Persönlich
Das einsame Manderindli

Erinnerung an bessere Zeiten, als man sich im Büro noch über Zitrusfrüchte ärgerte. Und eben überhaupt noch ins Büro ging.

Noëlle Karpf
Noëlle Karpf
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Sorgte auch für Diskussionen auf der Redaktion: Das Mandarindli.

Sorgte auch für Diskussionen auf der Redaktion: Das Mandarindli.

Maks Narodenko

Es gibt doch dieses Klischee: Etwas nervt und nervt – bis man es nicht mehr hat, und dann vermisst man es. Diese Geschichte geht in diese Richtung. Es war einmal eine Redaktion, da gab es einen Redaktor, der war auch mal laut.

Etwa, wenn es um Manderindli ging. Manderindli? Ja genau – orange leuchtend und voller Vitamin C – unschuldiger kann eine Frucht gar nicht sein. Nicht in den Augen des Kollegen – oder seiner Nase. Der hatte einen so guten Riecher, er erkannte Zitrusfrüchte noch aus zehn Kilometer Entfernung – und schimpfte mit derjenigen Person, die es wagte, eine solche ins Büro zu bringen.

Besagter Kollege ist mittlerweile im Ruhestand. Ich traue mich inzwischen, Manderindli zu essen. Niemand kommt auf die Idee, mit mir zu schimpfen. Es ist auch gar niemand da. Nicht im verlassenen Büro, wo ich nur noch selten bin, mir mit schuldbewusster Mine ab und zu die Maske vom Gesicht ziehe, um blitzschnell ein Manderindli-Schnitzli dahinter verschwinden zu lassen. Schon gar nicht im Homeoffice, wo ich essen kann, wann und was ich will. Niemanden interessiert es. Niemand ist da.

Nur das Manderindli sitzt traurig auf der Tischplatte und erinnert an bessere Zeiten. Aber nur für kurze Zeit, denn es schmeckt wirklich gut. Und wenn ich es mir recht überlege, war es schon ziemlich laut, damals.

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