Konjunkturflaute
Création Baumann-Eigentümer: «Standort Langenthal wird nicht hinterfragt»

Die Konjunkturflaute in wichtigen Märkten macht der traditionsreichen Vorhangstoff-Weberei Création Baumann in Langenthal Sorgen. Eigentümer Philippe Baumann sieht aber langsam Licht am Ende des Tunnels.

Franz Schaible
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Textilunternehmer Philippe Baumann sieht im liberalen Arbeitsmarkt das Erfolgsrezept der Schweiz.

Textilunternehmer Philippe Baumann sieht im liberalen Arbeitsmarkt das Erfolgsrezept der Schweiz.

Hansjörg Sahli

Können Sie nach fünf Jahren Wirtschaftskrise wieder etwas ruhiger schlafen?

Philippe Baumann: Nein, diese Phase ist noch nicht angesagt. Wir bewegen uns weiterhin in einem harten Umfeld, geprägt vom starken Franken und schwachen Absatzmärkten in Europa.

Was heisst das konkret?

Der Wechselkurs hat unsere Produkte auf den ausländischen Märkten überproportional verteuert. Die Effizienz in der Produktion kann gar nicht so stark gesteigert werden, um allein den Wechselkursnachteil ausgleichen zu können. Darunter leidet die Wettbewerbsfähigkeit. Parallel dazu führt die Konsumschwäche in wichtigen Märkten zu sinkenden Verkäufen. Diese Kombination macht es für die Textilwirtschaft schwierig, wieder an das Niveau von vor der Krise anknüpfen zu können.

Werden Sie die Einbussen in absehbarer Zeit wieder aufholen können?

Euphorisch bin ich nicht. Es geht länger als in der Vergangenheit, auch weil sich die Absatzstrukturen verändert haben.

Was meinen Sie damit?

Wir beliefern ausschliesslich den Fachhandel. Die dortige Strukturbereinigung bereitet uns in gewissen Märkten Sorgen. Gerade in Italien oder Frankreich ist der Fachhandel sehr geschwächt worden, die Absatzstrukturen gingen teilweise verloren. Dort braucht es neue Absatzkanäle. Zudem ist dort die Konsumstimmung sehr schwach. Und unser Produkt hat für den Konsumenten nicht höchste Priorität. Das spüren wir. Noch vor wenigen Jahren war Italien der viertwichtigste Absatzmarkt, heute liegt das Land auf Rang 8 oder 9. Die Italiener haben andere Sorgen, als ihre Häuser einzurichten.

Sie führen das Unternehmen seit 2000 in vierter Generation. Haben Sie schon einmal eine so schwierige Phase erlebt?

Ich persönlich nicht. Normalerweise verlaufen die Zyklen so, dass auf zwei Jahre Umsatzeinbussen zwei Jahre der Stabilität folgen und danach die Umsätze wieder im gleichen Ausmass anziehen, wie sie zuvor gesunken sind. Das läuft jetzt anders. Noch 2007 erwirtschafteten wir einen Umsatz von 70 Millionen Franken, welcher nun sukzessive auf rund 50 Millionen Franken gesunken ist. Wir befinden uns in einer grösseren Abwärtsbewegung.

Ist die Produktion ausgelastet oder ist es eher ein Margenproblem?

Unsere Fertigung ist momentan gut ausgelastet. Das steht auch im Zusammenhang mit der Schliessung von zwei unserer Lieferanten für spezielle Stoffe. Deren Produktion haben wir nun wieder hier im eigenen Werk integriert. Die Marge ist eindeutig das Hauptproblem. Aber es ist uns über alle Jahre hinweg gelungen, immer schwarze Zahlen zu schreiben.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass Baumann angesichts des Preiskampfes immer noch in Langenthal produzieren kann. Wie schaffen Sie das?

Wir verfügen über eine sehr effiziente Produktion mit optimierten, möglichst schlanken und standardisierten Abläufen. Leider ging das nicht ohne einen Personalabbau. Die Zahl der Mitarbeitenden in Langenthal sank von über 200 vor vier Jahren auf aktuell noch 181. Zudem fertigen wir qualitativ hochstehende und technisch anspruchsvolle Produkte.

Sind Sie im Massenmarkt aktiv?

Nein. Hierzulande hat eine starke Spezialisierung stattgefunden. Die Produktion von einfachen Rohgeweben wäre hier unmöglich. Es braucht seitens der Hersteller grosse Anstrengungen in die Qualität und in die Ästhetik von Stoffen, um sich abheben zu können. Wir selbst entwickeln immer mehr Gewebe mit einer funktionalen Eigenschaft, das Gewebe muss also einen Zusatznutzen bieten.

Zum Beispiel?

Wir haben Stoffe eingeführt, die einerseits transparent sind, um den Lichteinfall zu ermöglichen, und andererseits eine akustische Wirkung haben. Einsatzmöglichkeiten gibt es vorab im Bürobereich, wo der Stoff mit der schallabsorbierenden Wirkung auf grosses Interesse stösst.

Genügen technische Innovationen, um bestehen zu können?

Nein. Eine weitere Stärke ist, dass wir innerhalb kürzester Zeit Stoffe auch in kleinsten Mengen weltweit ausliefern können. Das bedingt ein grosses Lager, um die Lieferbereitschaft hochhalten zu können. Wir können 98 Prozent unserer 6000 Stoffpositionen ab Lager liefern.

Sie agieren in einem Verdrängungswettbewerb. Heisst das mehr Konkurrenz?

Tendenziell stagniert der Markt für Vorhangstoffe. Inklusive das Segment Innenbeschattung, es umfasst Rollos, Lamellen und Flächenvorhänge, wächst die Nachfrage. Generell gilt, Textilien im Wohnbereich gehören zum Wohlbefinden des Menschen. Dasselbe gilt für den Objektmarkt wie Büros, Hotels oder Altersheime. Ein Raum ohne Textilien ist nicht sehr angenehm.

Graben Ihnen da Ikea, Interio oder Grossverteiler nicht das Wasser ab?

Normalerweise nein. Das ist ein anderes Kundensegment. Aber in konjunkturell schwierigeren Zeiten ist deren Konkurrenz deutlich spürbarer. Der Kunde überlegt sich in solchen Phasen zweimal, ob er Vorhänge in unserer Qualität und zum entsprechenden Preis kaufen will oder nicht.

Verkauf und Vertrieb erfolgen über neun ausländische Tochterfirmen. Wann folgt die Produktion ins Ausland?

Das ist überhaupt nicht geplant. Wir glauben an den Produktionsstandort Langenthal. Wir haben hier nicht nur Nachteile, sondern auch Vorteile. Auf allen Produktionsstufen, vom Zwirnen über das Weben bis hin zur Veredelung und Färberei, haben wir Spezialisten. Und sie arbeiten sehr eng mit unserer Entwicklungsabteilung zusammen. Um innovativ zu sein, braucht es die Nähe zur Produktion. Zudem können wir auf eine hohe Flexibilität setzen; dank den Mitarbeitenden, die bereit sind, kurzfristig eine zusätzliche Schicht zu fahren oder auch übers Wochenende anzupacken. Gerade deshalb haben wir schon einige Grossaufträge gewonnen, weil wir die Lieferung garantieren konnten.

Ist diese Einschätzung angesichts des Preiskampfes realistisch?

Wir dürfen nicht naiv sein. Die Produktion vor Ort zu halten ist ganz klar eine grosse Herausforderung. Die Schwierigkeiten können aber auch motivieren, die Probleme zu meistern. Die Schweiz ist und bleibt ein Industriestandort.

Ist der Standort Langenthal gefährdet?

Nein, dieser wird nicht hinterfragt.

Wäre es für Sie nicht verlockend, das Unternehmen zu verkaufen?

Ich bin hoch motiviert, mit all unseren Mitarbeitenden den 127-jährigen Betrieb weiterzuführen. Ich habe im Jahr 2000 das Unternehmen von meinem Vater übernommen, um es weiterzuführen und nicht um zu verkaufen. Damit verbunden sind eine Verantwortung und eine Verpflichtung gegenüber den Mitarbeitenden und ihren Familien.

Wäre der Standort Schweiz mit einem schwächeren Franken besser gerüstet?

Sicher. Die Währungsdisparität ist nach wie vor für die Exportwirtschaft die grösste Sorge. Umsomehr müssen wir zu den noch vorhandenen Standortvorteilen Sorge geben. Mich beunruhigt da die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt.

Dieser funktioniert doch gut.

Noch. Ich fürchte aber Eingriffe in das liberal ausgestaltete Arbeitsrecht und in den funktionierenden Arbeitsmarkt, welcher gerade die Basis ist für den Erfolg der Schweiz ist. Ich meine die Initiativen «1 zu 12» und «Mindestlöhne». Diese wären sehr schädlich für den Standort Schweiz. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern kennt die Schweiz eine sehr positive Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Um diese Sozialpartnerschaft beneiden uns viele Länder. Ich verstehe nicht, warum man dieses System ändern und unfreier gestalten will.

Wo liegt der Zusammenhang mit dem Standort?

Arbeitgeber wie Arbeitnehmer würden ihre Verantwortung an den Staat delegieren, wie teilweise im Ausland mit einem völlig unflexiblen Arbeitsmarkt. Dort darf – überspitzt formuliert – ein Unternehmer keine Stellen abbauen, selbst wenn es wirtschaftlich schlecht läuft. Deshalb werden aus Angst davor beim Aufschwung auch keine neuen Stellen geschaffen. Die Arbeitnehmer ihrerseits glauben, sie seien vor Entlassungen weitgehend geschützt und fragen sich, was soll ich mich da engagieren?

Übertreiben Sie da nicht?

Nein. Eingriffe in das Arbeitsrecht senden falsche Signale aus. Nicht von ungefähr hat die Schweiz die weitherum tiefste Arbeitslosigkeit.

Müssten Sie ihre Lohnpolitik bei Annahme der «1 zu 12»-Initiative ändern?

Nein, aber das ist nicht relevant. Generell sind solche Eingriffe störend. Es wäre falsch, das ganze System zu ändern, nur weil ein paar wenige Manager in der Tat übertrieben haben und ihre Vergütungen moralisch nicht mehr vertretbar sind.