Rücktritt ein "Verlust"

Christian Wanner war mit Widmer-Schlumpf «auf gleicher Wellenlänge»

Am Donnerstag am Küchentisch in Messen: Christian Wanner studiert aufmerksam die Berichterstattung nach der Rücktrittsankündigung der BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, die im seit vielen Jahren sehr nahe steht.

Am Donnerstag am Küchentisch in Messen: Christian Wanner studiert aufmerksam die Berichterstattung nach der Rücktrittsankündigung der BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, die im seit vielen Jahren sehr nahe steht.

Auf einen Kaffee mit Christian Wanner, einem engen Weggefährten von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf. Der Solothurner bewundert das Durchhaltevermögen der Bündnerin - und bezeichnet ihren Rücktritt als «Verlust».

Er kommt gerade von der Weide: Die Haare noch etwas zerzaust, die Hemdsärmel nach hinten gerollt. Eine Arbeit an diesem sonnigen Herbstmorgen hat er eben erledigt – die Kühe sind dorthin getrieben, wo er sie haben wollte.

Der Ex-Nationalrat und ehemalige Regierungsrat hat jetzt wieder mehr Zeit, um auf seinem Hof zum Rechten zu schauen. Doch das Politisieren kann er bei aller Nähe zur Scholle nicht lassen, zu sehr hat er es im Blut.

So folgt eine kurze Rückschau auf die Solothurner Wahlen, doch sie sind nicht der Grund für den heutigen Kaffee. Der Rücktritt von Eveline Widmer-Schlumpf hat uns in den Buechibärg geführt.

Immerhin hat das FDP-Urgestein in den vergangenen zwanzig Jahren sehr eng mit der Bündnerin zusammengearbeitet und man hat sich auch ohne politische Traktanden gesehen. Daraus ist eine Freundschaft entstanden, die mit einem hohen Mass an Wertschätzung verbunden ist.

In einem Churer Restaurant

Zum ersten Mal gesehen haben sie sich bei einem Nachtessen in Chur. Die Verkehrskommission des Nationalrates verschaffte sich vor Ort Informationen zum Vereina-Tunnel und traf mit dem damaligen Departementschef Bundesrat Leon Schlumpf zusammen.

Ein viel beschäftigter Mann im fernen Bern. Da seine Enkel wieder einmal ihren Grossvater sehen wollten, kreuzte Mutter Eveline mit ihnen kurzerhand beim Abendessen auf.

In der Folge wurden Widmer-Schlumpf und Wanner in ihre Regierungen gewählt. Sie übernahm schliesslich das Präsidium der kantonalen Finanzdirektoren (FDK) und wünschte sich den Solothurner als Vize.

«Wir funktionierten von Anfang an auf derselben Wellenlänge und gleichzeitig ergänzten wir uns, dank unterschiedlichen Stärken», blickt Christian Wanner zurück.

Dann schmunzelt er: «Sie war natürlich auch froh, dass ich in der Nähe von Bern zu Hause bin und sie deshalb nicht bei jeder Gelegenheit die weite Reise antreten musste.» Geschickt eingefädelt, werfen wir ein.

«Sicher, die Frau denkt messerscharf und strategisch, zudem ist sie eine hervorragende Krisenmanagerin.» Das habe sich spätestens 2008 gezeigt, als die grösste Schweizer Bank in Schieflage geriet: Bundesrat Merz erkrankt, Widmer-Schlumpf als Stellvertreterin gefordert.

Aktion Rettung UBS. Gegen Mitternacht Treffen in Bern, da die Nationalbank einspringen musste und diese mehrheitlich den Kantonen gehört. Mit an Bord Christian Wanner, nach Widmer-Schlumpfs Wahl in den Bundesrat inzwischen oberster helvetischer Finanzdirektor. Die Aktion gelang, wenn auch mit vielen und lauten Nebengeräuschen.

Bankenwelt ist gefordert

Was er dazu sage, wenn böse Zungen sie als Totengräberin des Bankgeheimnisses bezeichnen, wollen wir vom langjährigen Solothurner Finanzdirektor wissen. Er schüttelt energisch den Kopf.

Sie sei eine überzeugte Verfechterin des Schweizer Bankenwesens. Im Gegensatz zu dessen Exponenten habe sie jedoch sehr früh erkannt, dass die Zeit der aktiven Beihilfe zur Steuerhinterziehung am Ablaufen sei.

«Eveline hat nicht zuletzt auf dem internationalen Parkett mitbekommen, dass die Bankenwelt gefordert war und sich verändern musste. Deshalb konnte man den Spruch über das Zähneausbeissen an unserem Bankgeheimnis nicht mehr ernst nehmen.»

Superjob und hart im Nehmen

Man merkt es Christian Wanner gut an, die Juristin und Finanzexpertin Eveline Widmer-Schlumpf hat bei ihm in mehrfacher Hinsicht einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Sie sei nie als Primadonna aufgetreten, die andere für sich hätte arbeiten lassen.

Daher sei sie auch absolut dossierfest gewesen. Sie verfüge zudem über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und sei für die föderalen Aspekte eingestanden, auch im Bundesrat.

Und was ihn sichtlich bewegt: «Ich habe immer wieder gestaunt, was diese Frau in all den Jahren an Kritik weggesteckt hat. Anwürfe, die nicht selten unter der Gürtellinie waren.»

Dann schliesst er ab: «Ihr Rücktritt ist ein Verlust für den Bundesrat und die Schweiz – das sage ich als Bürger dieses Landes, im Wissen, dass niemand unersetzlich ist.»

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