Schadensminderung. Der Begriff stammt aus dem Bereich der illegalen Drogen. Abhängige Personen bekommen von Fachstellen zum Beispiel Heroin, welches sie in einem geschützten Umfeld mit sterilen Spritzen konsumieren können. Dass gar kein Heroin besser wäre, ist klar. Doch wenn dies aufgrund einer starken Sucht nicht möglich ist, dann lieber so, ist die Überlegung dahinter. So können Risiken , dass die Betroffenen an einer Überdosis sterben oder sich mit HIV infizieren zumindest minimiert werden. Den Schaden mindern eben. Dem gegenüber steht ein anderes Konzept. Dasjenige der «Null Toleranz». Ganz oder gar nicht, Drogen oder Entzug, wie es etwa in Australien die Norm ist. Doch in der Schweiz hat sich das Prinzip der Schadensminderung etabliert.

Was neu ist in der Schweiz, zumindest in der Deutschschweiz: dass dieses Prinzip nun auch auf Zigaretten angewendet wird. Eine Vorreiterrolle übernimmt hier die Suchthilfe Ost, die Suchthilfeorganisation im unteren Kantonsteil. In einem Pilotprojekt gibt sie seit Anfang Jahr gratis E-Zigaretten an nikotinsüchtige Personen ab. E-Zigaretten sind zwar nicht gesund, und auch sie enthalten Nikotin und können süchtig machen, aber sie sind insgesamt deutlich weniger schädlich als herkömmliche Zigaretten mit Tabak. «Wir wollen keine Werbung für die Nikotin-Industrie machen. Aber wir müssen die Menschen in unserer Region vor Lungenkrebs schützen, so gut es eben geht», erklärte Peter Hodel, Vorsitzender der Suchthilfe Ost, anlässlich der Lancierung des Projekts.

Positives Fazit, Kritik gibt es aber von der Lungenliga

Das ist sechs Monate her. Mittlerweile machen schon 100 Leute beim Projekt der Suchthilfe Ost mit, wie Co-Geschäftsleiter Reno Sami sagt. Die Hälfte davon war aufgrund einer anderen Sucht bereits vorher bei der Suchthilfe, die andere Hälfte besteht aus Neuanmeldungen. Und funktioniert die Idee hinter dem Projekt? Um das zu beurteilen, sei es noch zu früh, sagt Sami. Das Projekt ist langfristig angelegt. Im Sommer 2020 wird man die Daten auswerten und entscheiden, wie weiter. Alles vorher mache keinen Sinn, Rauchstopberatung sei eine langfristige Angelegenheit. Ein erstes Fazit zieht Sami trotzdem schon, und es fällt positiv aus: «Die von uns beratenen Personen sind dankbar. Weil ihnen klar ist, dass wir keine finanziellen Interessen haben und weil wir den Menschen mit Fachwissen beratend zur Seite stehen.»

Alles gut also? Nicht ganz. Es gibt durchaus Kritik am Pilotprojekt, etwa vonseiten der Solothurner Lungenliga. Das Projekt würde ein falsches Signal aussenden, findet Christophe Gut. Er ist Leiter Gesundheitsförderung und Prävention und macht gleichzeitig auch Rauchstopberatung. Bevor er jedoch ins Detail geht, hält er fest: «Wir haben gar nichts gegen die Suchthilfe Ost. Sie verfolgen am Ende des Tages dasselbe Ziel wie wir. Nur zu einigen ihrer Methoden haben wir ein paar Bedenken.»

So stört sich Gut etwa genau daran, dass das Prinzip der Schadensminderung eher aus dem Gebiet der illegalen Drogen stammt und weniger beim Tabak angewendet wird. «Hier wird einfach eine Sucht durch eine andere ersetzt.» Daneben stellt sich Gut auch die Frage, ob Menschen, die mit E-Zigaretten den Ausstieg versuchen und scheitern, danach nicht beides konsumieren würden, E-Zigaretten wie auch herkömmliche. Sein Hauptproblem liegt aber nochmals woanders. «Am Meisten stört mich, dass die Geräte gratis abgegeben werden. Rauchstopberatung bieten wir auch nicht gratis an», so Gut. «Auch weil wir nicht wollen, dass die Leute sie als wertlos ansehen. Es könnte den Anreiz schaffen, E-Zigaretten auszuprobieren, ganz nach dem Motto: Ist ja gratis.»

Trotz dieser Punkte, als Kritiker der Suchthilfe Ost will sich Gut nicht outen. «Das Projekt wird professionell durchgeführt. Und wenn sich zeigen sollte, dass E-Zigaretten langfristig beim Ausstieg aus dem Tabakkonsum helfen, dann ist das eine gute Sache.» Das Problem dabei: E-Zigaretten sind ein relativ neues Phänomen, Studien zum Thema gibt es erst einige wenige. Erste Erkenntnisse deuten allerdings daraufhin, dass E-Zigaretten beim Ausstieg durchaus helfen könnten.

Das Problem ist die Politik, nicht die Suchthilfe

Das wahre Problem sieht Gut nicht bei der Suchthilfe Ost, sondern bei der Politik. «Wir befürchten, dass E-Zigaretten bei Minderjährigen den Einstieg ins Rauchen erleichtern.» Eine nationale Umfrage hat ergeben, dass bei den 15-Jährigen die Hälfte der Knaben und ein Drittel der Mädchen bereits einmal eine E-Zigarette verwendet haben. Momentan gibt es keine Altersbeschränkungen beim Kauf von E-Zigaretten, ebenso keine Auflagen in Sachen Werbung. Auf Bundesebene wird zwar darüber diskutiert, doch wann es einen Entscheid diesbezüglich geben wird und wie der ausfällt, ist offen. Sämtliche Vorstösse, um Tabakwerbung zu verbieten, hatten bisher auch einen schweren Stand.

Selbst im Kanton Solothurn gibt es noch keine Regelungen, was den Verkauf und die Umwerbung von E-Zigaretten anbelangt. Und dies obwohl der Kanton grundsätzlich striktere gesetzliche Vorgaben hat als der Bund. So ist etwa Tabakwerbung im öffentlichen Raum im Kanton schon seit Jahren verboten.

Am 1. September tritt zudem das totalrevidierte Gesundheitsgesetz in Kraft. Darin wird festgehalten, dass normale Zigaretten nicht länger an Minderjährige verkauft werden dürfen. Regelungen bezüglich E-Zigaretten sind darin aber keine zu finden. So habe es kurzfristig zwar Bestrebungen, auch vonseiten der Lungenliga gegeben, einen solchen Passus ins Gesetz zu integrieren. Um das ganze Paket nicht zu gefährden, habe man aber schliesslich darauf verzichtet. Gut möglich, dass es in diese Richtung noch Vorstösse geben wird. Denn für Gut ist klar: «Werbung für E-Zigaretten muss eingeschränkt werden.»