Solothurner Superlative

Das Herz des Kantons Solothurn liegt in Matzendorf

Auf der Wilkmatt zwischen Matzendorf und Laupersdorf: Hier, von unsmarkiert, liegt der Kantonsmittelpunkt.

Auf der Wilkmatt zwischen Matzendorf und Laupersdorf: Hier, von unsmarkiert, liegt der Kantonsmittelpunkt.

Von oben gesehen ist der Kanton Solothurn wohl so verästelt wie kein zweiter. Doch auch Solothurn hat einen geografischen Mittelpunkt. Er liegt auf der Grenze von zwei Feldern, und zwar in Matzendorf im Thal.

Solothurn ist ein stiller Kanton: selten im Fokus der Restschweiz, immer ein wenig zurückhaltend. Ausser, es geht ums Erdkundliche. Da lassen wir uns von niemandem etwas vormachen. Solothurn ist verästelt – man möchte fast schreiben: verzettelt – wie kein zweiter Kanton. Das Gegenstück eines auf dem Reissbrett entstandenen Gebildes.

Der Grenzverlauf? Lässt sich nicht in einem Satz abspeisen. Der Westen – der obere Kantonsteil, wie wir gerne sagen – beisst sich tief in den Kanton Bern hinein. Im Osten – dem unteren Kantonsteil – ist fast die ganze Deutschschweiz stets nur eine halbe Stunde entfernt. Dem Bahnhof Olten sei dank.

Dazwischen das Gäu: Früher die Kornkammer, heute das Lagerhausparadies der Schweiz. Dann der Norden: Das Schwarzbubenland, sozusagen das Krönchen der Solothurner Regionalität, hat sich tief ins Baselbiet eingenistet. Und schliesslich das Thal. Eingeklemmt zwischen der ersten und der zweiten Jurakette, hält es die Kantonsteile wie ein Scharnier zusammen.

Und hier, auf dem Gemeindegebiet des 1300-Einwohner-Dorfes Matzendorf, liegt er auch: der geografische Mittelpunkt des Kantons Solothurn. Vor ein paar Jahren offiziell definiert und seitdem amtlich festgehalten. Wie bitte? Dieser fusselige Kanton hat tatsächlich einen Mittelpunkt?

Schauen wir ihn uns also einmal an, diesen Mittelpunkt. Seine Koordinaten (615 182 / 239 270) führen uns in die Landwirtschaftszone Wilkmatt, 490 Meter über Meer. Die Thalstrasse und die Dünnern trennen diese vom Dorfkern Matzendorfs. Schmale Strässchen führen nach Laupersdorf und zu Bauernhöfen, nichts als Wiesen und Felder. Hier liegt Solothurns Mitte, und zwar genau auf der Grenze von zwei Feldern. Beide gehören Martin Wälchli.

Eines bewirtschaftet er selbst, das andere hat er an Beat Eggenschwiler verpachtet. Die beiden Bauern wussten bisher nichts von ihrer Ehre. «Das überrascht mich aber», sagt Eggenschwiler. Und Wälchli fragt pfiffig: «Kriege ich vom Kanton jetzt eine Million?»

Bescheiden

Einen gefühlsmässigen Mittelpunkt, ein Überzentrum wie Zürich oder Genf, gibt es im Kanton Solothurn nicht. Und so passt es gut, dass sich auch der geografische Mittelpunkt bescheiden präsentiert. Man wisse seit ein paar Jahren, dass der Kantonsmittelpunkt auf Matzendörfer Grund liegt, sagt Gemeindeschreiber Armin Kamenzin. «Im Dorf ist das kein grosses Thema.»

Wen wunderts: Es gibt nichts, was die Aufmerksamkeit auf die Kantonsmitte lenken würde. Kein Stein mit Bronzetafel; kein Bänkli, das zum Verweilen einlädt; kein Chichi wie auf der Älggi-Alp, dem Mittelpunkt der Schweiz, wo der «Schweizer des Jahres» jeweils auf einen Stein gemeisselt wird. «Ach wissen Sie», schmunzelt Gemeindeschreiber Kamenzin, «wir Matzendörfer müssen uns nicht ständig in den Mittelpunkt stellen.» Eigentlich gar nicht nötig.

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