Es war letzte Woche eine Randnotiz in der Solothurner Zeitung: «Lenkerin übersieht Bipperlisi». Eine Autofahrerin will in Feldbrunnen abbiegen und übersieht den anrollenden Zug. Da kracht es. Die Fahrerin und ihre Beifahrerin werden leicht verletzt. Der Sachschaden geht in die Zehntausende. Diesen Montag dann in Flumenthal: «Quad kollidiert mit Bipperlisi.» Zwei Personen werden weggeschleudert und verletzen sich. Schadenssumme: mehrere Zehntausend Franken.

Bipperlisi rammt Fahrzeug. Solche Schlagzeilen lösen bei vielen nur noch ein Schulterzucken aus. Immer wieder kommt es entlang des Trassees der Aare Seeland Mobil ASM zu Kollisionen. Auf Solothurner Kantonsgebiet fährt die Bahn vom Hauptbahnhof in Solothurn via Baseltorkreisel und Baselstrasse durch Feldbrunnen und Riedholz. In Flumenthal verlässt sie den Kanton. Die unten stehende Grafik zeigt, welche Übergänge besonders gefährlich sind.

An diesen Bahnübergängen kracht es am meisten:

An diesen Bahnübergängen kracht es am meisten:

Immer grössere Sachschäden

Wie Recherchen dieser Zeitung zeigen, nehmen die Unfälle mit dem Bipperlisi in den letzten Jahren zu. 2011 gab es auf Gebiet des Kantons Solothurn 6 Kollisionen, 2012 krachte es 10 Mal und letztes Jahr 12 Mal. In diesem Jahr musste die Polizei bereits 7 Mal ausrücken, weil Fahrzeuge vor den Triebwagen der Bahn fuhren.

«Meist bleibt es bei leichten Verletzungen», sagt Melanie Schmid, Sprecherin bei der Kantonspolizei, auf Anfrage. Im Oktober 2008 allerdings wurden eine Frau und zwei Kinder auf der Rötistrasse in Solothurn von einer Zugkomposition erfasst und weggeschleudert. Sie verletzten sich schwer. Später wurden an dieser Stelle Barrieren gebaut. Seitdem kam es dort zu keinen Unfällen mehr.

Die Kosten dagegen steigen stetig an. Einerseits, weil es öfters kracht. Zum andern, weil das neue Rollmaterial der ASM die Aufprallenergie verstärkt aufnimmt. Deshalb gibt es grössere Sachschäden. Weil die Schadenhöhe variiert, kann die Bahn keine generellen Aussagen zu den gestiegenen Schadenssummen machen. Sie dürften jährlich in die Hunderttausende gehen.

«Ins Gewicht fallen vor allem Carrosserieschäden», sagt René Schärer, Leiter Unternehmensentwicklung bei der ASM. Das reiche von tiefen vierstelligen Summen bei einfachen Lackschäden bis zu Schäden im fünfstelligen Bereich bei beträchtlichen Carrosserieschäden. Wer den Unfall verschuldet, wird zur Kasse gebeten: Sind die Unfallstellen signalisiert, zahlt die Kosten zu 100 Prozent der Verursacher oder dessen Versicherung.

Autofahrer weniger aufmerksam

Warum es vermehrt Unfälle gibt mit dem Bipperlisi, ist für Schärer schwierig zu erklären. Er stellt fest, dass der Strassenverkehr zunimmt und Aufmerksamkeit bei Autofahrern tendenziell abnimmt. Kommt es zu einer Kollision, hänge dies oft damit zusammen, dass Blinklichter oder andere Signale nicht beachtet werden. «Grundsätzlich muss man davon ausgehen, dass eine Bahn verkehrt, wo eine Schiene ist», mahnt Schärer zur Vorsicht.

Oftmals sind Personen aus der Region in die Unfälle verwickelt. «Sie haben sich an die Verhältnisse auf der Strasse gewöhnt und sind sich den Gefahren oft nicht bewusst.» Ortsfremde dagegen sind aufmerksamer.

Ärgerlich sind die Unfälle für die Fahrgäste des Bipperlisis. Steht die Bahn still, müssen Ersatzbusse aufgeboten werden. Verspätungen können dann mehr als eine Stunde dauern. Folgende Übergänge sind für Autofahrer besonders gefährlich:

Solothurn: Zu den meisten Unfällen kommt es bei der Ausfahrt aus der Grimmengasse auf die Baselstrasse. «Die Stelle ist heikel, weil die Mauer des Bischofssitzes die Sicht versperrt», sagt Peter Fedeli, Kommandant der Stadtpolizei. Einzig ein Schild und ein Stoppsignal warnen dort vor dem anrollenden Zug. Keine Gefahr stellt der Baseltorkreisel dar. Dort stoppt eine Ampel den Autoverkehr.

Feldbrunnen: Dort kracht es fast immer bei der Einmündung von der Baselstrasse in die Frank Buchserstrasse. Vor den Geleisen stehen dort zwei Andreaskreuze. «Dieses Jahr gab es bereits vier Unfälle», sagt Gemeindepräsidentin Anita Panzer. Im Schnitt zähle man in Feldbrunnen pro Jahr drei Unfälle mit dem Bipperlisi.

Flumenthal: Gefährlich ist dort laut Gemeindepräsident Christoph Heiniger der Übergang von der Kirchgasse in die Baselstrasse. Dieser ist mit einer Lichtsignalanlage gesichert. Verwirrend ist, dass dort parallel zum Bahngleis eine weitere Strasse auf die Kreuzung zuführt. Daneben gibt es in Flumenthal vier weitere Auto-Übergänge. Davon ist aber nur einer mit einem Blinklicht gesichert.

«Kampf gegen Windmühlen»

Bleibt die Frage: Wie lässt sich die Sicherheit der Bahnlinie erhöhen? Eine, die vergeblich gegen das Bipperlisi zwischen Solothurn und Flumenthal gekämpft hat, ist Irene Froelicher. Die frühere FDP-Kantonsrätin ist heute Präsidentin der GLP Sektion Solothurn. Sie machte sich 2005 stark für einen Busbetrieb zwischen dem Hauptbahnhof und Flumenthal. «Wir haben innert wenigen Tagen 700 Unterschriften für einen Volksauftrag gesammelt», erinnert sich Froelicher. Doch von einem Busbetrieb wollte der Kantonsrat nichts wissen. Auch später setzte sich Froelicher für mehr Sicherheit entlang des «Lisi»-Trassees ein. Sie wollte über eine Verlegung der Bahn auf die andere Strassenseite oder gar eine teilweise Untertunnelung diskutieren. «Doch in Sachen Bipperlisi herrscht ein Denkverbot», sagt sie. Die Bahn verfüge über eine starke Lobby. Der Einsatz gegen das Bipperlisi auf Kantonsgebiet sei ein Kampf gegen Windmühlen.

Und so wird weiterhin viel Geld in den Ausbau der Regionalbahn gepumpt. Seit dem Fahrplanwechsel 2012 verkehrt das Bipperlisi auf einer neu gebauten Strecke zwischen Niederbipp und Oensingen. Kostenpunkt: 20 Millionen Franken. In Attiswil ist eine Doppelspur geplant. Und an der Baselstrasse in Solothurn soll das «Lisi» ein neues Trassee erhalten. Gesamtkosten: über 20 Millionen Franken. Dazu steuert Bundesbern gut 7 Millionen Franken bei.