Alle wollen fit, sportlich und schön sein. Um dies zu erreichen, werden in Fitnesscentern fleissig Hanteln gestemmt. So auch bei Marius Nydegger im «MN-Training» Personal Training Studio in Solothurn. Der Personal Trainer ist 28 Jahre alt und hat bereits unzählige Weiterbildungen bei Ärzten, Therapeuten und Ernährungswissenschaftlern auf der ganzen Welt besucht. Er weiss, worauf es beim Krafttraining ankommt. «Ein klares Richtig gibt es beim Krafttraining leider nicht», räumt der junge Coach gleich zu Beginn ein. «Es kommt immer auf das Alter, die individuelle Biomechanik und das Ziel des Trainierenden an.» Die Wissenschaft des Krafttrainings sei relativ jung, gute Langzeitstudien gebe es kaum. Dadurch werde viel Unsinn verbreitet.

Nicht selten gefährlicher Unsinn. Nydegger sieht es als seine Aufgabe, diesen Urwald der Fitnessweisheiten zu lichten. Warum aber gibt es kein für alle geltendes Richtig? «Weil jeder Körper anders ist». Viele Menschen verstehen laut Nydegger zudem gar nicht, wie ihr Körper funktioniert. Er selbst sei das beste Beispiel: Auch er habe lange einfach drauflostrainiert. «Als ich zu verstehen begann, wie mein Körper auf Training reagiert, wurde ich stärker und leistungsfähiger.» Schnell habe er gelernt, dass man nur mit einem gesunden Training langzeitig Fortschritte erzielen könne. Und dass fit sein nicht nur bedeute, schlank oder muskulös zu sein, sondern eben auch geistig fit und zufrieden. Was sich wiederum auf den Arbeitsalltag und überhaupt auf alle Bereiche des Lebens auswirke.

Wenn die Übungen richtig ausgeführt werden, sei Krafttraining das Beste, um Körper und Geist zu stärken. Wenn es aber falsch ausgeführt werde, werde es schnell gesundheitsschädigend. Das Wichtigste sei, dass jeder sein Training seinen individuellen Bedürfnissen anpasse. So muss jemand mit Bürojob zuerst die Grundmuskulatur stärken und die muskuläre Disbalance ausgleichen, während ein Profisportler versuchen sollte, die im Sport vernachlässigten Muskelpartien zu stärken. Als Beispiel nennt der Coach seinen jüngsten Kunden. Der siebenjährige Junge spiele Eishockey und sei zu früh spezialisiert worden. Das spielerische Training mache dem Jungen Spass und schütze ihn zusätzlich vor Verletzungen beim Hockeyspielen. Nydeggers älteste Kundin ist 72 Jahre alt. Bei ihr gehe es mehr darum, die Muskulatur für alltägliche Bewegungen zu stärken.

Beim Solothurner Fitnesstrainer Marius Nydegger im Training

Beim Marius Nydegger im Training

Schäden zeigen sich erst später

Wann aber wird Krafttraining gefährlich? Unfälle gebe es eher selten und Krafttraining sei – sauber ausgeführt – eine der sichersten Trainingsformen. Das Problem sind die Langzeitschäden: Unausgeglichenes Training führe zu Fehlhaltungen, was wiederum Bandscheiben, Sehnen, Bänder und Gelenke abnutze. «Was viele nicht wissen, jeder Muskel hat so etwas wie einen Gegenmuskel», erklärt Nydegger. Wer nur einen der beiden trainiert, riskiere ein unausgeglichenes Muskelwachstum. Sehnenentzündungen, Rückenbeschwerden oder Langzeitschäden im Schulterbereich.

Die drei wichtigsten Übungen, welche bei falscher Ausführung zu schwerwiegenden Folgen führen, sind laut Nydegger Kreuzheben, Bankdrücken und Kniebeugen. Dies sind aber gleichzeitig auch die wichtigsten Übungen, um die Muskulatur zu stärken.

Aussehen steht über Gesundheit

Der Coach ist sich sicher: Viele Leute stellen ihr Aussehen über die Gesundheit und achten zu wenig auf ihren Körper. Für Nydegger gibt es dafür einen einfachen Grund: «Weil das viele Fitnessgurus, Models und andere Vorbilder auch tun.» Durch den Gebrauch von Medikamenten und das Bearbeiten von Fotos im Internet werde ein verzerrtes Bild davon erzeugt, was schön sei. «Dabei greifen inzwischen nicht nur Profis, sondern auch Hobbysportler zu diesen Mitteln», sagt Nydegger. Nur um Körperideale zu erlangen, welche auf natürliche Weise kaum erreichbar sind. Auch viele weibliche Models, welche natürlich fit aussehen, greifen ihm zufolge regelmässig zu Medikamenten. «Einfach, weil man so schnell wie möglich gut aussehen und dafür möglichst wenig tun will.» Problematisch ist dabei, dass junge Menschen verbissen einem Traumkörper nacheifern und diesen über die Gesundheit stellen.

Ein weiteres Problem: «Fitnessgurus», welche auf Onlineplattformen Ernährungsvideos und Fitnessanleitungen veröffentlichen. «Das Problem ist, dass sich jeder Personal Trainer nennen darf.» Viele Menschen können in der Flut an Informationen auf sozialen Plattformen nicht mehr differenzieren, wer kompetent ist und wer nicht. Auf sozialen Plattformen herrsche ein regelrechter Kampf darum, wer recht habe und wer nicht. «Das passiert, wenn Menschen aus dem Unwissen anderer Menschen ein Geschäft machen oder Coaches ihre persönlichen Erfahrungen auf ihre Kunden übertragen wollen.»

Kritisch sein gegenüber Coaches

Die Auswirkungen davon bekommt Nydegger tagtäglich zu spüren: «Mit vielen Kunden muss ich zuerst ein klärendes Gespräch führen.» Unzählige Frauen leiden unter einem neurotischen Essverhalten, während Männer dazu neigen, ihren Körper aus Ehrgeiz zu überlasten. Wobei er sich da manchmal selbst auch an der Nase nehmen müsse. In seinem Studio gilt deshalb der Grundsatz: «Das Ego bleibt vor der Tür.»

Um an kompetente Coaches oder gute Videoanleitungen zu kommen, empfiehlt Nydegger, grundsätzlich alles kritisch zu hinterfragen. «Man überlegt sich am besten immer, warum jemand etwas sagt oder tut. Oft geht es einfach nur ums Geld», sagt der Coach.

Ihn beschäftigt, dass junge Menschen ihren Vorbildern oft blind vertrauen. «Viele eifern Idolen nach, ohne deren Aussagen zu hinterfragen und auf den eigenen Körper zu achten.» Was man dagegen tun kann? Bei dieser Frage ist der wortgewandte Coach das erste Mal ratlos. Er ist sich aber sicher: Vorbilder und Coaches müssen sich ihrer Verantwortung bewusster werden. «Am ehesten könnten wohl die Eltern mit der Erziehung etwas erreichen». Er selbst könne nur versuchen, den Menschen sein Wissen weiterzugeben und sich selber ständig weiterzubilden.