Handy-Strahlung
Das kann teuer werden: Ausländische Handy-Netze reichen bis auf die Jurahöhen

Französische und deutsche Netze reichen weit in den Kanton Solothurn hinein. Das hat zur Folge, dass im Solothurner Jura das Handy plötzlich auf ausländisches Netz umschaltet - das kann teuer werden.

Sven Altermatt
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Mit dem Handy kurz die Mails checken oder im Büro anrufen? Das kann im Ausland richtig teuer werden. Die Roaming-Gebühren, die ausländische Anbieter für die Weiterleitung von Gesprächen und Daten verlangen, gehen Herr und Frau Schweizer ins Geld. Was kaum bekannt ist: Eine Wanderung auf der zweiten Jurakette oder selbst ein Ausflug zu einem exponierten Punkt auf der ersten Jurakette kann reichen, damit eine Handyrechnung mit hohen Roaming-Kosten ins Haus flattert.

So wird etwa ein Besuch der Röti oder des Laupersdörfer Stierenbergs flugs zu einer Reise nach Deutschland oder Frankreich - zumindest in die dortigen Netze. Und das, obwohl die Landesgrenzen hier weit über 20 Kilometer entfernt sind.

Für Anwohner völlig unverständlich: «Unsere Gäste beklagen regelmässig, dass sie bei uns mit ihrem Handy nur ausländische Netze empfangen können», berichtet Corinne Büttler, die mit ihrer Familie auf dem Stierenberg wohnt und wirtet. Schweizer Netze seien meistens erst gar nicht verfügbar. Deshalb nutzt Büttler vor allem ihr Festnetztelefon. «Mir bleibt ja nichts anderes übrig», sagt sie.

Zehnmal stärkere Antennen

Warum reichen die französischen und deutschen Netze weit in die Grenzgebiete hinein? Weil ausländische Telekomanbieter gegenüber den Schweizern einen entscheidenden Vorteil haben: Ihre Antennen dürfen viel stärker strahlen als jene hierzulande. «In der Schweiz gelten zehnmal strengere Grenzwerte für Mobilfunkanlagen als im Ausland», weiss Orange-Sprecherin Therese Wenger. Handys buchen sich automatisch in das Netz ein, das am stärksten strahlt.

Ausländische Anbieter zielen auf Roaming-Opfer

In der Grenzregion Basel sorgen Mobilfunkanbieter aus Frankreich und Deutschland regelmässig für Ärger. Handynutzer auf Schweizer Boden telefonieren oder surfen unbemerkt in ihrem Netz und werden so zu Roaming-Opfern. Dahinter steckt Kalkül: Wie die «bz Basel» bereits vor einem Jahr berichtet hat, kommt es im Dreiländereck zu einem regelrechten Wettrüsten. Die ausländischen Anbieter decken die Schweizer Grenzgebiete bewusst gut ab. Sie sind auf Roaming-Kunden aus und haben ein finanzielles Interesse daran, Schweizer auf ihre Netze zu holen. (sva)

Die Strahlung macht an der Landesgrenze nicht halt. So ist es selbst in grenzfernen, höher gelegenen Gebieten mit schwacher Abdeckung möglich, dass eine ausländische Antenne eine Inländische wortwörtlich überstrahlt. Deborah Murith, Sprecherin des Bundesamts für Kommunikation (Bakom), führt das vor allem auf topografische Eigenheiten zurück: «Viele Juraerhebungen haben freie Sicht nach Frankreich oder Deutschland und können deshalb von direkter Einstrahlung betroffen sein.»

Kein Recht auf Rückerstattung

Dazu kommt: In der Schweiz ist der Bau von Handy-Antennen streng reguliert, oft stossen Vorhaben auf grossen Widerstand. Anbieter wie Swisscom, Orange oder Sunrise sind gegen die Übermacht aus Deutschland und Frankreich ziemlich ohnmächtig. «Technisch lässt sich das Problem nicht lösen», sagt Swisscom-Sprecher Olaf Schulze. Und der rechtliche Handlungsspielraum ist klein. «Wir könnten bei ausländischen Frequenzverwaltungen eine internationale Störmeldeprozedur einleiten», erklärt Bakom-Sprecherin Murith.

Heisst im Klartext: Deutsche oder französische Netzbetreiber würden aufgefordert werden, die Leistung ihrer Antennen nach unten zu schrauben und damit die Einstrahlung in die Schweiz zu verringern. Derzeit sind beim Bakom jedoch keine Verfahren wegen Problemen in den Jurahöhen hängig.

Roaming-Kosten: Schweizer bezahlen 850 Millionen Franken pro Jahr

Der Begriff Roaming stammt aus dem Englischen und bedeutet frei übersetzt «umherwandern». In der Telekommunikation steht er für die Möglichkeit, in ausländischen Handynetzen zu telefonieren und surfen. Die Anbieter verlangen für die Weiterleitung von Gesprächen und Daten Roaming-Gebühren. Handynutzer in der Schweiz bezahlen dafür etwa 850 Millionen Franken pro Jahr. Zumindest in der Europäischen Union rückt ein Ende der Roaming-Gebühren näher: Das Europaparlament hat letzte Woche beschossen, diese bis Ende 2015 abzuschaffen. Künftig werden EU-Bürger keinen Aufpreis mehr bezahlen, wenn sie im Ausland mit dem Handy telefonieren oder surfen. Für Schweizer wird sich jedoch kaum etwas ändern. Die hiesigen Telekomanbieter müssen ihre Verträge mit den ausländischen Netzbetreibern nämlich immer einzeln aushandeln. Bereits vor fünf Jahren hatte die EU Obergrenzen für Roaming-Gebühren eingeführt. Auch in Bundesbern stehen solche Gebührendeckel regelmässig zur Diskussion - bisher allerdings ohne
Ergebnisse. (sva)

Immerhin erhalten Handy-Nutzer automatisch ein SMS, wenn sich ihr Gerät in ein ausländisches Netz einwählt. Darin sind in der Regel die maximalen Kosten für Anrufe und Datenverbindungen ersichtlich. Solche Kurznachrichten treffen allerdings oft verspätet ein, wie mehrere Betroffene gegenüber dieser Zeitung bestätigen.

Lässt sich gegen die ausländische Strahlung also gar nichts unternehmen? Swisscom und Orange empfehlen, in betroffenen Gebieten den Netzanbieter über die Handyeinstellungen manuell auszuwählen. Doch das macht nur Sinn, wenn tatsächlich ein hiesiger Anbieter zur Verfügung steht. «Auf Wunsch sperren wir einen Anschluss auch gratis für sämtliche Roaming-Dienste», sagt Swisscom-Sprecher Schulze. Davon rät er jedoch ab, weil man sein Handy im Ausland dann nicht mehr benutzen könne.

Derweil verweist Orange auf Abos mit inbegriffenen Roaming-Guthaben. Ähnliche Angebote gibt es auch bei Sunrise und Swisscom. Fest steht: Wenn ein Handy-Nutzer auf Schweizer Boden unbewusst in einem teuren ausländischen Netz telefoniert oder im Internet surft, hat er grundsätzlich kein Recht auf Rückerstattung. Orange und Swisscom betonen aber, dass entsprechende Fälle jeweils individuell geprüft werden. Bei Sunrise war niemand für eine Stellungnahme erreichbar.