Behinderung und Arbeit
Daniel Herzig will für die Gesellschaft etwas leisten

Mit dem Schreiben von Science-Fiction-Storys erarbeitet sich Daniel Herzig ein Stück Freiheit und bessert sein Taschengeld auf. Ein Blick in sein Leben.

Elisabeth Seifert
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Daniel Herzig in seiner Wohnung: «Oft bin ich so in die Arbeit vertieft, dass ich alles um mich herum vergesse.»

Daniel Herzig in seiner Wohnung: «Oft bin ich so in die Arbeit vertieft, dass ich alles um mich herum vergesse.»

Hanspeter Bärtschi

«Sandro Werhoff sass in seinem Elektro-Rollstuhl an seinem Schreibpult am Computer in seinem Zimmer und schrieb an einer neuen Science-Fiction-Story. Im Hintergrund lief als Inspiration die neue CD von Peter Maffay. Die Story hiess: «Tödliche Kontrolle»: Ganz weit draussen im All patrouillierten mehrere Raumschiffe der vereinten Allianz, denn seit dem Zwischenfall mit dem Volk der Trenaden sah die Welt der vereinten Allianz nicht mehr so sicher aus ...»

Mit diesen Sätzen beginnt Daniel Herzig eine seiner jüngsten Geschichten, 34 dicht beschriebene A4-Seiten. In der Figur Sandro Werhoff steckt ein wenig auch er selber. Die Rahmengeschichte, in welche er die fantastischen Geschehnisse im All verpackt, spiegelt sein reales Leben. Ähnlich wie der fiktive Roman-Autor sitzt auch Daniel Herzig, ebenfalls ein bekennender Peter-Maffay-Fan, seit seiner Geburt im Rollstuhl – und verbringt viele Stunden pro Tag an seinem Laptop. Ein eigens für ihn eingerichtetes Gerät, das sich mit nur einem Finger bedienen lässt.

Serie: Schwer behindert

Menschen mit einer Behinderung sind ein Teil der Gesellschaft. Und doch nehmen wir diese häufig nicht als Akteure wahr, die ihre Bedürfnisse äussern. Daniel Herzig, 43, der seit seiner Geburt mit einer cerebralen Bewegungsstörung lebt, gibt Einblick in seine Hoffnungen und Sorgen – und benennt seine Wünsche an die Gesellschaft. Wir begleiten ihn über mehrere Monate hinweg. Zu Worte kommen jeweils auch Expertinnen und Experten. Bereits erschienen: «Stolz auf die eigene Wohnung» (26. Juli); «Sex darf kein Tabuthema sein» (24. Oktober). (esf)

Während Sandro Werhoff gerade mal 16 Jahre zählt und zu Hause wohnt, ist Daniel Herzig 43, lebt und schreibt in seiner eigenen Wohnung in Gerlafingen – oder gleich um die Ecke in der Tagesstätte von Pro Infirmis, die für ihn so etwas wie sein Schreibatelier geworden ist (siehe Text unten). Beide, Sandro Werhoff und Daniel Herzig, verstehen sich als Schriftsteller. Und sie träumen, wie alle Schriftsteller, vom grossen Erfolg.

Die «Tödliche Kontrolle» handelt davon, wie Captain Taylor Sammer seinen Auftrag, die Trenaden zu bekämpfen, für einen privaten Rachefeldzug nutzt. Eigentlich sollte er die Mutanten auf dem Planeten Zorag 6 darum bitten, der vereinten Allianz in ihrem Kampf gegen das kriegerische Trenadenvolk beizustehen. Stattdessen aber plant der abtrünnige Captain, die Mutanten dafür zu bestrafen, dass einige von ihnen vor vielen Jahren seine Eltern ermordet haben. Szene reiht sich an Szene, die sukzessive deutlich werden lassen, wer hinter der Aggression der Trenaden steckt. Die verwickelte Geschichte ist gespickt mit ideenreich gestalteten Begebenheiten. Zum Beispiel als Albert Duke Harris, Anführer einer weiteren Gesandtschaft der vereinten Allianz, Mutanten-Führer Chris Sallers schliesslich erfolgreich um Hilfe bittet:

«Chris Sallers: «Wir helfen Euch im Kampf gegen die Trenaden, aber zuerst werden James Xanox und Ramolin Zargas geistige Verbindung mit Euch aufnehmen, damit wir die Kraft der geistigen Schaltkreise verstärken können.» Albert Duke Harris: «Wie müssen wir uns das vorstellen?» Chris Sallers: «Die ganze Crew wird von Zargas und Xanox in eine Art Hypnose versetzt und die ganze Zeit von uns mental so unterstützt, dass sie dieselben Fähigkeiten erlernt wie wir.»

Rund zwei Jahre lang arbeitete Daniel Herzig an dieser «Story». Gegen 20 solcher Geschichten hat er bisher verfasst, alle zwischen 20 und 50 Seiten lang. Begonnen hat er damit, als er Mitte der 90er-Jahre seine Arbeit in einer geschützten Werkstätte verloren hatte - und damit ohne Verdienst dastand. «Ich musste etwas machen, damit Geld reinkommt», sagt Daniel Herzig, stolz und auch etwas trotzig. Es ärgert ihn, wenn jemand das Schreiben seiner Geschichten einfach als Hobby abtut. Das Texten ist für ihn nämlich bedeutend mehr als ein spannender Zeitvertreib, sondern Arbeit, mit der er auch etwas Geld verdienen kann. «Ich leiste etwas für die Gesellschaft und bekomme etwas dafür.» Er weiss, dass er für seinen Lebensunterhalt auf die IV und die Ergänzungsleistungen angewiesen ist. Der Erlös aus seinen eigenen extraterrestrischen Abenteuern, die er auf den Strassen in Solothurn und Olten vertreibt, vermittelt ihm aber etwas finanziellen Spielraum. «Mit dem Geld mache ich dann, was ich will». Am liebsten kauft er sich dafür Bücher und DVDs. Und sein geheimer Wunsch: Jemanden zu finden, der die Geschichten professionell herausgibt – und ihm damit noch etwas mehr finanzielle Freiheit ermöglicht.

Ein produktives Leben trotz grosser Einschränkung

Seit 2006 besucht Daniel Herzig die Tagesstätte Gerlafingen. Dort wird er beim Schreiben seiner Geschichten begleitet. 1985 ist die Institution gegründet worden und steht seit 1995 unter der Leitung der Behindertenorganisation Pro Infirmis. «Wir unterstützten die Personen, die bei uns beschäftigt werden, entsprechend ihren Neigungen und Fähigkeiten», sagt Tagesstätten-Leiter Daniel Reinhart. «Wichtig ist für uns, dass alle in irgendeiner Form tätig sein können und über eine Tagesstruktur verfügen.» Ihnen steht eine breite Palette von Beschäftigungsmöglichkeiten zur Verfügung. Die Tagesstätte bietet 16 Beschäftigungsplätze an, betreut werden derzeit insgesamt 33 Personen pro Woche. Die Tagesstätte ist nicht zu verwechseln mit einer «geschützten Werkstatt», wo Menschen mit einer Behinderung im Auftrag von Firmen bestimmte Produkte herstellen – und dafür auch einen Lohn erhalten. Aufgrund des Behinderungsgrades der Teilnehmenden sei eine Wiedereingliederung ins Erwerbsleben in den meisten Fällen ausgeschlossen, hält Reinhart fest. Im Unterschied zu anderen Tagesstätten in der Region für Menschen mit einer geistigen und/oder psychischen Behinderung richtet sich die Institution der Pro Infirmis an Menschen mit bleibenden körperlichen und auch psychischen Beeinträchtigungen als Folge eines Geburtsgebrechens, eines Unfalls oder einer Krankheit. Zur Klientel der Tagesstätte gehören etwa Menschen, die aufgrund einer Hirnverletzung halbseitig gelähmt sind oder sprachliche Einschränken haben oder auch Personen, die von Geburt an schwerst körperlich behindert sind. Die Tagesstätte Gerlafingen sei dabei die einzige Institution im Kanton, die sich an diese Menschen richtet, so Reinhart. Sie ist voll belegt, es besteht eine Warteliste. (esf)

Dass er sich sein Taschengeld gerade auf diese Weise aufbessert, kommt nicht von ungefähr. «Seit meiner Kindheit bin ich süchtig nach Science-Fiction.» Lange bevor er angefangen hat, eigene Storys zu erfinden, hat er einschlägige Bücher und Filme verschlungen – und sich ein eindrückliches Wissen über die fiktive Welt im All angeeignet. Schon als Dreikäsehoch sass er gemeinsam mit seinem älteren Bruder gebannt vor dem Fernseher, als die ersten Abenteuer des Raumschiffs Enterprise über den Bildschirm flimmerten.

Die Bibliothek in seinem Wohnzimmer in Gerlafingen ist beredtes Zeugnis einer Jahrzehnte dauernden Leidenschaft. Stolz präsentiert er seinen Besuchern etwa seine eindrückliche Sammlung an Perry-Rhodan-Bänden, der grössten Science-Fiction-Serie, die es je gegeben hat. Zur Lieblingslektüre von Bücherwurm Daniel Herzig gehören neben Science-Fiction aber auch Krimis. Selbst Kriminalromane zu schreiben, kommt für ihn aber nicht infrage. «Hier gibt es mir zu viele Vorgaben, die man einhalten muss, bei Science-Fiction-Abenteuern hingegen ist man völlig frei», sagt er fein lächelnd. Besonders wertvoll sind diese Gestaltungsmöglichkeiten in der Welt der Schwerelosigkeit gerade für ihn, dem aufgrund seiner schweren körperlichen Behinderung nur wenig Handlungsspielraum bleibt.

«Die Wendram 5 wurde immer schneller und schneller von der Planetengravitation angezogen und auch die letzte Hoffnung von Tonar, die Zündungen der Schubdüsen, brachte nichts mehr.»

Während sich Daniel Herzig zu Beginn seiner Laufbahn als Autor auf die Nachzeichnung bekannter Geschichten und Figuren beschränkte, tragen seine Storys bereits seit vielen Jahren eine eigene Handschrift. Als Inspirationsquellen dienen ihm neben «Science-Fiction»- oder «Fantasy»-Romanen insbesondere die Bücher von Stephen King. «Wenn ich ein Buch lese und mich dieses wirklich packen kann, dann fange ich noch während dem Lesen an, meine eigene Handlung zu entwickeln», gibt Daniel Herzig Einblick in die Entstehung seiner Geschichten.

Vorbild ist Stephen King aufgrund seiner Schreibwut und der Fülle an Ideen. «Der hat so viele Geschichten in seinem Kopf, die einfach raus müssen», kann Daniel Herzig seine Bewunderung für den populären US-amerikanischen Schriftsteller nicht verhehlen – und fügt zufrieden bei: «Es geht mir oft genau gleich.» In solchen kreativen Momenten klappt er den Laptop auf und hält seine Einfälle fest. Mit besonderer Sorgfalt widmet er sich dem Beginn einer Story. Das Grundkonzept muss sitzen, damit sich eine sinnvolle Handlung entwickeln lässt. «Bis ich dieses so weit habe, bleibe ich immer während mehrerer Stunden intensiv dran.» Und dann beginnt die Detailarbeit, am Erzählstrang, an den einzelnen Charakteren. «Ab und zu kommt es vor, dass ich mit einer Idee nicht vorwärtskomme, dann landet die Geschichte im Papierkorb.» Meistens aber findet sich ein Weg. «Oft bin ich so in die Arbeit vertieft, dass ich alles um mich herum vergesse.»

Während Sandro Werhoff beim Texten von seiner Lehrerin unterstützt wird, steht Daniel Herzig der Leiter der Tagesstätte in Gerlafingen, Daniel Reinhart, als Coach zur Seite.

«Sandro war gerade mit seiner Story fertig und schickte sie per E-Mail an Frau Danusas: Ich hätte eine Bitte an Sie, nämlich die Korrektur meiner neuen Science-Fiction-Story «Tödliche Kontrolle» vorzunehmen.»

Sobald der Text dann korrigiert vorliegt, wird er mehrfach kopiert und in Schnellheftern abgelegt – bereit für den Verkauf.