Prozess
«Das kleine Mädchen wurde gottsjämmerlich im Stich gelassen»

Das Obergericht in Solothurn spricht einen 62-Jährigen schuldig. Er hatte jahrelang seine Tochter sexuell missbraucht, dies obwohl er bereits zu einem früheren Zeitpunkt dafür bestraft wurde.

Adriana Gubler
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Statue der Justitia (Archiv)

Statue der Justitia (Archiv)

Keystone

Obwohl der 62-jährige Angeklagte bei der gestrigen zweitinstanzlichen Verhandlung alle Vorwürfe abstritt, sprach ihn das Obergericht der schweren Sexualdelikte gegenüber seiner eigenen Tochter schuldig. Das Richterkollegium von Präsident Daniel Kiefer, Hans-Peter Marti und Marianne Jeger legt ihm zur Last, im Zeitraum zwischen dem 1. Mai 1994 und dem 12. August 1999 seine Tochter mehrfach vergewaltigt und sexuell genötigt zu haben – manchmal zwei- bis dreimal wöchentlich, manchmal zwei- bis dreimal monatlich. Der Beschuldigte, der mit seiner Familie ab 1997 im Niederamt zu Hause war, soll das Opfer psychisch unter Druck gesetzt und es so zur Duldung von Beischlaf, Zungenküssen und Oralverkehr gezwungen haben. Aufgehört haben diese Übergriffe erst, als die damals 15-jährige Tochter von zu Hause ausriss und fortan in einem Heim untergebracht wurde.

Die Behörden am Pranger

Den Unschuldsbeteuerungen des Angeklagten standen die Aussagen der Tochter gegenüber. Ein Gutachten attestierte diesen eine hohe Glaubwürdigkeit und sie überzeugten laut Gerichtsschreiberin Annette Fröhlicher schliesslich auch das Obergericht. Es folgte damit in der Schuldfrage dem Urteil der ersten Instanz; das Strafmass wird erst nach einer psychiatrischen Begutachtung des Verurteilten in einem zweiten Prozessteil festgelegt. Das Amtsgericht Olten-Gösgen hatte den Angeklagten im Juli 2011 zu einer Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren verurteilt. Dagegen legte er Berufung ein.

Besonders tragisch wird dieser Vergewaltigungsfall durch die Vorgeschichte. 1997 war der Familienvater bereits wegen früherer sexueller Übergriffe auf seine Tochter zu einer bedingten Strafe von 18 Monaten verurteilt worden. Für die Rechtsanwältin des Opfers im aktuellen Verfahren war dies Grund genug, das damalige Verhalten der involvierten Behörden infrage zu stellen oder gar anzuprangern: «Warum ist es überhaupt möglich, dass es nach der Verurteilung von 1997 zu weiteren Übergriffen kommen konnte?» Die Antwort gab Melania Lupi in ihrem Plädoyer gleich selber. «Die staatlichen Behörden haben kläglich versagt. Nicht nur, dass das Strafmass von 18 Monaten bedingt ein Hohn ist. Das kleine Mädchen wurde zudem gottsjämmerlich im Stich gelassen.» Denn für den Verurteilten wurde neben der bedingten Strafe keine therapeutische Massnahme angeordnet. Und das Mädchen musste laut Lupi weiter bei seiner Familie leben, wo die sexuellen Übergriffe ungeachtet der Verurteilung weitergingen. Die Rechtsanwältin des Opfers sagte deshalb mit Nachdruck: «Es wäre vieles zu verhindern gewesen.»

Das mittlerweile 29-jährige Opfer ist seit Anfang Jahr wieder in ambulanter psychiatrischer Behandlung, seit zwei Wochen stationär. Die Verhandlung setze ihr sehr zu, hielt Lupi fest. «Sie wird die Folgen der Übergriffe ein Leben lang zu tragen haben – und das ist nicht die alleinige Schuld des Angeklagten.» Lupi schloss ihr Plädoyer mit der Forderung nach einem Schuldspruch.

Auch Staatsanwalt Michael Leutwyler plädierte für einen Schuldspruch in allen Anklagepunkten: mehrfache Vergewaltigung, mehrfache sexuelle Nötigung und mehrfachen sexuelle Handlungen mit einem Kind. Er ging in seinem Schlussvortrag unter anderem auf den Umstand ein, dass die Geschädigte erst 2007 Anzeige erstattet hatte. Unter Berücksichtigung der Vorgeschichte sei dies absolut nachvollziehbar. «Das Mädchen erhielt kaum je Unterstützung von seiner Mutter.»

Zweiter Teil in einigen Monaten

Der Verteidiger des Angeklagten, Rolf Liniger, dagegen forderte «mangels Beweisen» einen Freispruch. Er argumentierte: «Die Eltern haben ihre Tochter im Zeitraum der angeblichen Übergriffe in psychiatrische Behandlung geschickt. Hätten sie etwas zu verheimlichen gehabt, hätten sie dies kaum gemacht.» Dem Verteidiger missfiel zudem zutiefst, dass einzig ein Gutachten über die Glaubwürdigkeit des Opfers erstellt wurde und nicht auch über jene seines Mandanten.

In einigen Monaten wird in einem zweiten Verhandlungsteil das Strafmass festgelegt werden.