Industrietag
Alle desinfizieren sich die Hände, aber die Nachfrage nach Desinfektionsmitteln ist bei Borer eingebrochen – was dahintersteckt und was noch kommen könnte

Nach dem Run auf Handdesinfektionsmittel im Jahr 2020 folgte 2021 der Einbruch. Die Borer Chemie AG litt darunter, während andere Geschäftsfelder des Zuchwiler Unternehmens florierten. Trotz des Einbruchs und vieler weiterer Herausforderungen sieht Geschäftsführer Markus Borer auch Chancen.

Sébastian Lavoyer Jetzt kommentieren
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Industrietag Inveso: Besuch bei der Borer Chemie AG: Dr. Markus Borer führt durch den Betrieb

Industrietag Inveso: Besuch bei der Borer Chemie AG: Dr. Markus Borer führt durch den Betrieb

Bild: Hanspeter Bärtschi

Erinnern Sie sich noch an den ersten Lockdown? Den Run auf WC-Papier und Desinfektionsmittel? Es war der Moment, als die Welt aus den Fugen geriet. «Bei uns sind Leute einfach so hereinmarschiert und wollten Handdesinfektionsmittel kaufen. Aber so einfach ist das nicht», erinnert sich Markus Borer, Geschäftsführer der Borer Chemie AG.

Zwar hatte sein Unternehmen kurz vor der Pandemie und nach mehrjähriger Entwicklungszeit damit angefangen, Desinfektionsmittel zu produzieren und zu verkaufen. «Da hatten wir einen guten Riecher», so Borer. Aber sein Unternehmen beliefert Geschäftskunden. Unternehmen, Spitäler, Ämter. Doch das kümmert niemanden, wenn da plötzlich ein neues Virus die Menschheit bedroht.

Volkswirtschaftsdirektorin Wyss: «Die Solothurner Wirtschaft ist gut unterwegs»

Die Zeiten sind vorbei, als man die Geschäftsräumlichkeiten der Borer Chemie AG stürmte. Vieles hat sich verändert seit Ausbruch der Pandemie. Das wurde gestern am ersten Industrietag des Industrieverbands Solothurn und Umgebung (Inveso) seit Ausbruch der Pandemie ganz deutlich klar. «Vieles ist nicht mehr selbstverständlich, auch dass wir einen Anlass in einem Betrieb wie diesem durchführen können», sagte Inveso-Präsident Alex Naef vor rund 80 Gästen aus der Solothurner Politik und Wirtschaft.

Vieles hat sich für viele zum Besseren gewendet

Volkswirtschaftsdirektorin Brigit Wyss: «Die Prognosen sind gut. Die Solothurner Wirtschaft ist insgesamt gut unterwegs.» Auch dank Massnahmen wie insbesondere der Kurzarbeit habe man eine massive Entlassungswelle verhindern können. Hinter ihr türmen sich die Paletten der Borer Chemie AG in den Hochregalen des Logistikgebäudes in Zuchwil. Draussen zieht der Nebel auf an diesem Donnerstagabend. Ein fast symbolisches Ereignis.

Regierungsrätin Brigit Wyss bei ihrer Ansprache
11 Bilder
Markus Borer bei seiner Ansprache
Die Teilnehmer werden in verschiedenen Gruppen durch den Betrieb geführt
Markus Borer erklärt Regierungsrätin Brigit Wyss den Produktionsprozess
:
 Jean-Marc Rouiller erklärt und zeigt
 Lorenz Egli erklärt und zeigt
Die Teilnehmer erhalten einen vertieften Einblick in den Betrieb
Industrietag INVESO: Besuch bei der Borer Chemie AG:
 Händedesinfektion mit dem im Haus produzierten Desinfektionsmittel
Markus Borer führt durch den Betrieb

Regierungsrätin Brigit Wyss bei ihrer Ansprache

Hanspeter Bärtschi / SZ

Als sogar Ölhersteller Desinfektionsmittel auf den Markt brachten

Es hat sich zwar vieles geändert. Zum Beispiel ist die Nachfrage nach Handdesinfektionsmitteln 2021 förmlich eingebrochen. Wohl auch, weil in der Krise viele lieber zu viel statt zu wenig kauften und Lager anlegten. Zudem drängten fachfremde Unternehmen wie beispielsweise Ölhersteller auf den Markt und fluteten diesen mit nicht geprüften Produkten. Durchaus im Sinne des Bundesamtes für Gesundheit. «Das hat Sinn gemacht, denn das Coronavirus ist im Gegensatz zu vielen anderen Viren ganz einfach mit Alkohol zu zerstören», so Borer-Verwaltungsrat und Interimsbereichsleiter Hygiene Giancarlo Rizzoli.

Geblieben aber ist die Unsicherheit, die mit dem Virus auf all den Märkten Einzug hielt. Quasi der Nebel im System. Auch Borer kämpft mit Lieferengpässen, mit massiven Preiserhöhungen bei den Rohstoffen und beim Verpackungsmaterial. Borer sagt:

«Ich habe das Gefühl, dass die Unsicherheit zum Teil ziemlich schamlos ausgenützt wird.»

Dazu kommen Kostendruck, der starke Franken, die Rechtsunsicherheit nach dem Scheitern des Rahmenabkommens mit der EU, der Boom der Elektromobilität. Alles ist in Bewegung, alles immer schneller. Borer:

«Strategien haben immer kürzere Halbwertszeiten. Das Geschäft ist wahnsinnig schnelllebig.»

Borer glaubt an den Standort Zuchwil – das macht ihn zuversichtlich

Aber da ist auch Optimismus. Das sieht und spürt man bei der anschliessenden Führung durch das unterdessen in drei unterschiedlichen Gebäuden angesiedelte Industrieunternehmen. Borer hat in den letzten Jahren Millionen investiert in Zuchwil. 2011 kam das Logistikgebäude dazu, 2019 das neue Kompetenzzentrum. Man glaubt an den Standort Zuchwil, auch in diesen Zeiten.

Denn natürlich sind nicht sämtliche Geschäftsfelder von einer Baisse betroffen wie bei den Handdesinfektionsmitteln. In der Industrie sind die Produkte von Borer wieder gefragt, bei der Pharma genauso. Und auch bei den Handdesinfektionsmitteln wird das Geschäft wieder anziehen. Dank Corona ist das Thema Handdesinfektion in der breiten Gesellschaft angekommen. Ab Februar 2022 dürfen zudem nur noch zertifizierte Produkte verkauft werden, Produkte wie sie Borer herstellt und Ölhersteller eben nicht. Der Markt wird sich konsolidieren und das Geschäftsfeld für Borer wieder deutlich wachsen. «Wir rechnen damit, dass der Markt in ein, zwei Jahren wieder 10 bis 15 Prozent wachsen wird», sagt VR-Mitglied Giancarlo Rizzoli.

Und in den Spitälern wird irgendwann auch wieder mehr operiert. Dann müssen auch wieder mehr OP-Instrumente gereinigt werden. Und Borer hat die Weichen gestellt: Seit Anfang 2021 kooperiert man mit dem deutschen Reinigungsspezialisten und Weltkonzern Miele. Es gibt auch in unsicheren Zeiten viele Zeichen der Hoffnung.

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