Interview mit Mirco Müller

«Das 'Fuli-Sieche'-Image ist beim Staat definitiv nicht mehr berechtigt»

Mirco Müller beim Interview im Solothurner Konzertsaal.

Der 33-jährige Mirco Müller, seit 1. Juli neuer Präsident des Solothurnischen Staatspersonalverbandes, stellt sich Fragen zu Vorurteilen, zum umstrittenen Gesamtarbeitsvertrag und zu Forderungen nach Lohnkürzungen bei den Staatsangestellten.

Sie sind nun zwei Monate im Amt als Präsident des Staatspersonalverbandes. Wie hat sich Ihr Leben seither verändert?
Mirco Müller: Es fing gleich nach der Wahl an, mit Glückwünschen – aber auch bereits relativ viel Arbeit in der Geschäftsleitung. Ab dem 1. Juli galt es dann ernst, mit Sitzungen, Gesprächen und so weiter.

Und das Gefühl von Macht? Der Staatspersonalverband ist mit seinen über 4000 Mitgliedern ein «gewichtiger» Player in der kantonalen Politik …
Von «Macht» würde ich nicht sprechen. Man spürt natürlich, dass man viele Verbandsmitglieder im Rücken hat. Das gibt einerseits eine gewisse Stütze – aber anderseits auch einen gewissen Druck. Dies auch, weil der Staatspersonalverband sich aus mehreren Sektionen zusammensetzt: Lehrer, Verwaltung, Polizei, Spitäler und andere mehr.

Sie haben sich Ende März als 33-Jähriger in einer Kampfwahl relativ knapp gegen die favorisierte Mitbewerberin durchgesetzt. Nur ein Zeichen für einen Generationenwechsel – oder mehr?
In die Wahl selber würde ich nicht zu viel hineininterpretieren. Den Ausschlag gab sicher einerseits meine Position als Vertreter der Verwaltung; aber sicher auch meine Art, meine Unbekümmertheit: Immer geradeheraus sagen, was man denkt, meine Thaler Mentalität halt. Es hat sicher auch damit zu tun, dass der Personalverband seinen Fokus darauf richtet, vermehrt auch wieder junge Leute als Mitglieder anzusprechen, um die Balance zwischen den Altersgruppen sicherzustellen.

Wo und wie wird sich die Handschrift des neuen Präsidenten in der Verbandsführung am deutlichsten zeigen?
Meine Aufgabe ist es, für alle Bereiche des Verbandes gleich einzustehen: Das wird von mir erwartet. Es ist ja nicht so, dass ich wegen meiner Arbeit in der Verwaltung diesen Bereich bevorzuge. Mein Ziel ist es, möglichst viel umzusetzen: Wir wollen den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) weiterentwickeln, wir wollen uns für eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten einsetzen, wir wollen allen unseren Mitgliedern gerecht werden.

Sie nennen «Ungeduld und Perfektionismus» als typische Charakterzüge. Werden das Ihre Gegenüber in den Verhandlungen der GAV-Kommission (GAVKO) zu spüren bekommen?
Ich hoffe schon, dass man das spüren wird (lacht). Im Ernst: Man muss sehen, dass die GAVKO eine paritätisch zusammengesetzte Kommission mit Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern ist. Am Ende geht es darum, dass wir zusammen eine Lösung finden. Das ist das Wichtigste. Klar: Wir sind Arbeitnehmervertreter, und wir setzen uns für die Interessen des Personals ein. Wenn das mit einem gewissen Nachdruck erfolgen muss, dann werden meine Charakterzüge sicher auch zum Ausdruck kommen. Aber es ist wie auf dem Fussballplatz: Wenn die Sitzung fertig ist, geht man dann gleichwohl wieder zusammen ein Bier trinken.

Das sagt ein begeisterter Fussballspieler und -fan ...
Genau (lacht).
Die Erhaltung des Staatspersonal-Gesamtarbeitsvertrags ist Ihr oberstes Ziel. Der GAV kommt aber mit Abbauforderungen aus bürgerlichen Kreisen immer stärker unter Beschuss ...
Bei der jüngsten Mitarbeiterzufriedenheits-Befragung hat der Kanton von seinem Personal eine sehr gute Referenz erhalten. Zu dieser Zufriedenheit hat ja genau dieses Konstrukt der GAVKO beigetragen, in dem Arbeitnehmer und Arbeitgeber gemeinsam an einem Modell arbeiten. Darum ist für mich unverständlich, wenn man hier einen Abbau betreiben will. Es ist klar, auf was es hinausläuft: Es geht meistens um den Lohn. Aber es geht eben letztlich um mehr als nur die Löhne ...

Was sagen Sie konkret zu Forderungen nach tieferen Löhnen?
Ich frage mich, ob diese Forderungen überlegt sind oder einfach aus der Emotion heraus entstehen. Wie kann man tiefere Löhne verlangen? Nehmen die Arbeit oder die Verantwortung der Angestellten oder der Anspruch der Kundschaft ab? Ich glaube nicht. Jeder wünscht sich, dass die Arbeit so schnell, so sauber und so kostenneutral wie möglich erledigt wird. Ich hatte heute eine Führung bei der Kantonspolizei und musste mich danach fragen, zu welchem Lohn ich diese höchst anspruchsvolle Arbeit erledigen würde. Oder wie viel wäre es Ihnen wert, jeden Tag Ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen? Zudem werden die Lohnverhandlungen jährlich mit der Regierung geführt und Vergleiche mit den Nachbarkantonen gezogen. Mit Sicherheit hat es hier keinen Platz für Forderungen nach tieferen Löhnen – im Gegenteil.

Wie wollen Sie sich zur Wehr setzen? Streiken kommt ja kaum infrage?
Wir würden sicher das Gespräch suchen. Ich bin politisch nicht aktiv, es geht mir also immer um die Sache. Fakt ist, dass der Kanton dank des GAV als Arbeitgeber attraktiver denn je ist und dass das Personal bereits in der Vergangenheit mehrfach bei Einsparungen – zum Beispiel bei der Erstreckung des Erfahrungsstufenanstiegs oder beim Verzicht auf den Teuerungsausgleich – mitgewirkt hat. Dies, ohne negativ in Erscheinung zu treten. Auch dem Personal liegt nämlich das Wohlergehen des Kantons am Herzen und wir sind stolz, dessen Angestellte zu sein. Es gibt andere Baustellen in Gesellschaft und Kanton, die wir lösen sollten, bevor über solche Forderungen diskutiert wird.

Die Devise kann bei den Verhandlungen ja höchstens «Halten» heissen – sicher nicht «Ausbau» …
Das ist im Grundsatz so. Aber ich sehe das Ganze als modellierbare Masse an. Es geht darum, dass man sich den ständig wechselnden Bedürfnissen anpassen kann. Wie das Thema des diesjährigen Angestelltentages – Work-Life-Balance – zeigt, laufen die Bedürfnisse auch des Staatspersonals auf eine Flexibilisierung hinaus. Es sind Projekte am Laufen, zum Beispiel bei den Solothurner Spitälern, die sehr vielversprechend sind. Dort kann der GAV, mit den Möglichkeiten, die sich im Dialog bieten, weiterentwickelt werden.

Stichwort Work-Life-Balance: Nach weitverbreiteten Vorurteilen kann diese für Staatsangestellte doch eigentlich gar kein Problem sein … Was sagen Sie zu solchen Klischees?
Da muss ich vehement widersprechen, ganz klar. Dieses «Fuli-Sieche»-Image ist beim Staat definitiv nicht mehr berechtigt. Wir werden heute beaufsichtigt, kontrolliert, wir haben Controllingmechanismen wie in der Privatwirtschaft: Ein Zurücklehnen gibt es nicht. Dazu kommt, dass natürlich der Bürger auch mit immer höheren Ansprüchen kommt – und die müssen abgedeckt werden. Das Ziel muss sein, gute Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten – und dazu kann eine gute Work-Life-Balance beitragen. Hier hat der Kanton durchaus noch Potenzial. Dazu kommt, dass sich nicht alle Flexibilisierungsmodelle in allen Bereichen – etwa bei den Lehrern – gleich gut umsetzen lassen.

Zu Ihrem Job als Leiter des Betreibungsamtes Balsthal kam nun das Präsidium des Staatspersonalverbandes ... Wie halten Sie persönlich Leben und Arbeiten im Gleichgewicht?
Ich habe ein Haus gebaut, konnte dort kürzlich mit meiner Partnerin einziehen. Dies alles – Familie, Umfeld, Fussball – ist wichtig für mich. Ich sehe mich selber als Workaholic: Bei mir muss immer etwas laufen. Das ist für mich weniger ein Fluch, sondern ein Segen.

Autor

Urs Mathys

Urs Mathys

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