Spitälervergleich
Chefarzt der Solothurner Spitäler reagiert auf die zu hohe Sterberate

Bei drei Operationen in der Hochspezialisierten Medizin schneidet die Solothurner Spitäler AG (soH) schlecht ab. Der Spitälervergleich bleibt nicht ohne Konsequenzen. Chefarzt Markus Zuber erläutert, welche Lehren er daraus zieht.

Elisabeth Seifert
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Markus Zuber vor dem Kantonsspital Olten: Seit 15 Jahren ist der 61-Jährige Chefarzt der chirurgischen Klinik. Seit 1. April hat er zusätzlich die Funktion des Ärztlichen Direktors der Spitäler AG inne.

Markus Zuber vor dem Kantonsspital Olten: Seit 15 Jahren ist der 61-Jährige Chefarzt der chirurgischen Klinik. Seit 1. April hat er zusätzlich die Funktion des Ärztlichen Direktors der Spitäler AG inne.

Bruno Kissling

Ein klarer Blick, ein fester Händedruck. Man spürt Markus Zuber die Leidenschaft für sein Metier an, verbunden mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein. Trotz einer prall gefüllten Agenda nimmt sich der Chefarzt der Chirurgischen Klinik am Kantonsspital Olten für das Gespräch mit der Presse fast einen Vormittag Zeit. Das schlechte Abschneiden der Solothurner Spitäler AG in der grossen Spitalvergleichs-Statistik des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) beschäftigt ihn. Es muss ihn beschäftigen. Auch deshalb, weil er seit 1. April in einem Teilpensum die Funktion des Ärztlichen Direktors der soH innehat – und damit an vorderster Front mitverantwortlich ist für das medizinische Renommee der Solothurner Spitäler AG.

Bei drei grossen Eingriffen im Bereich der Viszeralchirurgie, die zur Hochspezialisierten Medizin (HSM) gehören, weist die soH im schweizweiten Vergleich eine relativ hohe Mortalitätsrate auf, wie die «Schweiz am Sonntag» publik gemacht hat. Bei Operationen am Pankreas, der Bauchspeicheldrüse, liegen die Solothurner Spitäler mit einer Sterberate von 13 Prozent hinter dem Unispital Basel sowie der Berner Klinik Sonnenhof AG an drittletzter Stelle. Nicht viel besser ist die Rangierung der soH bei der Entfernung eines Teils des Magens, hier stirbt jeder zehnte Patient. Das bedeutet den viertletzten Platz. Persönlich betroffen ist Markus Zuber vom fünftletzten Rang bei Eingriffen am Ösophagus, der Speiseröhre. Im Erhebungszeitraum zwischen 2008 bis 2011 stand er persönlich am Kantonsspital Olten im Operations-Saal. Am Solothurner Bürgerspital war für die gleiche Operation ein anderer Chirurg verantwortlich.

Spitälervergleich

Schweizweit gibts nur eine Statistik

Qualitätsindikatoren der Schweizer Akutspitäler». So lautet der Titel der einzigen jährlichen Spitalvergleichs-Statistik der Schweiz. Sie wird jeweils, gut versteckt, auf der Website des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) aufgeschaltet. Seit 2008 werden die Qualitätsindikatoren vom BAG für alle Akutspitäler berechnet und veröffentlicht. Es besteht dazu ein gesetzlicher Auftrag. Die Qualitätsindikatoren des BAG, die Swiss Inpatient Quality Indicators (CH-IQI), umfassen unter anderem die «Fallzahlen» und «Mortalitätszahlen» Diese werden im Zeitraum zwischen 2008 bis 2012 für 41 Krankheitsbilder und Behandlungen dokumentiert. Für die Zahlen von 2013, die in diesem Sommer publiziert werden, wurden die Qualitätsindikatoren erweitert. Künftig wird die Publikation 48 Krankheitsbilder abdecken. Mit den Qualitätsindikatoren 2012 wurden insgesamt 44 Prozent aller stationären Fälle in den Akutspitälern erfasst. Mit den erweiterten Qualitätsindikatoren 2013 sind es 46 Prozent. Basis für die Berechnung der Qualitätsindikatoren ist die Medizinische Statistik der Spitäler. Diese Daten werden seit 1998 erfasst. Gemäss Auskunft von BAG-Mediensprecher Daniel Dauwalder betrug bereits 2009 die Teilnahmequote für die stationären Fälle schweizweit 99 Prozent. Die dort erfassten Angaben sind auch für die Abrechnung nach SwissDRG relevant. Dass Spitäler gezielt Todesfälle nicht erfassen, um bei den Qualitätsindikatoren vorteilhafter dazustehen, ist gemäss Daniel Dauwalder sehr unwahrscheinlich. (esf)

Verbesserungen eingeleitet

Bei den insgesamt 25 durchgeführten Ösophagus-Operationen an den beiden Standorten im Olten und Solothurn kam es zu drei Todesfällen. Zwei dieser drei Fälle ereigneten sich dabei allein im Jahr 2010, wo total acht Krebs-Patienten am Ösophagus operiert worden sind. «Eine Mortalitätsrate von 25 Prozent, das ist absolut unbefriedigend», kommentiert der Chirurg diese Zahlen kurz und knapp und mit einer entwaffnenden Offenheit. Er sucht nicht nach fadenscheinigen Erklärungen oder Entschuldigungen. Zu berücksichtigen sei aber, so Zuber, dass gerade bei kleineren Fallzahlen ein Todesfall mehr oder weniger prozentual einen grossen Unterschied ausmache. Nicht zu entlocken ist ihm, ob sich die Todesfälle in Solothurn oder Olten ereignet haben. Das Einzige, was der Chefarzt für seine eigene Imagepflege tut: Er bietet eigens für diese Zeitung vier seiner ehemaligen Patienten auf. Und alle vier stellen ihm, dem operierenden Arzt, sowie dem ganzen Spitalteam ein gutes Zeugnis aus. «Ich habe mich in einem Flop-Spital sehr gut aufgehoben gefühlt», sagt der 78-jährige Willi Oppliger.

Auch wenn die Zahlen erst jetzt öffentliche Aufmerksamkeit finden, auf der Website des BAG sind sie längst aufgeschaltet. Noch länger bekannt sind sie den verantwortlichen Ärzten sowie der Spitalführung. Und diese haben reagiert. «Die Zahlen waren der Ausgang für Verbesserungen», hält Markus Zuber fest. Von 2011 bis und mit 2013 konzentrierten die beiden Chefärzte die Eingriffe bei Patienten mit Speiseröhren-Krebs am Bürgerspital Solothurn und führten die Operation nur noch gemeinsam durch. Zuber: «Die Patienten profitieren vom kumulierten Know-how und zudem führt der einzelne Arzt mehr Eingriffe durch.» Ein Vorgehen, das sich – jedenfalls bei den Operationen am Ösophagus – bewährt hat. In den Jahren 2011 bis 2013 war kein einziger Todesfall mehr zu beklagen.

Nicht ganz so erfolgreich scheint dieses «Rezept» bei den Operationen der Bauchspeicheldrüse zu sein. Auch hier führen die Spezialisten die Operationen seit 2011 nur noch gemeinsam durch. 2012 starben dennoch 2 von insgesamt 13 Pankreas-Patienten den Chirurgen unter dem Messer weg. Qualitätsmassnahmen hat die soH schliesslich auch bei der Entfernung eines Teils des Magens ergriffen.

Von Spital-Experten werden immer wieder die Fallzahlen als wichtiges Kriterium für eine gute Behandlungs-Qualität ins Feld geführt. Haben die Spezialisten der Solothurner Spitäler AG insbesondere im Bereich der Hochspezialisierten Medizin (HSM ) also schlicht zu wenige Fälle und damit zu wenig Erfahrung? Die Spitalvergleichs-Statistik des BAG lasse einen solchen Schluss nicht zu, betont Markus Zuber. Das Unispital Basel etwa weist trotz vieler Pankreas-Patienten eine höhere Sterberate auf als die soH. Andererseits gibt es etliche Spitäler in einer ähnlichen Grösse wie die soH, die eine tiefere Rate haben. «Mindestens so wichtig wie die aktuellen Fallzahlen ist die Erfahrung, die ein Arzt auf seinem Gebiet generell vorzuweisen hat.»

Verzicht auf Eingriffe

In der Hochspezialisierten Medizin, wo sich die Kantone seit geraumer Zeit zu einer gemeinsamen schweizweiten Planung verpflichten, spielen die Fallzahlen aber eine entscheidende Rolle. Eine Entwicklung, der sich auch die Soloturner Spitäler AG nicht verschliessen kann. Seit 2014 werden an der soH aus diesem Grund keine Operationen an der Speiseröhre mehr durchgeführt. Dafür nämlich müsste sie mindestens zehn Operationen pro Jahr durchführen können. Anders als so manch anderes Spital habe die soH keinen Rekurs gegen diesen Entscheid geführt, betont Zuber. «Wir akzeptieren diesen Entscheid und tragen die Philosophie mit, die dahinter steht.» Diese bestehe darin, die HSM an grösseren Zentren zu konzentrieren. Wo sich diese schliesslich etablieren werden, stehe zurzeit noch nicht fest. «Nur mit solchen Zentren aber wird es uns in der Schweiz gelingen, den Chirurgen-Nachwuchs auf höchstem Niveau auszubilden», betont der Chefarzt.

Know-how geht verloren

Nach der Ösophagus-Operation dürfte die soH aus den gleichen Gründen in nicht allzu ferner Zukunft auch die Eingriffe am Pankreas verlieren. Künftig nämlich sollen diese nur noch von Spitälern durchgeführt werden, die mindestens 20 Fälle pro Jahr vorweisen können. Auch wenn Markus Zuber und die soH solche national gesetzten Limiten mittragen, so wirklich glücklich sind sie nicht darüber. Verliert die soH Leistungsfelder in der Hochspezialisierten Medizin, dann werde das nicht ohne Konsequenzen bleiben, unterstreicht der Ärztliche Direktor. «Das Know-how solcher Spezialisten hat auch für andere Bereiche eine wichtige Bedeutung.»