Archivar
Dank ihm wird in Firmenarchiven «Plunder» zu Geschichte

Der frühere Oltner Stadtarchivar Peter Heim ist Leiter des Projekts Firmenarchive im Kanton Solothurn. Im Interview erzählt er von den Erfolgen und Misserfolgen bei seiner Arbeit.

Ueli Wild (Interview und BILDER)
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Der Oltner Stadtarchivar Marc Hofer im Stadtarchiv Olten, wo die meisten der bereits erschlossenen Solothurner Firmenarchive aufbewahrt werden.

Der Oltner Stadtarchivar Marc Hofer im Stadtarchiv Olten, wo die meisten der bereits erschlossenen Solothurner Firmenarchive aufbewahrt werden.

Wozu, Herr Heim, können Firmenarchive konkret genutzt werden?

Peter Heim betreut das ProjektFirmenarchive des HistorischenVereins des Kantons Solothurn.

Peter Heim betreut das ProjektFirmenarchive des HistorischenVereins des Kantons Solothurn.

Im Fall der Papierfabrik Biberist dagegen verfügen wir über die ganze einzigartige Papiermustersammlung mit allen Rezepturen zurück bis 1865. Firmenarchive enthalten natürlich auch viele Informationen zu finanzgeschichtlichen Fragen. Und die Unterlagen zu den Liegenschaften sind oftmals von siedlungsgeschichtlichem Interesse.

Wie sieht es punkto Zugänglichkeit der Archive aus?

Wenn wir ein Archiv übernehmen, wird ein Vertrag abgeschlossen. Normalerweise steht dort einfach, dass das Archiv dem Projekt Firmenarchive übergeben wird. Dann ist es öffentlich zugänglich. Natürlich im Rahmen der geltenden Datenschutzbestimmungen. Normalerweise gibt die Firma also ihre Geheimnisse preis. Wenn sie das nicht will – und da gibt es einzelne ganz seltene Beispiele –, überlässt uns die Firma das Archiv nicht als Geschenk, sondern als Depositum. Dann kann sie sich beispielsweise ausbedingen, dass sich die Benutzenden zuerst an sie wenden müssen.

Was kann der Sinn dieses Umwegs sein?

Das Problem sind oftmals die Akten aus den Kriegsjahren. Für die Kantonsgeschichte habe ich kürzlich die Verwaltungsratsprotokolle der Papierfabrik Biberist durchgeackert. Das ganze Management bestand, wie man weiss, aus Nazis. Davon finden wir keine Spur. Mit andern Worten: Die Firmenarchive werden «gereinigt», bevor sie zu uns kommen. Beim Lever-Archiv habe ich das selber erfahren: Zehn Jahre, bevor wir es bekamen, hatte ich es grob inventarisiert. Ich war einen Morgen lang dort oben im Estrich, habe die Kästen durchgeschaut und mir notiert, was alles vorhanden war. Dabei bin ich auf ein Dossier «Geschäfte mit den besetzten Gebieten» gestossen. Selbstredend ist dieses Dossier nicht mehr vorhanden.

Das ist ein wenig desillusionierend ...

Ja, aber das Wichtigste ist, dass man die Materialien hat. Wir schreiben unsere Geschichte mit dem, was uns die Leute übrig lassen. Die «Säuberungen» spiegeln die Befürchtungen, welche die Firmen hegen. Das ist auch das Hauptproblem bei unserem wichtigsten Kandidaten, bei dem wir seit 15 Jahren wie die Katze vor dem Mausloch sitzen: Bally. Wir kommen einfach nicht an dieses Archiv ran.

Manchmal braucht es, wie Sie andeuten, Nacht-und-Nebel-Aktionen, um Archivalien vor der Vernichtung zu retten.

Zwei Tage, bevor das alte Direktionsgebäude der Giroud-Olma abgerissen wurde, erhielt ich einen Tipp. Im Estrich fand ich noch Regale mit den ältesten Beständen. Ich packte das Ganze in ein paar herumliegende Kisten. Doch ein Mitarbeiter hatte mich beobachtet und drohte mir mit der Polizei. Ich musste alles zurückbringen. Zusammen mit Edi Fischer wurde ich anderntags vom Geschäftsführer einer Nachfolgefirma der Giroud-Olma empfangen. Der sagte, er habe da noch Dinge – da komme uns das Augenwasser. Dann holte er aus irgendeinem Büro die alten Arbeiterverzeichnisse hervor. Da ist uns wirklich das Augenwasser gekommen. Wir sagten: «Das können Sie nicht wegwerfen!» Das war der Anfang dieses Projekts. Werner Jung, der Senior-Chef, hörte von dieser Geschichte und zitierte mich auf sein Büro. Zusammen mit Andreas Steigmeier von der Firma Docuteam habe ich ihm alles erklärt. Gut, sagte Jung, das Zeug, das noch vorhanden sei, sollten wir mal erschliessen. Steigmeier hat das getan. Dann haben wir das Material angeliefert. «Was mache ich jetzt mit dem ganzen Plunder», fragte Jung. Er hat uns den «Plunder» dann geschenkt.

Welches sind die bedeutendsten Lücken, die noch behoben werden sollten?

Bally natürlich, dann die UMS (die Schweizerische Metallwerke AG in Dornach), die Wasserämter Textilindustrie; bei der Spinnerei Emmenhof war ich schon mal ganz nahe dran. Es gibt schon noch ein paar Firmen. So schnell geht die Arbeit nicht aus. Als Nächstes eingefädelt ist Attisholz.

Aber das Projekt scheint mit viel Aufwand verbunden zu sein.

Meistens ist es ja nicht so, dass die Firmen Geheimnisse der Öffentlichkeit vorenthalten wollen. Aber sie wissen nicht, was sie besitzen. Für sie ist dieses alte Zeug zweitrangig. Allenfalls eine «Müsterli»-Sammlung für eine Festschrift. Wir versuchen jeweils klarzumachen, dass das Quellen sind, mit denen wir die Geschichte rekonstruieren möchten. Häufig muss ich fünf, sechs Jahre «pickeln». Vielfach heisst es zuerst: «Wir haben nichts mehr.» Dann gehen die Leute hin, schauen nach und merken, dass vieles noch da ist.

Für Sie ist das Projekt also ein Erfolg?

Zum Teil. Bally ist ein Misserfolg. Das Archiv existiert, aber es ist nicht erschlossen. Das schreckt die Studierenden ab. Von Roll ist eine Tragödie, Biberist ein Erfolg. Über Lever wurde bei Jakob Tanner eine Lizenziatsarbeit geschrieben ...

Damit sind wir bei der Frage nach der Nutzung der Solothurner Firmenarchive?

Da bin ich abgrundtief enttäuscht. Der Einzige, der sie bis jetzt für die Kantonsgeschichte benutzt hat, bin ich, und ich bin nicht Wirtschaftshistoriker. Der Kanton will jetzt eben eine Kantonsgeschichte. Ich hätte es lieber gesehen, wenn man, wie der Kanton Baselland, mit den Universitäten zusammen erst einmal geholfen hätte, ein paar Projekte zu finanzieren.

Einige Eckpfeiler durch Studenten bearbeiten zu lassen, wäre vielleicht gar nicht so teuer gekommen wie die Kantonsgeschichte jetzt. Deren Projektleiter, André Schluchter, sagte mir, mit meiner Meinung kämen wir bei der Regierung nie durch. Die wolle Produkte sehen. Jetzt schreiben wir halt die Kantonsgeschichte aufgrund der gedruckten Materialien. Sie wird mehr Fragen aufwerfen, als sie beantwortet – vor allem Band 5. Da weiss ich jetzt schon, wie es Kritik hageln wird.

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