Langendorf

Chef von Carunternehmen: «Die Coronakrise wird uns die nächsten Jahre begleiten»

Schneider Reisen musste alle Ausfahrten absagen. Die Umsatzeinbusse ist gross. Zudem belastet der aufgenommene Covid-Kredit das Langendörfer Carunternehmen. Nun hofft man, im Juni wieder Reisen anbieten zu können.

Wenn das Jahr normal verlaufen wäre, würde das Carunternehmen Schneider Reisen nun kurz vor der Hochsaison stehen. «Juni und September sind die stärksten Monate», erzählt Patrick Schneider, der das Unternehmen seit Anfang 2019 mit seinem Bruder Alexander Schneider führt. Bereits im Mai mit Auffahrt und Pfingsten gäbe es viele Carreisen. Es wären sogar noch angemietete Fahrzeuge, zusätzliche Chauffeure und die Chefs selbst unterwegs.

Das Coronavirus hat die Planung aber gehörig durcheinandergewirbelt. Aktuell fahren die Geschäftsführer öfters selbst bei der Kehrichtabfuhr mit, dem zweiten Standbein der Firma. «Wir setzen uns da ein, damit wir keine temporären Arbeitskräfte bezahlen müssen», erklärt Schneider. 

Mit hinterlegten Nummernschildern sparen

Wo immer möglich wird gespart. «Wir haben gefühlte 100 Massnahmen zur Kostenreduktion getroffen», fasst der Geschäftsführer zusammen. Die Cars sind schon lange in der Garage parkiert. Die Nummernschilder wurden hinterlegt. Damit werden pro Tag und Nummer bis zu 40 Franken Fixkosten gespart. Die 12 Chauffeure und ein weiteres Dutzend Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Das sind zwei Drittel der Belegschaft.

Trotz aller Sparmassnahmen: Fixkosten und Kosten für die (Um-)Planung bleiben. Man ist im stetigen Kontakt mit Anbietern von Stadtführungen, Schifffahrten und auch Hotels und Restaurants und versucht Kosten zu vermeiden. Für Patrick Schneider ist es aber wichtig, dass man Angebote so lange wie möglich aufrechterhält. Für die noch anstehenden Tagesfahrten in der Schweiz gibt es aber momentan keine Nachfrage. Auch diese Fahrten werden wohl abgesagt – wie jede einzelne in den letzten Wochen. 

Nur in zwei Prozent aller eingehenden Anrufe, die die Mitarbeiterinnen im Reisebüro entgegennehmen, geht es momentan um eine Buchung. Der Rest betrifft laut Schneider Annulationen, Rückfragen oder sonstige Anliegen. Die Arbeit geht nicht aus, Geld kommt damit auch nicht rein. «Annulationen kosten Zeit und Aufwand, bringen aber keinen Ertrag.»

Der Covid-Kredit belastet

Schneider spricht von rund 25 Prozent des Jahresumsatzes, die bereits verloren gingen. Ein finanzielles Polster konnte er und sein Bruder seit der Firmenübernahme noch nicht aufbauen. Zur Überbrückung hat Schneider Reisen einen Covid-Kredit in der Höhe von 500'000 Franken aufgenommen.

Das hilft zwar bei den laufenden Kosten, «ist aber zusätzlich belastend», meint Patrick Schneider, denn mit diesem Geld dürfe die Firma keine Dividenden auszahlen. «Es kann doch nicht sein, dass wir deswegen plötzlich den Vertrag mit der Bank verlieren!» Der Covid-Kredit muss bis in fünf Jahren zurückbezahlt werden. «Das wird eine harte Zeit», sagt Schneider. «Die Krise wird uns mindestens noch die nächsten vier bis fünf Jahre begleiten.»

Zwei Cars sind Corona-konform eingerichtet

Finanziell aufwärts geht es erst wieder, wenn auch wieder gut gebuchte Carfahrten durchgeführt werden können. Schneider vermutet, dass «die Leute wohl erst wieder buchen, wenn der Bund verlauten lässt, dass die Bevölkerung wieder normal reisen darf.» Dabei dürften die Cars Passagiere transportieren, das 17-seitige Schutzkonzept würde vorliegen. 14 Seiten umfasst die Checkliste, dazu kommen Übersichtstafeln. Zwei Cars hat Schneider Reisen entsprechend der Vorschriften eingerichtet: Die erste Reihe ist zum Schutz des Chauffeurs abgesperrt, es gibt Desinfektionsmittel und die Informationsschreiben für die Kunden liegen auch bereit. Wenn der Abstand nicht eingehalten werden kann, müssen Schutzmasken getragen werden.

«Wir wären eigentlich froh, es würde wieder losgehen», sagt Patrick Schneider. Schnell wären auch die anderen Cars ausgestattet und bereit für Passagiere, wenn die Nachfrage da ist. Mit der Öffnung der Grenzen sollen Carreisen bald auch wieder ins Ausland führen. «Stand jetzt möchten wir ab dem 15.Juni 2020 wieder Deutschland, Österreich und Frankreich bereisen.» Das alles hängt nun davon ab, wie reiselustig die Schweizer sein werden.  

Pferd Trisan zur Situation während Corona

Im Unternehmen hat man sich deshalb viele Gedanken gemacht, wie man jetzt die Kundschaft ansprechen kann – «ohne zu jammern und zu betteln», das ist Patrick Schneider wichtig. So entstand als Teamleistung die Kampagne We have a dream: Wer einen Gutschein kauft, soll ein Angebot erhalten, das sonst so nicht existiert. «Wir wollen die Kunden animieren, dass sie weiterhin den Traum vom Reisen mit uns teilen», erklärt der Geschäftsführer. «Für die Unterstützung, die sie uns geben, wollen wir eine gute Gegenleistung bieten.» 

Als Verbindung zwischen Kunde und Unternehmen fungiert zudem ein Pferd. Aber warum? Als der Grossvater der jetzigen Firmeninhaber in den 1950er Jahren die ersten Ausfahrten unternahm, zog er noch mit Pferd und Wagen durch die Landschaft rund um Solothurn. Eingespannt war Stute Trisan, die heute auch auf dem Car zum 40-Jahr-Jubiläum der Firma Schneider Reisen im 2018 zu sehen ist.

In der Coronakrise fühlt man sich im Unternehmen wie zu den Anfängen. Alles muss aufgebaut werden. Pferd um Pferd bzw. Car um Car werden auf die Strasse geschickt. In einer Audiodatei auf der Homepage kann sich der Besucher nun die Sicht von Stute Trisan auf die Coronakrise und deren Auswirkungen auf das Unternehmen anhören. In jener Zeit würden die Pferde alle ohne Hufeisen und scharrend im Stall stehen. Heute sind es die Reisecars ohne Nummern.

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