Prognose
Das erwartet die Solothurner Wirtschaft im neuen Jahr

Trotz gegensätzlicher Einschätzung sind sich die Exponenten in zwei Punkten einig: keine Rezession, aber die Arbeitslosigkeit steigt.

franz schaible
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Der Werkplatz Kanton Solothurn leidet speziell unter dem harten Franken. Dank Neuansiedlungen wird aber ein Strukturwandel eingeläutet. hr. aeschbacher

Der Werkplatz Kanton Solothurn leidet speziell unter dem harten Franken. Dank Neuansiedlungen wird aber ein Strukturwandel eingeläutet. hr. aeschbacher

Hansruedi Aeschbacher

Aus unterschiedlicher Warte beurteilen die Volkswirtschaftsdirektorin Esther Gassler, die Wirtschaftskapitäne Josef Maushart und Urs Nussbaum (Präsident Industrie- und Handelsverein Olten und Umgebung) sowie der Gewerkschafter Ivano Marraffino die Entwicklung der Solothurner Konjunktur im kommenden Jahr.

Bei der Frage, ob die Nationalbank zur Stützung der Exportindustrie wieder einen Mindestkurs gegenüber dem Euro einführen soll, steht der Gewerkschafter als Befürworter alleine da. Ansonsten zeigen die Einschätzungen, dass für die Solothurner Wirtschaft 2016 nach 2015 erneut ein herausfordernder Jahrgang wird.

Wachstum, Stagnation oder Rezession: Wie wird sich die Konjunktur im Kanton Solothurn im 2016 entwickeln?

Esther Gassler, Solothurner Volkswirtschaftsdirektorin: Die Konjunkturprognosen sehen für die Schweiz im 2016 ein Wirtschaftswachstum (BIP) von 1 bis 1,5 Prozent vor. Ich gehe davon aus, dass wir im Kanton Solothurn ebenfalls mit dieser Grössenordnung rechnen können. Wir werden somit ein, wenn auch nicht übermässiges, Wachstum haben.

Josef Maushart, Präsident Industrieverband Solothurn und Umgebung: Für die erste Jahreshälfte 2016 erwarte ich ein Nullwachstum. In der Industrie rechne ich vorerst mit einem weiteren Rückgang der Exportzahlen. Im Dienstleistungsbereich dürfte dagegen ein leichtes Wachstum zu verzeichnen sein. Grosse Bauprojekte (Bürgerspital, Biogen) können positive Impulse setzen. Ab der Jahresmitte dürften die Anpassungen der Industrie mehrheitlich erfolgt sein und die erfreulichen Meldungen endgültig die Oberhand gewinnen, was zu einem moderaten Wachstum führen wird.

Ivano Marraffino, Leiter Sektion Solothurn der Gewerkschaft Unia: Wir befürchten, dass die Solothurner Wirtschaft und speziell die Industrie auch 2016 am Rande einer Rezession stagnieren werden. Die europäische Wirtschaft kommt nicht in Gang, die für die Exportindustrie wichtige deutsche Wirtschaft tritt trotz allen Jubelmeldungen an Ort, und auch das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) musste – wie vorher schon die KOF ETH – vor zwei Wochen die Schweizer Wachstumsaussichten nach unten korrigieren. Im besten Fall dümpeln wir 2016 bei mageren ein Prozent dahin.

Urs Nussbaum, Präsident Industrie- und Handelsverein Olten und Umgebung: Das Spektrum im Industrie- und Handelsverein Olten ist sehr gross. Die meisten Firmen leiden noch unter Nachwirkungen der Franken-Stärke, dazu kommen aber starke branchenspezifische Einflüsse – positiv oder negativ. Wir gehen im Mittel von einer Stabilisierung auf dem Niveau von 2015 aus.

Derzeit liegt die Arbeitslosenquote bei 2,9 Prozent. Wie wird sich der Solothurner Arbeitsmarkt 2016 entwickeln und welche durchschnittliche Quote erwarten Sie für das ganze Jahr?

Esther Gassler: Die Arbeitslosenzahlen werden im ersten Halbjahr noch ansteigen. Nachher dürfen wir aufgrund der Wirtschaftsprognosen mit einer leicht sinkenden Quote rechnen. Insbesondere die amerikanische Wirtschaft hat sich in den vergangenen Monaten sehr gut entwickelt, und in der Euro-Zone wird ebenfalls mit einem gefestigten Wachstum gerechnet. Der Binnenmarkt sollte stabil bleiben. Ich gehe davon aus, dass die durchschnittliche Arbeitslosenquote 2016 im Kanton Solothurn nicht über 3 Prozent liegen wird, aber auch nicht stark darunter.

Josef Maushart: Ich erwarte einen Anstieg auf gegen vier Prozent. Der Zuwachs der letzten 12 Monate beträgt 22 Prozent! Der Grund liegt im extremen Margendruck infolge der starken Überbewertung des Frankens. Dieser zwingt sowohl in der Exportwirtschaft als auch bei binnenorientierten Firmen infolge des noch härteren Wettbewerbes aus dem Ausland zur Kosteneinsparung. Die Zahl der Stellensuchenden liegt schon jetzt über vier Prozent und dürfte gegen sechs Prozent ansteigen.

Ivano Marraffino: Die nackte Zahl 2,9 Prozent vernebelt den Ernst der Lage. Man muss wissen: Seit November 2014 stieg die Solothurner Arbeitslosenquote von 2,3 auf 2,9 Prozent. Offiziell haben wir 800 Arbeitslose mehr als vor Jahresfrist. Und auch das ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich suchten im November 6675 Menschen eine Arbeit. Wenn wir die Ausgesteuerten und die Manövriermasse der temporär Beschäftigten mitzählen, ist und bleibt die Lage alarmierend. Ob 2,9 oder 3,1 Prozent Arbeitslose – es braucht dringend mehr Arbeit.

Urs Nussbaum: Als Folge der Franken-Stärke wurden im Laufe 2015 von vielen Firmen Massnahmen zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit ergriffen. Das hiess: Automatisierung und Prozessverbesserung am Schweizer Standort, beinhaltete aber auch Verlagerung von Wertschöpfung ins Ausland. Diese Auswirkungen werden im 2016 zu spüren sein. Aber es gibt auch Branchen mit positiven Signalen, sodass «unter dem Strich» wohl keine starke Veränderung resultiert. Ich erwarte eine durchschnittliche Arbeitslosenquote von 3,1 Prozent.

Welches wird 2016 die grösste Herausforderung für die Solothurner Unternehmen sein?

Esther Gassler: Die grösste Herausforderung für die Solothurner Unternehmen wird es auch nächstes Jahr sein, auf den globalisierten Märkten wettbewerbsfähig aufzutreten und dabei mit der Qualität ihrer Produkte überzeugen zu können. Ich wünsche mir, dass sie dies mit einer optimistischen Grundhaltung angehen und erfolgreich sein werden.

Josef Maushart: Je nach Branche sind die Herausforderungen sehr unterschiedlich. Allen, vom Detailhändler bis zum Industrieunternehmen, ist aber gemein, dass sie ein Margenproblem haben. Und eine gute Zahl von Firmen hat derzeit keine nachhaltig tragbare Ertragslage. Entsprechend sind «Fitnesskuren» (Innovationsschübe, Weiterbildungsoffensiven, Prozessoptimierungen, Automationen, Auslandsbeschaffungen, Verlagerungen) erforderlich. Das Ziel muss die Bewahrung eines gesunden Schweizer Unternehmenskerns sein.

Ivano Marraffino: Die direkt und indirekt exportabhängige Industrie muss trotz dem akuten Preisdruck in der Lage sein, im Schnellzug der vierten industriellen Revolution einen Platz zu finden. Dazu braucht es Investitionen der Unternehmen, eine aktive Industriepolitik von Kanton und Gemeinden sowie gut ausgebildete, qualifizierte und motivierte Arbeitnehmende. Volkswirtschaftlich wichtig ist, dass in allen Branchen – gerade auch im Binnensektor – die Löhne und damit die Kaufkraft wieder einmal spürbar steigen.

Urs Nussbaum: Vorrangig ist für die meisten die Wiedererlangung einer nachhaltigen Ertragskraft bzw. die Rückkehr zu schwarzen Zahlen. Die Betriebe tun, was sie können, sind aber auf attraktive und verlässliche Rahmenbedingungen angewiesen – deshalb müssen die wichtigen politischen Hausaufgaben der Europa-, Sozial-, Energie- und Steuerpolitik dringend gelöst werden. 2015 habe ich vielerorts eine «Ärmel hoch, wir schaffen das»-Mentalität gesehen – mit dieser positiv-leistungsorientierten Grundhaltung bin ich zuversichtlich, dass nach 2016 auch das Wachstum wiederkehren wird.

Die Frankenstärke belastet trotz leichter Abschwächung nach wie vor die konjunkturelle Entwicklung. Soll die Schweizerische Nationalbank wieder einen Mindestkurs gegenüber dem Euro einführen?

Esther Gassler: Die Verantwortung für die Währungspolitik liegt bei der Nationalbank. Sie hat unabhängig darüber zu entscheiden und muss sich dabei vom Gesamtinteresse des Landes leiten lassen. Ein Mindestkurs bringt zwar eine gewisse Stabilität und Sicherheit bei der Preiskalkulation, ist aber grundsätzlich nicht mit einer freien Geld- und Währungspolitik vereinbar.

Josef Maushart: Nein, so sehr ich mir einen Kurs von 1.30 Franken auch wünschen würde! So überdurchschnittlich stark wir auch sind, um eine Währungskonfrontation wirklich durchzustehen, sind wir dennoch zu schwach. Das liegt auch daran, dass wir innenpolitisch weiterhin nicht zusammenstehen, um die drängenden Fragen gemeinsam anzugehen. Die Nationalbank soll aber im Rahmen des rekordhohen Leistungsbilanzüberschusses von über 10 Prozent des Bruttoinlandproduktes am Devisenmarkt intervenieren. Ganz nach dem Motto «jeder Rappen zählt».

Ivano Marraffino: Ganz klar: Es braucht wieder einen Euro-Mindestkurs um die 1.20 Franken, sonst geht unsere Industrie die Aare runter. Die Aufgabe des Mindestkurses war ein kapitaler Fehler des Nationalbank-Direktoriums. Seither zahlen wir für Jordans geldpolitischen Staatsstreich einen hohen Preis. Im 3. Quartal 2015 sanken die Exporte der MEM-Industrie um 9,1 Prozent. Skandalös wie unverständlich ist, dass sich ausser dem Industriesektor der Gewerkschaft Unia niemand ernsthaft für einen neuen Mindestkurs engagiert.

Urs Nussbaum: Nein. Trotz Überbewertung des Frankens darf nicht vergessen werden, dass der Mindestkurs wesentliche Nebenwirkungen hat: So leiden etwa Pensionskassen wesentlich unter den Negativzinsen, die zur Schwächung des Frankens eingeführt wurden. Der SNB sollte Spielraum in der Wahl der Instrumente zugestanden werden, um die verschiedenen konkurrierenden Ziele (Preisstabilität, Beschäftigung, Wechselkurs) bestmöglich auszutarieren. Mit dem aktuellen Kursniveau von 1.10 Franken kann sich die Wirtschaft mittelfristig wohl arrangieren.

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