Coronavirus
«Die Verunsicherung ist gross»: Diese Solothurner Heime haben mit leeren Betten zu kämpfen

In Zeiten von Corona starben in den Alters- und Pflegeheimen viele Menschen. Viele wegen Corona leer gewordene oder leer gebliebene Pflegeplätze füllen sich trotz der inzwischen eingetretenen Entspannung nur langsam. Dies bringt nicht wenige Heime in finanzielle Nöte.

Ornella Miller
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Leere Betten in Alters- und Pflegeheimen: Das Phänomen ist derzeit in verschiedenen Kantonen zu beobachten - nun auch im Kanton Solothurn.

Leere Betten in Alters- und Pflegeheimen: Das Phänomen ist derzeit in verschiedenen Kantonen zu beobachten - nun auch im Kanton Solothurn.

Andrea Stalder

Auch in Alters- und Pflegeheimen sind nun wieder Lockerungen möglich. Trotzdem gibt es noch keinen Run auf die wegen Corona leerstehenden Betten. Im Kanton Solothurn bleiben derzeit 184 der 2906 Plätze unbesetzt. Das sind etwas mehr als 6 Prozent. Doch die Unterschiede sind gross: Während manche Institutionen voll sind, gibt es solche mit hohen Leerständen und die deshalb finanziell kämpfen müssen.

Tony Broghammer

Tony Broghammer

Zvg

Ein belegter Heimplatz bringe monatlich rund 9000 Franken ein, gibt Tony Broghammer Auskunft. Er ist Präsident der Gemeinschaft Solothurnischer Alters- und Pflegeheime GSA. Sie vertritt die rund 50 Alters- und Pflegeheime im Kanton etwa gegenüber Behörden. «Wir suchen eine Auslastung von mindestens 95 Prozent. Am liebsten hätten wir eine 100-prozentige Auslastung», fährt Broghammer fort. Vor drei Monaten sei der Bettenleerstand gar noch grösser gewesen. Einen derart hohen Leerstand habe es bisher im Kanton noch nie gegeben.

Vor der Entspannung entleerten sich Betten, weil vor allem Hochbetagte starben und es so eine Lücke bei den Nachrückenden gab. Auch Angst vor erhöhtem Ansteckungsrisiko in Institutionen trug dazu bei. Warum bleiben die Plätze trotz Entspannung an der Coronafront leer? «Es ist klar die Unsicherheit beim Eintritt. Wie frei bin ich noch aufgrund der Coronasituation?» nennt Broghammer die Fragestellung. Eintretende hätten zeitweise zuerst eine Quarantäne abhalten müssen, es habe Besuchseinschränkungen gegeben.

Das Interesse an ambulanter Betreuung ist mit Corona gestiegen

Bei der Pro Senectute nachgefragt, sagt Ida Boos Waldner, Leiterin der Geschäftsstelle Pro Senectute Kanton Solothurn, dass seit dem Coronaausbruch das Interesse an ambulanter Betreuung gestiegen sei. Anfragen für Hilfe und Pflege daheim hätten zugenommen. «Ältere Menschen und deren Angehörige schauen nun, dass sie zu Hause bleiben können», gibt sie Auskunft.

Auf die Frage, warum das so sei, antwortet Boos: «Keine Ahnung.» Sie möchte darüber nicht spekulieren. Die Gründe dafür seien individuell, Corona sei nur ein Faktor unter sehr vielen andern. Dass die Hilfsbedürftigen explizit wegen Corona nicht ins Heim wollen, könne sie nicht bestätigen. Sie gibt ein Beispiel dafür, dass es auch umgekehrt sein könne, dass nämlich wegen Corona betreuende Personen zu Hause nicht mehr helfen konnten oder durften, so dass dies eher zu einer Entscheidung für den Heimeintritt habe führen können.
Eine Organisation, welche an der ambulanten Basis viel Kontakt zu Pflegebedürftigen hat, ist die Spitex. Kathrin Lanz, Leiterin der Spitex Region Solothurn (Riedholz, Flumenthal, Hubersdorf, Langendorf, Oberdorf, Lommiswil) berichtet von einer allgemeinen Zurückhaltung ins Heim zu gehen. Derzeit sei zwar keine der 250 von ihnen betreuten Personen so weit, dass ein Heimeintritt nötig sei. Doch sie bemerkt: «Die Leute zögern, wegen den Einschränkungen oder der Angst, sie könnten nicht besucht werden oder müssten wegen Quarantäne im Zimmer bleiben.»

Die inzwischen beschlossenen Lockerungen hätten dies noch nicht verändert, so Lanz. Sie habe auch mehrfach erlebt, dass manche Angehörige ihre Verwandten wieder aus dem Heim nach Hause holen wollten und manche es auch taten. Zwei dieser Personen seien immer noch nicht ins Heim zurückgekehrt. (omb)


Von Entspannung kann noch keine Rede sein

Bei mehreren vor der Krise gut ausgelasteten Heimen nachgefragt, zeigt sich, dass dieses Zögern noch nicht oder nur langsam abnimmt. Marco Petruzzi, Heimleiter des Hauses zur Heimat in Olten:

«Von Entspannung können wir noch nicht sprechen. Hier braucht es Zeit und Geduld, bis das notwendige Vertrauen wieder gebildet werden kann.»

In seiner Institution sind derzeit 12 von 64 Betten frei, das Angebot sei jedoch in der Coronakrise schon von 71 auf 64 Betten reduziert worden. Alle Zweibettzimmer seien zu Gunsten von Einzelzimmern aufgelöst worden. Diese Reduktion sähen sie als langfristige Lösung zu Gunsten der besseren Qualität.

Im Alters- und Pflegeheim Ischimatt in Langendorf sind nur 55 Betten von 70 belegt. Sie reduzierten in der Krise von 77 Plätzen. «Das entspricht einer momentanen Belegung von knapp 79 Prozent», resümiert Heimleiter Daniel Aeschlimann. Anfang 2021 waren gar nur 43 Betten belegt. Sowohl im Ischimatt wie auch im Haus zur Heimat gab es grössere Corona-Ausbrüche, worüber auch die Medien berichteten.

Im Alters- und Pflegeheim Thüringenhaus und St. Katharinen der Bürgergemeinde Solothurn gab es zwar nur einen einzigen Corona-Erkrankungsfall, doch es stehen derzeit 10 von 62 Einzelzimmern leer.

«Das ist die tiefste Belegung seit meinem Beginn als Heimleiter vor rund 8 Jahren»,

bemerkt Pascal Vonaesch. Neueintritte fehlten. Er vermutet, dass es mit den Ängsten von zukünftig Bewohnenden und deren Angehörigen zusammenhänge, «vor allem in Bezug auf die teils reisserischen Medienberichte». Eine Entspannung im Sinne vermehrter Anfragen für einen Heimeintritt sehe er noch nicht.

Hingegen: In der Stiftung Blumenfeld in Zuchwil seien die Langzeitplätze voll besetzt, obwohl Ende Dezember Corona in einer geschlossenen Demenzgruppe wütete und zu Todesfällen führte, berichtet Geschäftsführer Max Oser. Die Wiederbesetzung sei nicht ganz einfach gewesen, aber: «Vielleicht waren wir begünstigt, weil es eine Spezialabteilung ist, die nicht überall angeboten wird.» Doch er habe einige freie Kurzzeitbetten, auch weil Spitäler elektive Operationen hinausgeschoben hätten. «Man merkt schon, die Verunsicherung ist gross.»

Auch das Pflegezentrum Leuenmatt in Bellach ist wieder komplett: «Seit dieser Woche haben wir keine Plätze mehr frei, davor waren es zwei», schreibt Geschäftsführer Pascal Hilpert. Sie hatten wenige Coronafälle und nie mehr als 2 der 44 Betten lange leer. Er spüre «absolut», dass wegen Impffortschritts, sinkender Fallzahlen und Lockerungen mehr Anfragen kämen.

Finanzielle Folgen bleiben nicht aus

Gar keinen Coronafall gab es im Alterszentrum Kastels und am Weinberg in Grenchen. Geschäftsführerin Sonja Leuenberger sagt aber: «Bei uns stehen 20 von 173 Betten leer. Denn wir haben von November bis Mitte Februar wenig aufgenommen. Weil wir auch Zweierzimmer haben, wollten wir vorbereitet sein, falls Corona ausbrechen würde. So hätten wir Ausweichmöglichkeiten gehabt.» Finanziell könne sie das verkraften, mit normalen Personalabgängen und Stundenabbau, da sie mit 240 Mitarbeitenden ein grosser Betrieb seien.

Andere, wie Aeschlimann («Ischimatt»), sind stark betroffen: «Die finanzielle Lage ist sehr angespannt, wie auch in vielen andern Betrieben. Wir gehen davon aus, dass wir uns finanziell erholen, dies braucht aber einen weiten Horizont.» Vonaesch (Thüringenhaus) nennt fürs Erste Quartal 2021 bei den Erträgen einen Fehlbetrag von 140000 Franken.

Die Heime kämpfen mit verschiedenen Massnahmen gegen die finanziellen Einbussen und investieren in Qualität, Infrastruktur und Werbung, um die Betten zu besetzen. Zudem sind Bewohnende und Mitarbeitende zu einem hohen Prozentsatz geimpft.

Trotzdem erwarten Betroffene, wie etwa Petruzzi (Zur Heimat), «dass uns die «öffentliche Hand» unterstützt». Broghammer erklärt: «Gemäss Gesetz ist im Kanton Solothurn die Gemeinde zuständig für die Restkosten. Die Gemeinden waren der Meinung, dass es coronabedingte Kosten sind und demnach der Kanton zuständig ist. Und der Kanton meint, das sei eine Gemeindeangelegenheit.»

Es gebe jedoch inzwischen entsprechende Gespräche zwischen der GSA, dem Verband der Solothurnischen Einwohnergemeinden und dem Amt für Soziale Sicherheit. Eine Übergangslösung konnte kürzlich schon mal erreicht werden.