Covid-19
Corona-Infektion kann tödlich enden – aber die Auseinandersetzung mit dem Lebensende fehlt

Spätestens seit der Coronakrise hat sich jeder über seinen eigenen Tod mehr oder weniger Gedanken gemacht. Konkrete Gedanken dazu machen sich aber wenige. Viele Patientenverfügungen sind lückenhaft ausgefüllt.

Rebekka Balzarini
Merken
Drucken
Teilen
In der regionalen Ärzteschaft ist das Thema Sterben offenbar noch ein Tabu; aber auch Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige befassen sich oft nicht mit etwa Patientenverfügungen. (Symbolbild)

In der regionalen Ärzteschaft ist das Thema Sterben offenbar noch ein Tabu; aber auch Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige befassen sich oft nicht mit etwa Patientenverfügungen. (Symbolbild)

KEYSTONE

Haben Sie sich schon einmal wirklich Gedanken dazu gemacht, was für Sie Lebensqualität bedeutet? Oder ob Sie von einer Maschine beatmet werden möchten, wenn es Ihnen wirklich schlecht geht?

In den vergangenen Wochen mussten sich viele Patienten mit diesen Fragen auseinandersetzen. Oder eher: Sie hätten sich damit auseinandersetzen müssen. Denn mit Covid-19 ist eine neue Erkrankung bei uns angekommen, die bei einem schweren Verlauf tödlich enden kann. «Menschen mit chronischen oder schweren Grund­erkrankungen sind bei einem schweren Verlauf einer Coronainfektion klassische Palliativpatienten», erklärt Manuel Jungi, Präsident des Vereins palliative so und leitender Arzt der Palliativstation im Kantonsspital Olten. «Sie haben ein Leiden, an dem sie auf absehbare Zeit sterben können».

Bei der Lungenerkrankung, die eine Infektion mit dem Coronavirus auslösen kann, ist es laut Jungi zentral, sich auch mit dem Gedanken der palliativen Betreuung auseinanderzusetzen. «Palliative Care wird oft nur mit Krebserkrankungen in Verbindung gebracht», so Jungi. «Dass auch eine Lungenerkrankung diese Form von Betreuung erfordern kann, war vielen Kolleginnen und Kollegen in den Spitälern, aber auch Angehörigen und Patienten nicht bewusst», sagt er. «Das hat mich schon etwas ernüchtert.»

Die Auseinandersetzung mit dem Lebensende fehlt

Bevor die Coronakrise ihren bisherigen Höhepunkt in der Schweiz überschritten hatte, konnte man vielerorts lesen, welche ethischen Entscheidungen in den Schweizer Spitälern unter Umständen gefällt werden müssen, sollte es tatsächlich dazu kommen, dass alle Beatmungsbetten auf den Stationen gefüllt sind. Von Triage war die Rede, davon, dass Ärzte abwägen müssen, bei welchen Patienten eine Beatmung mehr Sinn macht als bei anderen. Dazu kam es in den Solothurner Spitälern nicht. «Glücklicherweise», sagt Jungi. Aber trotzdem konnte er, der sich auch in seiner Funktion als Präsident des Ethikrats der Solothurner Spitäler AG (soH) regelmässig mit medizinethischen Fragen beschäftig, in den letzten Wochen feststellen: «Solche grundsätzlichen Diskussionen finden noch zu wenig statt».

Soll heissen: Noch zu wenige Patienten haben sich mit dem Gedanken auseinandergesetzt, wie sie sterben wollen, und diese Überlegungen auch in einer Patientenverfügung festgehalten. Sie scheuen sich laut Jungi davor, darüber nachzudenken, was sie sich im schlimmsten Fall wünschen. «Ich spüre in den Gesprächen mit Patienten oft, dass sie finden, der Arzt solle über ihre Behandlungen entscheiden. Und natürlich muss ein Arzt seine medizinische Sicht einbringen, aber er sollte auch im Sinne der Patienten entscheiden. Gerade wenn es einem Patienten so schlecht geht, dass er kaum noch Luft hat und nicht mehr sprechen kann, dann hilft es, wenn er seinen Willen vorher formuliert hat und der Arzt sich danach richten kann».

Eine ähnliche Erfahrung machte Brigitte Baschung, Vizepräsidentin des Vereins palliative so und Leiterin des Alters- und Pflegeheims Bellevue in Oberdorf. Als das Coronavirus sich in der Schweiz auszubreiten begann, mussten die Bewohnerinnen und Bewohner des Bellevues ihre Patientenverfügungen überprüfen. «Wir waren erstaunt, wie lückenhaft diese teilweise waren», erzählt sie. «Es zeigte sich, wie wichtig das Festhalten des persönlichen Willens und das Gespräch mit den Angehörigen ist.»

Auch Ärzteschaft tut sich mit dem Thema schwer

Diese Kommunikation im Vorfeld sei bei Risikopatienten aber wichtig, so Jungi. «Alles steht und fällt damit. Es gab in den letzten Wochen Fälle, da wurde nie über des Thema gesprochen, und plötzlich war es zu spät zum Reden». Auch Ärzten falle es schwer, über das Thema zu sprechen. «Viele fokussieren sich darauf, möglichst gut zu behandeln. Machen ist einfacher, als ein schwieriges Gespräch zu führen», sagt Jungi. «Persönlich finde ich es aber schwieriger, darüber zu entscheiden, ob ein Beatmungsgerät abgestellt werden muss, als darüber zu reden, ob ein Patient überhaupt beatmet werden soll.» Eigentlich wären Jungi und andere Mitglieder des Ethikrates der soH allen Mitarbeitenden für ethische Fragen zum Vorgehen bei Patienten in komplexen Situationen zur Verfügung gestanden. In den letzten Wochen wurde diese Gelegenheit aber nur selten genutzt, das Ethikgremium hätte mit mehr Anfragen gerechnet. «Ich habe das Gefühl, dass es mehr Situationen gegeben haben muss, wo eine ethische Besprechung geholfen hätte. Ich fürchte aber, dass diese wichtigen Fragen gar nicht immer gestellt wurden».

Jungi hofft, dass die Erfahrungen aus den letzten Wochen zu einem Umdenken führen: «Mein Wunsch ist, dass sich die Menschen bewusster fragen, wo sie im Leben stehen und was für sie Lebensqualität bedeutet. Und dass man vermehrt den Mut aufbringt, Grundsatzfragen zu formulieren und darüber zu diskutieren.»