Es sind mal wieder die Männer. «Zwar gibt es auch Frauen, die spielsüchtig sind. Aber das ist die absolute Minderheit», sagt einer, der es wissen muss: Christoph Lanz ist Suchtberater bei der Perspektive in Solothurn. Seit bald vier Jahren nimmt sich der 54-Jährige der Spielsüchtigen im oberen Kantonsteil an. «Spielsucht ist grundsätzlich eine Männerdomäne», bilanziert er. «Männer sind grundsätzlich risikofreudiger und suchen den Kick.»

Rund ein Dutzend Spielsüchtige berät Lanz pro Jahr. Wenn sie zu ihm kommen, dann ist meist schon alles verspielt. Die Schulden stehen bis zum Hals, die Scheidung droht, die Leistung lässt nach, vielleicht ist der Job schon gekündigt.

Ortstermin bei der Perspektive. Die hellen Beratungszimmer sind besetzt. Lanz empfängt in einem Zimmer für interne Besprechungen. Der Tisch weiss, der Boden dunkel. Vier Stühle, ein dunkles Möbel, auf dem ein langer Holzstamm steht, an dessen Ende gerade noch ein Dutzend Blätter blieben. 75 000 Glücksspielsüchtige gibt es in der Schweiz, doch nur wenige kommen zur Perspektive. «Studien sagen, dass weniger als 1 Prozent der Süchtigen in eine Behandlung geht», sagt Sozialarbeiter Lanz. «Meist ist die Schamschwelle zu hoch.»

Es gibt das Klischee der Zocker im Anzug, die regelmässig ins Casino gehen und Geld verspielen. Solche Fälle kennt auch Christoph Lanz. Doch nicht weniger schlimm sind die illegalen Automaten, die in Hinterzimmern von Restaurants, Bars und Kebabläden stehen. Zwar beschlagnahmt die Polizei die Geräte regelmässig bei Razzien. Von seinen Klienten weiss Lanz allerdings, dass dies wenig nützt. Bald stehen wieder neue Anlagen da. «Die Automaten gehören nicht den Wirten. Dahinter steckt eine Organisation, die das Glücksspiel organisiert und finanziert», sagt Lanz. Der Wirt erhalte einzige eine Provision auf die Gewinne. «Von Klienten höre ich, dass die Bussen nicht reichen, um Wirte davon abzuhalten, neue Automaten aufzustellen. Die Gewinnmarge ist zu hoch.»

Lanz weiss auch: «Betreiber binden Kunden mit Krediten an sich. Sie schreiben an und zahlen Wucherzinsen.» Im Casino dagegen würden auffällige Spieler eher von den Betreibern angesprochen und nötigenfalls gesperrt. «Casinos haben den Auftrag, schädliche Auswirkungen des Spiels, durch die Umsetzung eines Sozialkonzeptes zu vermindern. Gleichzeitig ist es ihr Interesse, Gewinn zu machen. Das ist ein Spagat», sagt Lanz. «Bis zu einem gewissen Grad funktioniert es aber gut.» Rund 40 000 Personen sind schweizweit in den Casinos gesperrt.

Bekannte werden angelogen

100 000, 200 000 oder sogar 500 000 Franken: Sozialarbeiter Lanz hat mehrmals die Erfahrung gemacht, dass die Spieler ihr Schuldenausmass nicht kennen. «Es ist oft ein x-Faches dessen, was die Leute angeben oder selbst glauben.» Wer in die Beratung geht, muss deshalb «das ganze Ausmass auf dem Tisch ausbreiten» und auch bereit sein, zur Schuldenberatungsstelle zu gehen. Das gefällt nicht allen. «Es gibt viele Beratungsabbrüche. Süchtige springen oft ab, auch weil sie sich schämen», weiss er aus Erfahrung.

«Abhängige sind kreativ im Erfinden. Sie bauen richtige Lügenkonstrukte auf, auch in ihrer Umgebung.» Wer ihnen Geld leihe, wisse nicht, dass dies für die Spielsucht ist. «Glücksspielsucht ist oft unauffällig. Sie wird von aussen wenig wahrgenommen», sagt Lanz.

Jeder kann spielsüchtig werden, unabhängig vom Alter oder der sozialen Herkunft, weiss der Experte. Er schränkt aber ein: «Tendenziell sind Leute mit tieferem Bildungsniveau oder mit Migrationshintergrund stärker betroffen.» Wer schlechtere Perspektiven hat, ist für angeblich lukrative Gewinne offenbar empfänglicher.

Hoffnung auf Gewinn verführt

Der Beginn ist immer der gleiche – die Sucht kommt schleichend. Jemand macht zufällig einen Gewinn. Und dann setzt sich die Idee fest, man könne immer wieder Gewinne machen. «Im Hirn werden nur die Gewinne registriert», sagt Christoph Lanz. Im Kopf nistet sich die Hoffnung auf noch grösseres Glück ein.

Junge mögen Sportwetten

Die Mechanismen der Sucht funktionieren simpel; Lanz erklärt sie am Beispiel der Sportwetten, die gerade bei Jüngeren beliebt sind – gerade auch in Fussballteams: «Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten bei Fussballwetten», erklärt der Suchtexperte. Man kann auf den nächsten Corner wetten, auf den Sieg, auf fast alles. «Die Ereignisfrequenz, also die Abfolge von Einsatzmöglichkeiten, ist gross. Und grundsätzlich gilt: Je höher die Ereignisfrequenz ist, umso grösser ist die Gefahr, zum Spieler zu werden.» Zeit und Geld verfliegen rasch. «Die Übersicht über die Einsätze fehlt bald.» Und der technische Fortschritt hat auch vor der Branche nicht Halt gemacht: «Online gibt es eine breite Angebotspalette», sagt Lanz. Der Raum ist kaum kontrollierbar, die Zahl illegaler Sites mit Servern im Ausland ist gross, die Kontrolle kaum möglich. Am Ende aber macht meist nur einer den Gewinn. Es sind nicht diejenigen, die dann bei Christoph Lanz landen.