Das also ist der Mann, der den König der Schweiz zum Weinen brachte: Dagobert Cahannes. Als Festspeaker des «Eidgenössischen» interviewte Cahannes den neuen Schwingerkönig Matthias Sempach – doch mitten im Siegerinterview brach der plötzlich in Tränen aus.

Anders als die Tausenden Festbesucher, bekamen die TV-Zuschauer die näheren Umstände nicht mit. Grund genug, dass wir am Tag danach vom Platzspeaker wissen wollen, was er den «Bösesten» der «Bösen» denn eigentlich gefragt habe.

«Los use!»

Cahannes, in seinem Brotjob Medienbeauftragter des Solothurner Regierungsrates, verrät bei einem Kaffee zu Füssen der St. Ursen-Kathedrale, dass gar nicht seine Frage zum emotionalen Dammbruch geführt habe: «Es war mitten im Interview; Matthias Sempach erklärte gerade, dass für ihn ein alter Bubentraum in Erfüllung gegangen sei.

Plötzlich ertönten aus der Ferne Böllerschüsse, die man zu seinen Ehren wohl in Alchenstorf abgefeuert hat. In diesem Moment wich die Anspannung der letzten Zeit und die ganzen Emotionen kamen hoch.» Väterlich und beruhigend legte Cahannes dem Schwingerkönig die Hand auf die Schulter, wie unser Bild zeigt. «Chum, Mättu, los use!», habe er zu ihm gesagt, erinnert sich Cahannes. Und der König liess es raus.

Die Tränen-Bilder gingen zu Herzen – im Stadion wie in unzähligen Stuben im ganzen Schweizerland. «Das sind Emotionen pur. Das ganze Fest bestand daraus. «Es gibt in kaum einem anderen Sport so viele Emotionen wie beim Schwingen», ist Cahannes überzeugt.

In welcher anderen Sportart strahlen sich der Sieger und der Gebodigte unmittelbar nach der Entscheidung an; umarmen sich und küsst der Zweite den Ersten herzhaft auf die Stirne? «Sensationell, einfach sensationell», wertet Cahannes diese Gesten des fairen unterlegenen Christian Stucki.

«Sittliche Reife»

In einem solchen Moment habe man als Platzspeaker eine grosse Verantwortung. Fingerspitzengefühl, der richtige Ton und das richtige Wort seien dann gefragt. Sowie viel Erfahrung. Und solche hat der 63-jährige Cahannes während Jahren in reichem Masse sammeln können: als früherer TV-Sportreporter und -moderator sowie als routinierter Platzspeaker, etwa bei internationalen Reitsportveranstaltungen, beim Lauberhornskirennen oder eben bei den grossen Schwingfesten.

«Ein Speaker muss über eine gewisse sittliche Reife verfügen», bringt es Cahannes selber auf den Punkt. Dazu gehört, dass er sich vorgängig intensiv auf seine Einsätze vorbereitet, dass er während der Anlässe kaum einen Tropfen Alkohol anrührt und dass er abends zeitig zu Bett geht, damit er am nächsten Tag für den Job topfit ist: «Das ist man den Sportlern und dem Publikum einfach schuldig.»

In Burgdorf forderte Cahannes aber nötigenfalls auch vom Publikum Fairness ein: Mitunter unzufrieden pfeifende Zuschauer brachte er jeweils schnell mit einem verbalen «Kurzen» zum Verstummen.

Platzspeaker ist sein Hobby

Bis Sonntag spät war er noch auf dem Schwingplatz in Burgdorf, am Montagmorgen sass er schon wieder in seinem Büro im Solothurner Rathaus. Wie schafft Cahannes das? – Er, der sich in der letzten Zeit mehreren Operationen hatte unterziehen müssen und von einer schmerzhaften Arthritis geplagt wird?

«Wär ma feschte, cha ou schaffe», lautet seine Antwort kurz und bündig. Allerdings trete er bezüglich der nebenberuflichen Aktivitäten inzwischen erheblich kürzer. Ganz lassen mag die Katze das Mausen allerdings auch in Zukunft nicht. Umgekehrt will er es aber auch nicht zur Hauptbeschäftigung machen. Cahannes: «Es ist und bleibt ein schönes Hobby.»

Zwischen dem Hobby und dem Brotberuf als Medienbeauftragter der Kantonsregierung gibt es eh durchaus Parallelen: In beiden hat es Cahannes – wenn nicht gerade mit einem König wie im Schwingsport – so doch immerhin mit «grossen Tieren» zu tun.

Tipps für den König

Als «heimlichen sechsten Regierungsrat» sieht sich der Grenchner aber beileibe nicht: «Ich sitze neben, nicht am Regierungstisch und weiss genau, welche Rolle ich habe.» Es sei ein «Privileg, die Regierung in Sachen Öffentlichkeitsarbeit zu beraten» – ob sie seine Tipps berücksichtigen, sei den einzelnen Regierungsräten überlassen.

Immerhin: Mit seinen Ratschlägen kann man offenbar sogar König werden: Vor einem halben Jahr hatte Matthias Sempach den ihm freundschaftlich verbundenen Cahannes um ein paar Tipps im Umgang mit den Medien gebeten. Tipps, von denen «Mättu» künftig wohl erst recht noch öfters wird zehren können…

Regelmässige Rubrik mit Menschen aus dem Kanton Solothurn.