Viertel vor Acht. Bald geht es los. In den Fluren des Primarschulhauses in Lengnau ist es still. Im zweiten Stock, im Zimmer hinten links, brennt Licht. Bereits um 6.30 Uhr beginnt der Arbeitstag von Hannah Meister. Die 22-Jährige sitzt am Lehrerpult und tippt auf die Tastatur ihres Computers. Auf der Tafel hinter ihr steht «Herzlich Willkommen in der vierten Klasse» in schnörkeliger Schrift geschrieben. In der Ecke ist eine Bibliothek eingerichtet, an der Wand hängen bunte Schnüre mit farbigen Wäscheklammern, die für die Geburtstage der Kinder stehen. Alles ist bereit für den ersten Schultag nach den Ferien. Und den ersten Schultag der Selzacherin. Vor einem halben Jahr studierte sie noch an der Pädagogischen Hochschule in Solothurn, wo sie ihren Abschluss gemacht hat.

Meister wollte nicht «schon immer» Lehrerin werden. Aber: «Ich hatte schon immer viele verschiedene Interessen.» Zeichnen, Theater, Geschichte, Bücher. Lehrerin sei der perfekte Beruf, um all diese Interessen zu verbinden. Das habe sie nach diversen Schnupperlehren – als Coiffeuse, als Bäckerin-Konditorin und als Radio-Moderatorin – festgestellt. Deshalb besuchte die Selzacherin die Fachmittelschule und nach der Fachmatur die PH. Nach dem Abschluss fand sie nach kurzer Suche die Stelle als Lehrerin der 4. Klasse in Lengnau.

Lehrerin Hannah Meister vor ihrem ersten Schultag

Lehrerin Hannah Meister vor ihrem ersten Schultag.

Vorstellungsrunde statt Mathematik

«Das ist total surreal», sagt Meister: drei Jahre Ausbildung, verschiedene Praktika; und jetzt steht sie alleine vor einer Klasse. Mit der Nervosität halte es sich zwar in Grenzen. Es soll jetzt aber endlich losgehen. Um acht Uhr klingelt es. Der erste Schultag beginnt. Kichernd kommen die Viertklässler in kleinen Grüppchen hinein, schubsen sich gegenseitig nach vorne, um die neue Lehrerin zu begrüssen. «Grüessech Frau Meister», sagen die Kinder, die Meister bereits vor den Sommerferien bei einem Besuch in der dritten Klasse kennen gelernt haben. Dann geht das übliche Gedränge los: Wer sitzt wo? Als Meister ein goldenes Glöckchen läutet, verstummt das Geplapper der 22 Kinder im Zimmer.

Laut Stundenplan finden am Montagmorgen Mathematik, Musik und NMG (Natur, Mensch, Gesellschaft) statt. Heute ist aber Vorstellen angesagt. «Ich bin Hannah Meister, ich bin 22 Jahre alt, und ich mache in der Schule alles gerne.» Die Lehrerin macht es vor, dann stellt sich jedes Schulkind vor. «Auf Hochdeutsch bitte», mahnt Meister. «Hört einander zu.» Meister sitzt mit gefalteten Händen zwischen den Kindern und hört ihnen zu, manchmal legt sie den Zeigefinger an die Lippen und macht «sschh». Nach der Vorstellungsrunde im Kreis geht es weiter mit Lehrmittel austeilen und Hefte beschriften. «Frau Meister, mir fehlt ein Heft.» «Ich habe drei!» «Wo muss ich meinen Namen hinschreiben?» Die Selzacherin geht durch das Klassenzimmer und beantwortet die Fragen. Dann läutet sie das goldene Glöckchen erneut und geht noch einmal das ganze Material durch.

Nach der Pause ein Kind mehr

«Mir ist die Beziehung zur Klasse wichtig», sagt Meister. Sie wolle mit den Kindern nicht nur Arbeitsblätter lösen. «Ich will, dass die Kinder gerne zur Schule gehen.» Sie selber habe vor, in ihrem ersten Jahr guten Kontakt zu den Eltern zu knüpfen, wovor sie am meisten Respekt habe. Auch den Rhythmus für die Schuljahresplanung müsse sie noch finden. Geplant hat Meister für das kommende Quartal schon auf die Schulstunde genau, für das nächste Semester eher grob. Diese Planung kann sich schnell ändern.

Auch am ersten Tag: In der grossen Pause wird Meister im Lehrerzimmer darüber informiert, dass sie noch einen Schüler mehr unterrichten wird. Das Kind einer Flüchtlingsfamilie, das zuerst in die dritte Klasse eingeteilt war und nun doch in die vierte kommt. Meister stellt den Jungen vor, die Klassenkameraden deuten aufgeregt auf einen freien Platz, wo sich der Junge hinsetzt. Beim Vorbeilaufen klatscht er mit einem anderen Kind, das er schon vor Schulbeginn kannte, ab.

Dann werden Ämtli verteilt: Boden wischen, Wandtafel putzen, Zimmerpflanze giessen. Und Regeln aufgestellt: «Nicht schlagen.» «Nicht reinschwatzen.» «Niemanden ausschliessen.» Es sei ihr wichtig, nicht einfach alle Regeln vorzuschreiben, erzählt Meister. «Wir stellen sie zusammen auf, und wir halten uns alle zusammen daran.»

Schon ist der grösste Teil des Schulmorgens vorbei, nach einer kleinen Pause bleibt noch eine Lektion. Die Knaben unterhalten sich über Fussball. Ein anderes Kind verschwindet hinter dem Pultdeckel. Ein Schüler hat den Kopf auf das Pult gelegt. Meister läutet das goldene Glöckchen. Weiter geht’s.

«Ich bin gerade ziemlich erschöpft»: Hannah Meister zieht nach ihrem 1.Schultag als Lehrerin ein Fazit

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