Zirkuswagen

Das ist die ungewöhnlichste Airbnb-Unterkunft im Kanton Solothurn

Beinwil am Passwang – viel weiter kann man im Kanton Solothurn nicht aufs Land fahren. Hier im Grünen, auf einem Biohof findet sich die ungewöhnlichste Airbnb-Unterkunft, die ein Reisender im Kanton Solothurn mieten kann: ein bunt angemalter, nur mit dem nötigsten ausgerüsteter Zirkuswagen namens Wagabundis.

Fernseher, Klimaanlage, Föhn, Pool, Fitnessstudio. Wenn man eine Unterkunft für seine Ferien bucht, schaut man jeweils auch auf die Ausstattung. Die Faustregel: Je mehr desto besser. Auf die Unterkunft, die Andrea Götte und Andreas Haefliger auf der Online-Wohnvermittlungsplattform Airbnb anbieten, trifft das Gegenteil zu. Die meisten von Airbnb standardmässig vorgeschlagenen Ausstattungen sind durchgestrichen.

Hier im Zirkuswagen gibt es auf engsten Raum nur das Nötigste: Ein Tischchen, drei Stühle, ein Bett für zwei, ein Wassertrog, ein Gasherd mit zwei Platten und für die, die wollen – elektrischer Strom. «Die meisten unserer Gäste verzichten darauf», sagt Andrea Götte. «Sie bevorzugen Kerzenlicht.»

Fluchtort für Städter

Es sind vor allem befristete Aussteiger, die für ein paar Tage in Wagabundis leben, wie der bunt angemalte Zirkuswagen heisst. «Viele unserer Gäste wollen für ein Wochenende aus der Stadt flüchten», sagt Götte, selbst in der Stadt aufgewachsen, in Zürich. Auf dem Biohof Waldenstein können die Gäste in einer idyllischen Landschaft zur Ruhe kommen. Tritt der Gast aus dem Zirkuswagen, sieht er direkt auf den Chollochbach, dessen Lauf nur wenige Meter neben der Unterkunft vorbei führt und dessen Wasser im Sommer zum Planschen einlädt. Das einzige Geräusch – sein Rauschen.

Den bunten Zirkuswagen entdeckten Götte und Haefliger dank einer Anzeige im Magazin A-Bulletin, das bekannt ist für seine teils eher schrägen Inserate. Die beiden konnten nicht widerstehen und kauften ihn seinem früheren Besitzer ab. «Der Zirkuswagen gehörte einem Lehrer und Musiker, der offensichtlich auch ein sehr guter Handwerker ist», sagt Andrea Götte. Die Inneneinrichtung hat der frühere Besitzer selbst gebaut. «Alle Möbel sind so befestigt, dass man jederzeit losfahren kann.»

Trotzdem fährt die fünfköpfige Familie nicht mit dem Zirkuswagen in die Ferien. Die nötige Strassenzulassung fehlt und somit ist «Wagabundis» dazu verdonnert, an Ort und Stelle zu verharren. Zumindest an einem Platz, wo es sich lohnt, zu bleiben.

So müssen jene, die einmal im Zirkuswagen übernachten wollen, zum Biohof Waldenstein fahren. Im Sommer sind es derzeit durchschnittlich zwei Buchungen pro Monat, im Winter eine. «Tendenz steigend», so Andrea Götte.

Auf Airbnb haben derzeit 14 ehemalige Gäste ihre Zeit im Zirkuswagen bewertet. Roy aus Israel schreibt: «Es war eine ungewöhnliche Erfahrung, aber auf eine grossartige Art und Weise. Andrea ist sehr nett, sie liess uns Beeren pflücken und Karrotten ernten.» Denn wer will, kann auf dem Biohof Waldenstein mitarbeiten und das Landleben entdecken. Beim Gemüseanbau oder bei den Feldarbeiten helfen oder auch nur die Tiere streicheln. Auf dem Hof leben Pferde, Kühe, Ziegen, Hühner, drei Katzen und ein Hund.

Früher sind Andrea Götte und Andreas Häfliger viel gereist. Dies ist jetzt anders. Sie haben drei kleine Kinder, führen einen Hof und engagieren sich sozial; es fehlt an Zeit und Gelegenheit, um weit und viel zu reisen. Da schafft ihre Anzeige auf Airbnb Abhilfe. Andrea Götte: «Mit dem Zirkuswagen holen wir die Welt zu uns auf den Hof» – und an den Tisch. «Wir laden alle Gäste dazu ein, mit uns zu essen. Wir schätzen den kulturellen Austausch.»

Der Eier ausschlürfende Chinese

Noch besonders gut kann sich Götte an ein Pärchen aus Hongkong erinnern, das einige Tage in Wagabundis wohnte. Er, ein chinesischer Schriftsteller und Journalist, der gerade an einem Buch über seine Airbnb Erlebnisse schrieb. Der chinesische Autor war ganz begeistert vom Landleben und fühlte sich an seine Jugend erinnert.

«Einmal bat er uns um ein frisches warmes Ei», erzählt Götte. «Er bohrte ein Loch in die Schale und trank es aus. Das mache gross und stark, hätte seine Mutter früher immer zu ihm gesagt.» Sie fügt hinzu: «Wir haben bisher noch nicht gewagt, es selber auszuprobieren.» Am Abreisetag versprach der Chinese, ein Exemplar seines Buches zu schicken, sobald es fertig sei. Denn auch der Zirkuswagen und die Gastgeber erwähnt er in seinem Buch. Zu Andrea Götte sagte er: Die Nächte in ihrem Zirkuswagen sei bisher seine ungewöhnlichste Airbnb-Erfahrung gewesen.

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Autor

Fabio Vonarburg

Fabio Vonarburg

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