Kaspar Zehnder, Sie übernahmen 2012 interimistisch die Leitung des Sinfonieorchesters Biel Solothurn, wurden 2014 zum Chefdirigenten, haben Ihren Vertrag immer wieder verlängert, neu bis zum Jahr 2022. Das muss gute Gründe haben.

Kaspar Zehnder: Ja, die gibt es. 2012 hatte das Orchester einmal mehr seine Auflösung abwehren können durch die Gründung von TOBS, Theater Orchester Biel Solothurn. Es herrschte Aufbruchstimmung, ich spürte, dass das Orchester weiter geformt werden wollte. Allerdings sagte ich damals, ich würde vorerst interimistisch bleiben.

Was gab den Ausschlag, den Posten des Chefdirigenten zu übernehmen?

Als der neue Intendant Dieter Kaegi und ich feststellten, dass wir gut zusammenarbeiten können. Das Leitungsgespann von TOBS, zu dem auch Katharina Rupp fürs Schauspiel gehört, funktioniert bestens. Wir alle haben den Vertrag bis mindestens 2022 verlängert.

Wie gut kamen die Orchestermusikerinnen und -musiker mit dem Neuanfang zurecht?

Ein grösserer personeller Wechsel setzte ein, sei es durch Pensionierung oder Weggang. Wir konnten die Lücken mit jungen, hervorragend ausgebildeten Musikerinnen und Musikern füllen. Mehr als deren hundert melden sich jeweils für eine Stelle. Diese jungen Leute brachten und bringen frischen Wind ins Orchester, sie sind aber auch fordernd, was mir sehr recht ist. So lässt sich ein spannendes Repertoire aufbauen.

Sie selber sind als Solist auf der Querflöte international aktiv. Warum aber hat man Sie noch nie bei TOBS als Flötisten gehört?

Ich will hier als Dirigent tätig sein und nicht als Flötist. Dieses Jahr wird es aber eine Ausnahme geben. Ich habe die grosse Freude, als Flötist in einem Kammermusikprojekt der tschechischen Sängerin Magdalena Kožená mitzuwirken, mit dabei sind ein Streichquartett der Berliner Philharmoniker, der Soloklarinettist des London Symphony Orchestra. Und am Klavier sitzt kein Geringerer als Sir Simon Rattle. Vor drei Jahren waren wir auf Europatournee, vor zwei Jahren nahmen wir eine CD auf, und dieses Jahr geht’s wieder auf Tournee mit Station am 14. Oktober in Biel, als einzigem Konzert in der Schweiz.

Apropos Biel: Von zehn bis zwölf Sinfoniekonzerten pro Saison finden in der Regel nur vier auch in Solothurn statt. Warum?

Das hat mehrere Gründe. Das Einzugsgebiet von Biel mit rund einhunderttausend Menschen ist weitaus grösser als dasjenige von Solothurn. Und in Solothurn lernen wir unser Publikum erst allmählich kennen. Es kommt vor, dass der Saal bei einem Konzert mit nicht ganz einfacher Literatur voll ist und wir denken: «Jetzt haben wir es geschafft.» Beim nächsten Konzert mit gängigen Werken von Mendelssohn und Brahms ist der Saal nur ein Drittel voll und wir fragen uns: «Was machen wir falsch?» Sobald wir den Saal in Solothurn mindestens zur Hälfte durch Abonnenten besetzt haben, wird uns das genügend Sicherheit geben, um über ein erweitertes Angebot nachzudenken.

Ein Blick ins Publikum zeigt, dass die Altersgrenze steigt und steigt. Haben Sie ein Rezept zur Verjüngung?

Dass die Altersgrenze steigt, ist nur bedingt richtig. Das Publikum der klassischen Musik ist und war immer grundsätzlich etwas älter. Wir haben in unsern Konzerten vergleichsweise viele junge Leute dabei, zum Beispiel Schulklassen. In der Zusammenarbeit mit Schulen liegt grosses Potenzial.

Wie wollen Sie es ausschöpfen?

Zum Beispiel mit Schülerkonzerten. Da erklären wir das Orchester, wir spielen, sie singen mit uns, wir proben, spielen ganz leise und wieder laut. Innert kurzer Zeit erreicht man da sehr viele Leute. Es gibt immer einen «Wow-Effekt».

Und bei diesen Anlässen sind Sie als Chefdirigent immer dabei?

Ja, das ist mir wichtig. Ich habe immer gesagt, ich wolle ein Chefdirigent sein, der volksnah ist und nicht nur Prestige-Auftritte dirigiert. Es gibt eine wichtige Arbeit im soziokulturellen Bereich mit den Schulen oder mit jungen Solisten. Dass ich das regelmässig tun kann, liegt auch daran, dass ich in der Region wohne und schnell vor Ort bin. Einem Chefdirigenten, der im Ausland lebt, müsste man die Anreise und eventuell die Übernachtung bezahlen. Aber lassen wir das, lieber möchte ich ein Projekt erwähnen, das mir sehr am Herzen liegt.

Ja gerne.

Ich habe mir zum Ziel gesetzt, eine Konzertform zu entwickeln, die so offen ist, dass sich Menschen mit Behinderung ganz natürlich unter unser Stammpublikum mischen können, auch wenn sie Geräusche oder Bewegungen machen, die im üblichen Konzertbetrieb die Zuhörenden wahrscheinlich stören würden. Das ist nicht einfach, wäre aber echte Inklusion. Diesbezüglich bin ich in Kontakt mit Psychologen und Heilpädagogen und mit einem Orchester, dessen Mitglieder psychisch oder physisch beeinträchtigt sind. Mit ihnen zusammen will ich das Inklusionslabor aufbauen, und ich hoffe, dass wir in zwei, drei Jahren viel mehr wissen zum Thema.

Welche Ziele haben Sie sonst noch?

Ein Sinfonieorchester wie unsriges braucht dringend ein Orchesterhaus, ein eigenes Zuhause. Wir sind Nomaden und proben mal im Kirchgemeindehaus, mal im Konzertsaal, mal im Orchestergraben. Das Orchester braucht Zimmer zum Üben, spezielle Räume für Blechbläser, Schlagzeuger und Platz für die Infrastruktur.

Wo steht das Sinfonieorchester Biel Solothurn im Vergleich schweizweit?

Es gibt in der Schweiz elf professionelle Orchester dieser Art. Was die musikalische Qualität angeht, so sind wir heute in Topform. Und wir sind eine Art Schweizer Nationalorchester. Wir sind das einzige Orchester der Schweiz, das von zwei Städten, zwei Kantonen und zwei Konfessionen getragen wird und zweisprachig ist. Das gibt einen besonderen Touch, und wenn wir etwas ganz Aussergewöhnliches machen, dann kommen sowohl das Radio SRF als auch das Radio Suisse Romande zu uns. Welches andere Orchester hat das schon?

Ein «Aber» gibt es nicht?

Doch. Unsere Institution ist unter allen Theatern und Orchestern in der Schweiz immer noch diejenige mit dem tiefsten Budget. Wir haben die tiefsten Löhne, wir haben den kleinsten Etat, leisten aber nicht nur dasselbe wie die andern, sondern führen in Biel das ganze Angebot bilingue, auch die ganze Logistik im Städtebund Biel Solothurn ist ein erheblicher Mehraufwand. Wenn wir lesen, dass Konzert Theater Bern selbstverständlich alle vier Jahre einen Teuerungsausgleich erhält, während das bei uns seit Jahren kein Thema war, hadern wir schon ein wenig. Aber Budget-Knappheit macht immer auch kreativ.

Zum 50-Jahr-Jubiläum des Sinfonieorchesters Biel Solothurn wurde das Musikforum Biel gegründet. Was ist darunter zu verstehen?

Die Förderung junger Talente ist uns ein grosses Anliegen. Beim Forum können sich alternierend Solisten und Solistinnen, Dirigentinnen und Dirigenten sowie Komponistinnen und Komponisten aus der Schweiz zusammen mit unserem Orchester präsentieren. Dieses Jahr, am 22. Mai, sind die Solisten dran. Wir stellen uns vor, dass Biel für das Forum ideal ist aufgrund der Zweisprachigkeit und der geografischen Lage.

Welche Wünsche haben Sie für sich und das Orchester?

Wenn ich dereinst die Leitung abgebe, möchte ich sagen können, dass das Orchester in allen Punkten bestens aufgestellt aus der Gesellschaft nicht mehr wegzudenken ist.