Gericht

«Chloroform-Unhold» (69) verlässt Gerichtssaal mit erhobenem Zeigefinger – doch ihm droht die Verwahrung

Das Walliser Straf- und Massnahmenvollzugsgericht befasst sich mit der Verwahrung von «Chloroform-Unhold» U.B. Es wäre erst der zweite Fall schweizweit, in welchem ein psychisch kranker Straftäter lebenslang verurteilt wird.

Das Walliser Straf- und Massnahmenvollzugsgericht befasst sich mit der Verwahrung von «Chloroform-Unhold» U.B. Es wäre erst der zweite Fall schweizweit, in welchem ein psychisch kranker Straftäter lebenslang verurteilt wird.

Ein zweifach verurteilter Sexualstraftäter steht vor Gericht. Gestoppt wurde er in Olten, therapiert in Deitingen – offenbar erfolglos. Im Wallis wird nun entschieden, wie es weitergeht – nach einer turbulenten Verhandlung.

An die 100 Opfer lässt er zurück. U.B.* – in den Medien auch bekannt als «Chloroform-Unhold» – schlug immer wieder nach dem gleichen Muster zu. Er beobachtete Familien, verschaffte sich Zugang zu deren Häuser, verteilte Watte mit Trichlorethylen im Schlafzimmer um so Mädchen zu betäuben und zu missbrauchen.

Zuerst im Aargau, wo er in den 80er Jahren ein erstes Mal verurteilt wurde. Nach seiner Freilassung wiederholte er die Taten in den Kantonen Waadt und Wallis. Auch in Olten stellte er einem Mädchen nach. Dessen Vater konnte B. aber überwältigen und die Polizei rufen. Otto Wolfisberg, den B. damals biss und kratzte, was zur nötigen DNA-Spur für B.s Festnahme führte, hat seither mitverfolgt wie B. Beschwerden gegen Urteile einreichte, Vorwürfe abstritt. «Da kommt bei mir nur Hass auf», sagt Wolfisberg.

Der «Chloroform-Unhold» im «Badener Tagblatt», 19. Juni 1980

Der «Chloroform-Unhold» im «Badener Tagblatt», 19. Juni 1980

Anstatt «diesem Mann» «diese Chancen» zu gewähren, solle man lieber etwas für die Opfer tun, deren Fälle verjährt sind, weshalb es nie zu Schuldsprüchen kam. Und diese Liste ist lang. «Ich hoffe, dass dieser Mann eingesperrt bleibt», sagt der Oltner.

Derzeit steht genau das zur Debatte. B. sass seit 2012 in der Justizvollzugsanstalt Solothurn, wo er eine stationär therapeutische Massnahme absolvierte. 2016 wurde die Therapie aber abgebrochen. Nun beriet das Walliser Straf- und Massnahmenvollzugsgericht darüber, was aus der kleinen Verwahrung wird. Dieses ist zuständig, weil das Walliser Kantonsgericht B. damals zur Massnahme verurteilte. An Stelle einer sachlichen Diskussion um eine Verwahrung folgte aber eine verwirrende Debatte.

«Eines Rechtsstaates unwürdig»

In der Vorladung zur Verhandlung steht, es gehe um die kleine Verwahrung B.s. Das Amt für Sanktionen und Begleitmassnahmen forderte vor Gericht aber die Verwahrung – die lebenslange Massnahmenhaft für psychisch erkrankte Straftäter. Das Amt stützte sich dazu auf ein psychiatrisches Gutachten: B.s Rückfallgefahr sei hoch. Er zeige keinerlei Tateinsicht oder Therapiebereitschaft.

B.s Verteidiger Stephan Bernard versuchte indes gar nicht, das Gericht von der Therapierbarkeit seines Mandanten zu überzeugen. Er fokussierte sich auf «Mängel» des Verfahrens, die eines «Rechtsstaates unwürdig» seien: Ein Antrag zur Verwahrung sei nie gestellt worden, das Gericht nicht zuständig, die Verfahrensart die falsche. Das Gericht dürfe gar nicht auf den Antrag auf Verwahrung eintreten. Und wenn, dann sei B.s Massnahme um höchstens zwei Jahre zu verlängern.

Auch forderte Bernard eine Entschädigung von rund 35'000 Franken für seinen Mandanten. Dies, weil die Walliser Behörden die Verlängerung von B.s Massnahme letztes Jahr verschlampten (wir berichteten) woraufhin dieser ohne Hafttitel hinter Gitter sass. B. soll entschädigt werden, so der Verteidiger. Es bliebe zudem nichts anderes übrig, als «meinen Mandanten auf freien Fuss zu setzen.»

Eklat im Gerichtssaal

Darauf folgten Zwischenrufe aus dem Publikum. «Bravo!», so die selbsternannten «Prozessbeobachter», darunter etwa der St. Ursen-Brandstifter Andres Z.* und Querulant Kuno W.*, die zu B.s Unterstützung angereist waren.

Dieser hörte sich stumm die Plädoyers an, das Haar schütter und lang, der Rücken leicht gebeugt. Mit quietschender Stimme beantwortete der 69-Jährige die Fragen des Richters Marc Anthamatten, der dem dreiköpfigen Gericht vorstand.

Sein Rückfallrisiko sei klein bis gleich Null, so der Sexualstraftäter. Die Massnahme im «Schache» «völlig idiotisch». Er brauche Trauma-Therapie, diese werde ihm aber verwehrt. Die Boulevard-Presse betreibe Hetze gegen ihn. «Sehen Sie», begann er seine Sätze an den Richter immer wieder, um auf dieses «Unrecht» aufmerksam zu machen. Anthamatten musste ihn immer wieder unterbrechen und meinte schliesslich, das Gericht brauche etwas Zeit, um sich zu beraten. Bis zum Urteil sitzt B. in Sion in Sicherheitshaft.

Dann unterbrach der Richter B. erneut während dessen Schlusswortes. Dann artete es aus: Der Verteidiger wurde zum ersten Mal laut, die «Prozessbeobachter» riefen durcheinander. Andres Z. stand auf, um «seinem Kollegen» zu helfen und wurde von der Aufsicht zurückgehalten. B. wurde schliesslich von vier Sicherheitskräften abgeführt, immer noch wild gestikulierend, mit erhobenem Zeigefinger.

*Namen der Redaktion bekannt

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