Die Bilder im Fernsehen sind irgendwie weit weg», erklärt der Grenchner Erwin Egli. «Aber in der realen Begegnung mit den Menschen wird man mit Tatsachen konfrontiert, an die man eigentlich nicht denkt, wenn es einem so gut geht wie mir.» Egli begleitete als «Co-Pilot» während eines Jahres einen 20-jährigen eritreischen Flüchtling; ein Projekt, das die Caritas Solothurn im Auftrag des Kantons durchführt.

Eine andere Co-Pilotin, Elsi Müller aus Solothurn, betreut eine vierköpfige afghanische Familie. Im Büro der Caritas beim Hauptbahnhof in Solothurn erzählen die beiden ausführlich von diesem intensiven ersten Jahr. Sie halfen mit grossem Engagement, dass ihre «Piloten» nach Rückschlägen beruflich Fuss fassen können.

Eglis 20-jähriger «Pilot» absolviert nun ein Berufswahlvorbereitungsjahr und macht parallel zur Schule ein Praktikum bei einem Velomechaniker. Müllers 30-Jähriger konnte eine dreijährige Lehre in einem renommierten Solothurner Gastrobetrieb antreten, während seine Ehefrau einen Intensiv-Deutschkurs besucht und bald eine Ausbildung als Spielgruppenleiterin beginnt. Während die «Co-Piloten» von diesem ereignisreichen Jahr erzählen, spürt man ihre grosse Anteilnahme. Oft scheint es, als ob sie mit ihren Schützlingen mitfieberten wie mit eigenen Kindern.

«Zweck des Projekts ist die soziale Integration der Flüchtlinge», erläutert Caritas-Mitarbeiterin und Projekt-Leiterin Annette Lüthi. «Es nahm seinen Anfang in der Flüchtlingswelle im Herbst 2015. Da meldeten sich sehr viele Freiwillige beim Kanton.» Dieser sei auf die Caritas zugekommen – und so habe Caritas das Projekt innerhalb sehr kurzer Zeit auf die Beine gestellt. «Bereits im November 2016 fand der erste Kontakt zwischen den Flüchtlingen und den Freiwilligen statt.» Offiziell begann es im August desselben Jahres. Weitere zwei Gruppen starteten im März und August 2017.

Müller und Egli gehören zur ersten Gruppe, die nun ihr Jahr abgeschlossen hat. Zwei- bis viermal pro Monat treffen sich die Freiwilligen mit ihren Flüchtlingen. Caritas organisierte Einführungsveranstaltungen, Weiterbildungen und Vernetzungstreffen der «Co-Piloten».

Obwohl die Begleitung durch Caritas nur für ein Jahr vorgesehen ist, haben alle aus der ersten Gruppe entschieden, nun auch ohne Caritas fortzufahren. «Das ist wunderschön», sagt die Sozialarbeiterin Lüthi gerührt, «ich habe Hühnerhaut bekommen, als sie das am Abschlussabend mitteilten.»

Sowohl Müller als auch Egli wollen den Flüchtlingen eine «Starthilfe» geben und ihnen zur Selbstständigkeit verhelfen. «Die staatlichen Behörden haben entschieden, dass diese Menschen zumindest vorläufig hierbleiben können, vielleicht für immer. Also schauen wir, dass es ihnen gut geht und dass sie selbstständig werden», findet Müller. Egli nennt nebst der direkten Hilfe noch einen anderen Aspekt für seine Motivation: «Wenn ich dem jungen Mann helfe, dass er einen Beruf erlernen, ausüben und auf eigenen Beinen stehen kann, dann ist das eine Entlastung für unser gemeinschaftliches Budget.»

Beide «Co-Piloten» sind pensioniert, jedoch vielerorts engagiert. Beide hatten einen erfüllten Job. Die 69-jährige Müller war im Management eines grossen Gesundheitsbetriebs tätig, der 66-jährige Egli war unter anderem Lehrer und Schuldirektor. Ihre reichhaltige Erfahrung, auch als Eltern, hilft ihnen. «Nach einer tollen Berufslaufbahn kann ich nun meine Ressourcen und Kontakte weiterhin einsetzen», sagt Müller erfreut. Sie habe auch Bücher über Afghanistan gelesen. «Damit ich nachvollziehen kann, was es jetzt hier braucht.»

Es gibt auch Schwierigkeiten

Auf «nachhaltige Integration» legen Müller und Egli Wert. Das ist oft schwierig. So ringt Egli mit seinem Eritreer darum, dass dieser seine Ausbildung nicht hinwirft und nur temporär jobbt. «Er möchte zu Geld kommen. Und zwar nicht erst in einem Jahr, sondern jetzt. Schnell und viel», sagt Egli nachdenklich, «auch möchte er seine Familie in der Heimat unterstützen.»

Via Freunde habe er erlebt, wie andere bei einem Temporärbüro arbeiteten. Und in Afrika habe er gehört, dass man in der Schweiz 5000 Franken verdiene. «Ich versuche, meine Botschaft anzubringen, dass er sich hocharbeiten müsse. Manchmal gelingt es, doch dann verdrängt er es wieder. Ich stosse da auf taube Ohren. Das ist bittere Wahrheit, damit muss ich leben.»

Auch Müller kennt solche Momente, wo ihre Schützlinge zweifelten: «Manchmal muss man mit ihnen auch durch ein Nadelöhr hindurchgehen.» Da wird die Stärke des Projekts deutlich. So intensiv können die Behörden die Flüchtlinge nicht begleiten. Und die Migranten erhalten in den regelmässigen, aber punktuellen Treffen direkten Einblick in den Schweizer Alltag, ohne gleich bei einer Gastfamilie zu leben.

«Das sind andere Rollenmuster»

Zum Beispiel dies: Einmal kochte Egli bei sich zu Hause, was den Eritreer beeindruckt habe, denn kochende Männer gebe es in seiner Kultur nicht. «Das sind andere Rollenmuster. Ich hatte das Gefühl, es tue ihm gut, das auch zu sehen. Denn es gehört ebenso zu einem Integrationsprozess.» Kulturaustausch erlebte Müller ebenso. Für ihre Afghanin habe es beispielsweise Mut gebraucht, ohne männliche Begleitung auf die Strasse zu gehen. «Sie findet Halt in ihren von Mohammed vorgegebenen Schriften, von der Ernährung und der Kleidung her.» Ganz behutsam gab sie ihr einen Input: «Ich sagte, du hast so schönes Haar, wieso gehst du nicht ohne Kopftuch hinaus?» Allerdings habe sie ihr auch gesagt, dass sie ihre hübsch assortierten Kopftücher sehr adrett finde.

Die beiden «Co-Piloten» sind auch sonst karitativ tätig. Kritik aus dem Bekanntenkreis an ihrem Engagement gebe es kaum. Familie und Freunde stünden hinter ihnen. «Es ist eine Bereicherung mit vielen schönen Erlebnissen», sagt Egli, «wir erhalten auch etwas zurück in einem ideellen Sinn. Es ist eine Öffnung, unsere Mentalität wird breiter.» Sowohl Egli als auch Müller waren selber längere Zeit im Ausland und konnten eine gute Aufnahme erfahren, das möchten sie auch andern ermöglichen. Die Flüchtlinge seien sehr dankbar. Das wird auch in der Evaluation der ersten «Piloten»-Gruppe durch die Caritas deutlich. Alle 12 an der Befragung anwesenden «Piloten» oder «Piloten-Familien» fanden das Projekt gemäss der Organisation «sehr hilfreich», alle würden es weiterempfehlen. Alle äusserten, dass sie beim Projekt nichts vermisst haben.

Am hilfreichsten fanden die Flüchtlinge die Unterstützung der «Co-Piloten» in den Bereichen Deutsch, Freizeit, Schule und Familie. Lüthi bemerkt, dass durch das Projekt die Integration gefördert worden sei. «Natürlich geht es nicht bei allen gleich schnell vorwärts», sagt sie. «Bei einem 50-jährigen Analphabeten kommt man nicht gleich weit. Aber auch schon das blosse Dasein der ‹Co-Piloten› ist eine grosse Hilfe.»