Frauenhaus

Das Frauenhaus Aargau-Solothurn feiert seinen dreissigsten Geburtstag

Jael Bueno, Leiterin des Frauenhauses Aargau-Solothurn.

Jael Bueno, Leiterin des Frauenhauses Aargau-Solothurn.

Das Frauenhaus Aargau-Solothurn feierte das 30-jährige Bestehen mit einer Fachtagung. Besonders im Fokus stand die häusliche Gewalt, Fast 40 Prozent der Straftaten in der Schweiz fallen in diesen Bereich. Betroffen sind oft Migrantinnen.

Nicht mit Pomp und Brimborium, sondern passend zur Ernsthaftigkeit seiner Aufgabe feierte das Frauenhaus Aargau-Solothurn das 30-jährige Bestehen mit einer Fachtagung. Jael Bueno, Betriebsleiterin des Frauenhauses, wartete mit den erschreckenden Zahlen auf: 2011 wurden in der Schweiz 14 881 Gewaltstraftaten angezeigt, 38,1 Prozent davon ereigneten sich im häuslichen Bereich. 55 Prozent aller Tötungsdelikte waren Folgen von häuslicher Gewalt.

Jüngere Frauen mehr betroffen

Wer sind diese Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt werden? «Das Bild hat sich in den letzten Jahren gewandelt», sagte Jael Bueno. «Anfang 2000 war das Segment der 35- bis 40-jährigen Frauen am grössten. Heute sind es mehr junge Frauen zwischen 18 und 29 Jahren. Junge Frauen mit Migrationshintergrund sind am stärksten betroffen, weil diese in der Regel früher heiraten als Schweizerinnen. Die jungen Migrantinnen sind finanziell und sozial total abhängig von ihren Männern und deren Familien.» Häusliche Gewalt ereignet sich dort, wo Konflikte zwischen Partnern nicht auf Augenhöhe ausgetragen werden, sondern in einem deutlichen Machtgefälle. In diesem Sinne kann Jael Bueno einige Schutzfaktoren benennen: Frauen, die eine Ausbildung und ein eigenes Einkommen haben und deutsch sprechen, sind weniger gefährdet, Opfer von häuslicher Gewalt zu werden. «Zu unseren Aufgaben gehört deshalb auch immer die Frage, wie können wir den Frauen, die zu uns kommen, zu diesen Schutzfaktoren verhelfen?», sagte die Frauenhaus-Leiterin. «Häusliche Gewalt ist auch ein Gleichstellungs- und Migrationsthema.» Nicht vergessen dürfe man ausserdem, dass häusliche Gewalt nicht nur die misshandelten Frauen (und in selteneren Fällen die Männer) betreffe, sondern auch die Kinder, die Zeugen davon werden. Auch diese Kinder sind körperlich, psychisch und physisch gefährdet. Das Erleben von häuslicher Gewalt in der Kindheit kann gemäss Studien zudem zu einer höheren Gewaltbereitschaft im Jugend- und Erwachsenenalter führen.

Klassisches Familienbild führt zu Problemen

Christina Leimbacher, Leiterin der Fachstelle Familie und Gleichstellung, machte deutlich, wie idealisiert das klassische Familienbild ist – und wie viel Druck es heute bei den jungen Vätern und Müttern erzeugen kann. «Das Fehlen der tatsächlichen Gleichstellung kann Familien erheblich belasten», erklärte sie. Darum sei es wichtig, strukturelle Barrieren abzubauen (etwa durch Schaffung genügender Betreuungsplätze für die Kinder, Teilzeitstellen für Männer und Frauen, gleichen Lohn für Frauen). Mit Familienförderung und Elternhilfe könnten Schutzfaktoren gegen häusliche Gewalt geschaffen werden. «Dafür müssen wir Politik und Wirtschaft sensibilisieren.»

Mit von der Partie bei der Fachtagung war auch die Aargauer Gesundheitsdirektorin Susanne Hochuli. Diese versicherte, der Kanton Aargau und auch sie persönlich würden beim Thema häusliche Gewalt niemals wegschauen. «Wir nehmen unsere Verantwortung wahr, der Kanton Aargau hat gut gearbeitet in den letzten Jahren.» Aber er könne nicht immer Taktgeber sein. «Veränderungen erfolgen meist aus Not oder Notwendigkeit, nicht durch Einsicht.»

Der Mensch sei ein Schnäppchenjäger, führte Hochuli weiter aus. «Er ist ein Meinungsmacher in eigener Sache. Nur wenn ihm etwas nützt oder wenn er echten Schaden befürchten muss, ist er zum Handeln bereit. Indem er sich selbst helfe, helfe er oft fast ungewollt auch der Sache an sich. So werde ein politischer Exkurs möglich. «Doch es braucht viel Zeit für politische Entscheide und nachhaltige gesellschaftliche Veränderungen», resümierte die Gesundheitsdirektorin.

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