«Unitre»
Darum ist die italienischsprachige Volkshochschule mehr als nur eine Schule

Die italienischsprachige Volkshochschule im Kanton feiert ihren Zehnten. Nebst Lernraum ist sie Integrationsstelle, Ort der Freundschaft und Konservierungsinstitution.

Raphael Karpf
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Gründungsmitglied Elsa Puddu und Präsident Massimo Romano.

Gründungsmitglied Elsa Puddu und Präsident Massimo Romano.

Hanspeter Bärtschi

Als provisorischen Aufenthalt: So verstanden viele Italienerinnen und Italiener der ersten Generation ihre Migration in den 60er- und 70er-Jahren in die Schweiz. Selbst beim Familiennachzug änderte sich daran nichts. «Irgendwann gehen wir wieder runter.»

Doch die Zeit verstrich. Man wurde ansässig, Kinder kamen zur Welt, Jahre der Arbeit verstrichen. Längst war man angekommen, so richtig integriert war man aber doch nicht. Wegen der Sprache zum Beispiel. Irgendwann stand die Pensionierung an, das gewohnte Umfeld fiel weg. Was tun mit der eigenen Zukunft?

«Dies war der Anstoss für die Unitre», berichtet Massimo Romano, der Präsident der italienischsprachigen Volkshochschule. Er selbst ist als Kind italienischer Immigranten aufgewachsen. Dass ihm das Thema am Herzen liegt, ist spürbar.

Elsa Puddu, Gründungsmitglied, erinnert sich: «An die 100 Leute haben sich im Saal eingefunden. Das grosse Interesse und die Begeisterung sind bis heute gleich geblieben.» Eine Begeisterung, die Puddu nach wie vor aufs Gesicht geschrieben ist. Die aber auch überlebensnotwendig ist. Wie jeder Verein lebt die «Unitre» von ehrenamtlicher Arbeit und dem Herzblut der Mitglieder. Weder winkt das grosse Geld noch Prestige. Trotzdem sind seit der Gründung ständig Kurse dazugekommen.

«Irgendwann mussten wir einen Grundsatzentscheid treffen», erklärt Romano. «Wie viel Professionalität braucht es? Und welche organisatorischen Kapazitäten haben wir überhaupt?» Man habe sich darauf geeinigt, zu konsolidieren. Seither bietet die «Unitre» im Schnitt 40 Kurse pro Jahr an, die Mitgliederzahlen sind konstant zwischen 70 und 80.

Herausforderungen stehen an

«Finanziell kommen wir gerade so über die Runden. Geld für Investitionen haben wir aber definitiv keines», so Romano. Der Verein arbeitet mit einem jährlichen Budget von 9000 Franken, welches durch Mitgliederbeiträge und Spenden zusammenkommt. Das gesamte Engagement, auf organisatorischer Seite vom Vorstand und auf pädagogischer Seite von den Dozenten, erfolgt ehrenamtlich.

Dabei ist gerade der Vorstand seit Jahren mit denselben Personen besetzt. Nachfolger zu finden, ist nur eine der anstehenden Herausforderungen. Denn auch das Engagement des italienischen Staates ging zurück. Vor zehn Jahren konnte man auf die Unterstützung der Zweigstelle des italienischen Konsulats am Bieltor in Solothurn zählen. Dieses gibt es aber mittlerweile nicht mehr.

Gleichzeitig gingen die Vereine mit einem italienischsprachigen Angebot zurück. «So sind wir immer mehr zu einem Gefäss für die italophile Gemeinschaft geworden», erklärt Romano. Diese Aufgabe erfüllt man momentan ohne festen Sitz. Die Räumlichkeiten, die man im Schulhaus Hermesbühl zur Verfügung gestellt bekommen hatte, wurden umgenutzt. Man sei auf der Suche nach einer anderen Lösung.

Mehr als nur eine Schule

123 verschiedene Dozenten haben im Verlauf der letzten zehn Jahren für die «Unitre» gelehrt. Das Angebot ist breit: von Fachkursen in Italienisch und Geografie bis hin zu Koch- und Gymnastikstunden. Dass die «Unitre» jedoch mehr als nur eine Schule ist, merkt man alleine schon den beiden an.

Mit sehr viel Engagement und Freude berichten sie von der Vergangenheit. Auch nach zehn Jahren ist die Motivation ungebrochen, trotz finanzieller Hürden, trotz grossem ehrenamtlichem Aufwand. Was macht die «Unitre» aus? «Sie ist offen für alle, die Interesse an der italienischen Sprache und Kultur haben. Ich kann etwas und bringe dies ein. Jemand anderes kann etwas anderes und bringt dies ein. Diese Vernetzungsidee ist, was mir so gut gefällt», bringt es Romano auf den Punkt.

Frauen einbinden

Wer ist eigentlich Mitglied im Verein? «Mehrheitlich Frauen», erklärt Puddu. Dies war besonders zu Beginn ein grosses Thema. Das Leben vieler Migrantinnen habe ausschliesslich aus Arbeit, Kindern und Haushalt bestanden. «Aus dieser Isolation wollten wir sie rausholen.» Daneben aber natürlich auch Männer, viele mit einem italienischen Migrationshintergrund. Nicht nur aus den Sechzigern und Siebzigern, sondern auch aus der jüngeren Vergangenheit. Personen, die in einer neuen Migrationswelle eingewandert sind. So kam es, dass auf einmal auch der Dialog zwischen den Generationen auf dem Programm stand. Weiter auch Schweizer und sogar in der Schweiz ansässige Ausländer, die nicht aus Italien stammen. Einziges Kriterium: Interesse an der italienischen Sprache und Kultur.

Ob es denn auch ein Bedürfnis sei, die eigene Vergangenheit und Kultur im Rahmen der «Unitre» am Leben zu halten? «Im Gegenteil. Tatsächlich habe ich mehr über die Schweiz gelernt als über Italien», meint Romano. Das Ziel sei schlichtweg, die italienische Sprache im deutschsprachigen Raum aufrechtzuerhalten. «Es gibt keine andere Institution, die dies tut. In diese Aufgabe sind wir quasi reingewachsen.»

Die öffentlichen Feierlichkeiten finden am Samstag, 10 Juni, ab 15 Uhr im Schulhaus Hermesbühl statt. Am Sonntag folgt, ebenfalls um 15 Uhr und ebenfalls im Hermesbühl, ein Theater. Der Eintritt ist frei.