Albanien ist ein kleines, gebirgiges Land, das während des Zweiten Welt-kriegs gut 800 000 Einwohner zählte. Kaum bekannt ist, dass sich die mehr-heitlich muslimische Bevölkerung während der Besetzung durch die Deutschen weigerte, die Anweisungen der Besatzer zu befolgen und die Namen von 200 Juden, die damals im Land lebten, herauszugeben. Die Albaner beschützten jedoch nicht nur ihre eigenen jüdischen Bürger, sondern gewährten auch den Flüchtlingen, die im Land an der Südostküste der Balkanhalbinsel Zuflucht suchten, Asyl. Die bemerkenswerte Unterstützung, die den Juden entgegengebracht wurde, gründete im fest verankerten Ehrenkodex «Besa», was wörtlich «ein Versprechen halten» bedeutet. Der Kodex verpflichtet aber auch, in Not geratenen Menschen zu helfen und sie zu beschützen.

«Während andere wegschauten, öffneten die Albaner ihre Häuser und Herzen für ihre jüdischen Landsleute und riskierten ihr eigenes Leben», gab der Vizepräsident des Rats der Albaner in der Schweiz, Nazmi Jakurti, an der Eröffnung der Ausstellung zu bedenken. «Albanien ist ein kleines Land am Rande der Geschichte, von dem wir nur wenig wissen», hob auch der ehemalige Präsident des schweizerisch-israelitischen Gemeindebundes, Rolf Bloch, die Heldentaten der vorwiegend muslimischen Bevölkerung hervor, die zur Folge hatten, dass die im Land anwesenden Juden gerettet wurden und bei Kriegsende sogar mehr Juden in Albanien lebten als zuvor. «Wir verneigen uns in Gedanken vor den Menschen, die der deutschen Besatzung getrotzt haben», erinnerte Bloch in Anwesenheit des israelischen Botschafters in Bern, Yigal Caspri, an eine Geschichte, die in Vergessenheit geraten ist.

«Sogar die Ortspolizei wusste es»

Auf Stellwänden lernt man im Foyer der Pädagogischen Hochschule anhand von ausdrucksstarken Porträts und Fotografien des amerikanischen Fotografen Norman Gershman die Lebensgeschichte von Rettern und Nachkom-men kennen. Man liest, dass zum Bei-spiel der Schäfer Kasem Jakup Kocerri seinen besten Freund Jakov und seine Familie nachts auf Pferden in die Berge brachte und in einer Scheune bei den Schafen versteckte, als eine deutsche Division durchs Dorf zog. Oder man erfährt von der 1910 geborenen Lime Balla, wie Flüchtlinge unter den Dorfbewohnern aufgeteilt wurden. «Wir kleideten sie wie Bauern und gaben ihnen zu essen, obwohl wir arm waren. Sogar die Ortspolizei wusste, dass das Dorf Juden versteckt.»

Die Ausstellung wurde vom Holocaust-Museum Yad Vashem in Jerusalem konzipiert. Hinter der Wanderausstellung in der Schweiz steckt ein vier-köpfiges, ehrenamtlich tätiges Team, das sich, wie Teammitglied Sandra Hoffmann an der Vernissage betonte, zum Ziel setzte, die Auseinandersetzung mit der Shoa innerhalb von Schulklassen zu fördern. Urs Urech, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Weiterbildung und Beratung der PH, begrüsste die zahlreich erschienenen Vernissagegäste aus jüdischen, muslimischen und christlichen Kreisen und freute sich auf einen regen Ausstellungsbesuch. Als Symbol der Flucht ergänzen Kartonkoffer die eindrückliche Ausstellung.