologisches Gewissen zu beruhigen. Mit geografisch begrenzten Massnahmen verhindern wir nicht, dass die Welt weiter zerbröselt, solange uns das Umdenken und Handeln nicht auf der globalen Ebene gelingt. Der Einwand sei erlaubt, ob ein konsequenter Konsumboykott von Fleisch, Palmöl und weiteren, hiesig ersetzbaren, Agrarprodukten die tropischen Waldbrände nicht schneller löschen und den globalen CO2-Ausstoss reduzieren würde als die Millionenhilfe der EU-Staaten. Umwälzungen gelingen, weil immer mehr Menschen sie als gute Ideen empfinden. Der Trend wird von der Person gesetzt, die uns morgens im Spiegel entgegenblinzelt.

Nun die gute Nachricht: Es eilt nicht. Der Erde ist es im Grunde egal, was wir tun. Ihr kann nichts passieren. Sobald der Juckreiz zu stark wird, schüttelt sie die Menschheit ab wie einen Floh. Spätestens ab dann wird eine Zeitlang erholsame Ruhe herrschen.

* Christof Gasser ist Schriftsteller und lebt in Oberdorf.

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