Uhrenbranche

«Es braucht eine Portion Verrücktheit»: Solothurner stampfen neue Uhrenmarke aus dem Boden

Als Quereinsteiger in den kriselnden Uhrenmarkt einzusteigen, ist Wahnsinn. Zwei Solothurner haben mit «UNE» genau das gemacht.

Spinnt ihr? Das werden Frédéric Bürgi und Marc Frehner selbst von Freunden immer wieder gefragt. Sie lachen, wenn sie davon erzählen. «Wir haben uns entschieden, ins Uhrengeschäft einzusteigen, und das just in dem Moment, in dem die Branche in die Krise stürzte. Das ist schon verrückt», sagt Frehner und grinst. Vor allem, wenn man das als Quereinsteiger macht. Denn gelernt haben die beiden Industriedesign, nicht die Uhrmacherei. Was die wohl geritten hat?

UNE (französisch ausgesprochen) entstand aus einem Zufall heraus. Bürgi erfuhr 2013 durch einen Bekannten, dass in der Innerschweiz eine Uhrenmanufaktur zum Verkauf stünde. «Wir haben schon immer Dinge gemacht, von denen wir anfänglich keine Ahnung hatten. Diese Manufaktur reizte uns», sagt er. Er, mit 40 Jahren der Jüngere der beiden, hat beispielsweise schon ein Akrobatikflugzeug für einen Red-Bull-Piloten entwickelt. Frehner war einer der Köpfe hinter dem Schweizer Elektroauto-Projekt Cree. Der 53-jährige Wahl-Solothurner mit Basler Wurzeln sagt: «Wenn du neue Dinge anpackst, merkst du schnell, dass niemand eine Ahnung hat. Also fragst du nach, häufst schnell viel Halbwissen an und knüpfst Kontakte zu etlichen Experten.»

So auch bei der Uhrenmanufaktur. Sie spielen mit dem Gedanken, die Firma zu übernehmen, beginnen zu recherchieren. Wie funktioniert der Markt? Wohin entwickelt er sich? Welche Chancen bieten sich? Ihr Schluss: Die Firma ist keinen Franken mehr wert als Gebäude und Lager. Entsprechend ihr Angebot. Die Manufaktur wird ihnen von einem chinesischen Investor vor der Nase weggekauft. «Das war ein Glücksfall», sagt Bürgi. Denn: Warum etwas Altes kaufen, wenn man selbst etwas Neues aufbauen kann?

Sie wollten ein Zifferblatt aus Stein, das merkten sie schnell. So weit nichts besonderes, oft werden Steine in Uhren und Schmuck verarbeitet. Aber, so Frehner: «Wir wollten nicht irgendwelche Steine, sondern Steine mit einer Geschichte, Steine von bestimmten Orten.»

Also beginnen sie, zu experimentieren. Im Keller von Bürgis Vater in Solothurn. Sie leihen sich Werkzeuge aus, Maschinen, entwickeln selbst, was sie nicht finden. «Man kommt automatisch an Grenzen, wenn man Neuland betritt», sagt Frehner. Sie schlagen sich die Nächte mit Schleifen und Wein um die Ohren. Bis es funktioniert mit diesen Zifferblättern, bis der Prozess standardisiert ist.

Die neuste Kollektion kostet ab 5200 Franken aufwärts

Der erste Auftrag folgt kurz darauf. 1000 Uhren für die Jungfraubahnen aus Gestein vom Joch. Einen Teil der Serie fertigen sie aus einem Stein aus der Karsthöhle direkt neben der Forschungsstation. Wegen der vielen Touristen steigen sie erst beim Eindunkeln in die Höhle. Mit Stirnlampe robben sie durch den Dreck, suchen und suchen. Aber die feine Schwarz-Weiss-Maserung, die ihnen vorschwebt, finden sie nirgends. Nach Stunden geben sie auf, kehren um – und finden kurz vor dem Ausgang das Objekt der Begierde. Sie bohren, schleifen und bauen die steinernen Zifferblätter in Quarzuhren ein. 650 Franken kostet das Stück.

In den vergangenen Jahren haben Bürgi und Frehner ihre Techniken verfeinert. Noch immer schleifen sie ihre Zifferblätter selbst. Noch immer ziehen sie selbst los und suchen Steine dafür. Aber längst nicht mehr alle. Zu wenig Zeit, zu gut läuft das Geschäft. Ihr Kapital, ihre Steine, stapeln sich in den Schränken der Werkstatt. Grindelwaldner Pyrith neben Lapislazuli aus Afghanistan, ja, selbst ein Bruchstück aus dem Säureturm der ehemaligen Zellulosefabrik ist in ihrer Sammlung.

Ihre Uhren haben sich mit ihnen entwickelt. Der Trend ist eindeutig: Der Individualisierungsgrad steigt – und mit ihm die Preise. «Heute kann man mit einem eigenen Stein zu uns kommen und wir machen daraus eine Uhr», erklärt Bürgi. Darüber hinaus hat man die Wahl zwischen unterschiedlichen ultrahartbeschichteten Gehäusen sowie verschiedenen Armbändern. Dafür blättert der Kunde 5200 Franken oder mehr hin.

Guerillamarketing statt teurer Ausstellungsplätze

Zahlen über Verkäufe oder Umsatz geben die beiden Unternehmer keine preis. Belege für den Erfolg gibt es freilich trotzdem; seit anderthalb Jahren haben sie andere Projekte und Mandate niedergelegt, konzentrieren sich voll auf ihr neues Business. Was im Keller zu zweit angefangen hat, ist jetzt in sechs Räumen inklusive Tresor-Store (Showroom) im Attisholz untergebracht. An einem Ort, an dem Neues entsteht und noch mehr entstehen soll. Sie zählen mit Matthäus Friedli nicht nur einen Uhrmacher, sondern auch einen Informatiker und eine Grafikerin zu ihrem Team.

Das ist beachtlich, denn das Uhrengeschäft ist hart umkämpft, mit zahlreichen finanziell sehr potenten Konkurrenten. Um an die besten Plätze in den etablierten Uhrengeschäften zu kommen, werden beispielsweise hohe Summen bezahlt. «Der reinste Abnützungskrieg», sagt Frehner (siehe dazu auch Box). Ohne den Hauch einer Chance für Newcomer, gehen sie nicht eigene Wege.

Sie fanden ihren Weg 2015 während der Baselworld. Auf dem Balkon von Frehners Schwester am Wettstein-Platz in Basel mixten sie Cocktails, lockten die Leute an. Guerillamarketing im Uhrengeschäft. Das war ihr Weg, Events. Weitere sind seither dazu gekommen. In Zermatt oder Zürich. Der letzte Ende 2019 im Attisholz. Erstmals ergriffen sie bei dieser Gelegenheit das Wort, sprachen vor versammelter Menge. «Wir sind Designer. Das Verkaufen müssen wir noch lernen», sagt Frehner. Und dann lachen sie beide. Irgendwie Wahnsinn, dass das funktioniert.

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